Häusliche Gewalt

04. April 2017 15:40; Akt: 04.04.2017 15:40 Print

«Opfer wollen nur, dass die Gewalt aufhört»

Bei der Baselbieter Staatsanwaltschaft kümmert sich seit 2016 eine Fachstelle um häusliche Gewalt im Kanton. Die Zahl der Verfahren steigt – nicht aber die der Verurteilungen.

Jacqueline Bannwarth, Leitende Staatsanwältin im Kanton Baselland, kennt die Gründe, weshalb Frauen Verfahren gegen ihren Partner sistieren.
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Zuhause lebt es sich am gefährlichsten: Gesamtschweizerisch geschehen rund 40 Prozent der Gewaltdelikte im Kontext häuslicher Gewalt, bei den vollendeten Tötungen sind es gar über 70 Prozent. Im Kanton Baselland wurden letztes Jahr 147 Verfahren wegen häuslicher Gewalt eingeleitet – 110 davon wurden wieder eingestellt. Nur in 13 Fällen wurde ein Strafbefehl erlassen und in 8 Fällen Anklage erhoben. «Das ist so, weil die Opfer das so wollen und es das Gesetz zulässt», erklärt Jacqueline Bannwarth, Leiterin der Fachstelle Häusliche Gewalt bei der Baselbieter Staatsanwaltschaft.

Ihre Fachstelle wurde erst letztes Jahr geschaffen. Bannwarth beschäftigt sich aber schon viel länger mit der Thematik und kennt die Gründe, weshalb Frauen ihre gewalttätigen Partner nicht rechtlich belangen wollen. Was mit Tätlichkeiten und Drohungen anfängt, kann rasch eskalieren. «Wenn die Frau mit den Kindern den Mann verlässt, wird die Situation gefährlicher», sagt Bannwarth.

Auch dem Mord an einer 64-jährigen Schweizerin im November 2015 in Frenkendorf ging eine solche Geschichte voraus. Der Täter war ihr Ex-Partner. Der Schweizer wurde 2011 vorzeitig aus dem Strafvollzug entlassen. Der Ex-Bodybuilder hatte bereits 1994 seine damalige Ex-Partnerin und ihren Bruder getötet.

«Sie wollen nur, dass die Gewalt aufhört»

Oftmals sei auch das Selbstvertrauen der Frauen zerstört. «Sie trauen sich ein selbständiges Leben nicht mehr zu», so Bannwarth. Es würden sich Fragen nach Einkommen, Arbeit und Betreuung stellen. Oftmals landeten alleinerziehende Mütter auch in der Sozialhilfe. «Für manche ist Bleiben daher das geringere Übel», sagt sie. Viele Opfer wollten ihrem Mann auch nicht schaden. «Sie wollen nur, dass die Gewalt aufhört.»

Ein Verfahren wegen häuslicher Gewalt anzustrengen ist seit 2011 mit der Einführung der neuen Strafprozessordnung zu einer noch grösseren Belastungsprobe für die Opfer geworden. «Macht die Frau Aussagen, kann der Mann sein Teilnahmerecht geltend machen», erklärt Bannwarth. Sprich: Das Opfer muss seinen Peiniger in dessen Beisein belasten. «Früher konnte man den Täter ausschliessen. Uns macht das gar keine Freude.»

(lha)