Mangels Interesse

09. Mai 2018 11:54; Akt: 09.05.2018 12:09 Print

Jahrhundert-Wörterbuch wurde nicht gedruckt

250 Jahre lang verstaubten rund 100'000 Zettel eines Professors im Keller der Universitätsbibliothek Basel. Daraus hätte das grösste deutsche Wörterbuch des 18. Jahrhunderts werden sollen.

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Bei Recherchen stiess Heinrich Löffler zufällig auf eine Sensation: Im Keller der Universitätsbibliothek fand der emeritierte Sprachwissenschaftler 20 Bände eines handschriftlichen Wörterbuchs sowie eine grosse Schachtel mit 33'000 losen Zetteln von Johann Jakob Spreng (1699–1778).

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Sie alle hatte der Basler Professor Spreng in immenser Arbeit für ein historisch-etymologisches Wörterbuch gesammelt und für den Druck bestimmt. Mit 95'000 Einträgen wäre es mit Abstand das grösste Wörterbuch des 18. Jahrhunderts gewesen. Erst das «Deutsche Wörterbuch» der Gebrüder Grimm rund 80 Jahre später übertraf das geplante Basler Glossar. Doch für den Druck fanden sich nicht genug Käufer. Sprengs Crowdfunding in der frühen Neuzeit scheiterte, könnte man sagen.

Aussenseiter Spreng löste Skandal aus

«Wäre das damals umfangreichste deutsche Wörterbuch gedruckt worden, wäre das eine Sensation gewesen», sagt Löffler. Solche Glossare galten als wichtig für die aufkommende Pflege der deutschen Schriftsprache, die bei Gelehrten das Latein ablösen sollte. Wie damals üblich, verfasste Spreng sämtliche Einträge selbst.

Dass Spreng für sein Wörterbuch damals nicht genug Interessenten fand, könnte laut Löffler daran liegen, dass er als ausserordentlicher Professor an der Universität ohne Salär als Aussenseiter galt. Das Bewusstsein für das neue Deutsch als Hochsprache oder gar als Wissenschaftssprache war noch nicht verbreitet.

Seinen Lebensunterhalt verdiente sich der Gelehrte – er lebte in ständiger Geldnot – als Waisenhauspfarrer. Dazu kamen 1763 ein Skandal und ein Publikationsverbot, da sich der Professor in frivolem Ton über katholische Heiligenlegenden ausgelassen haben soll.

Chaotisch und unvollständig?

Nach seinem Tod lagen die Bände wie die Schachtel mit den Zetteln und Notizen fast 100 Jahre lang bei seinen Erben. 1862 kam das Material in die Handschriftenabteilung der Universitäts­bibliothek. Lange hatte es den Ruf, chaotisch und unvollständig zu sein. So fehlten auf den ersten Blick die Einträge für zehn Bände respektive Buchstaben.

Erst als die Linguisten das Material ausgelegt und geordnet hatten, stellten sie fest, dass die vermissten Wörter vollständig auf den Zetteln vorhanden waren. Diese steckten allerdings in über 1000 kleinen Couverts, die unter dicken Staubschichten durcheinanderlagen.

Aufbereitung dauert sechs Jahre

Nun ist man in der Universitätsbibliothek seit drei Jahren intensiv daran, sämtliche Bände und Zettel des «Glossariums» zu reinigen und zu digitalisieren. Löffler, Kollegen und Freiwillige schreiben die handschriftlichen Zettel ab und bringen sie in eine druckfertige Form.

Etwa ein Drittel der Edition ist bisher geschafft – im Ganzen werden es bis zum geplanten Abschluss in etwa drei Jahren geschätzte 4500 zweispaltige Druckseiten sein.

Ausstellung zu Leben und Werk

Unter dem Titel «Ein sprachlicher Jahrhundertschatz wird gehoben» organisiert die Universitätsbibliothek Basel (UB) zum diesjährigen 250. Todestag von Spreng vom 30. Mai bis 1. September 2018 eine Ausstellung.

Eröffnung mit Einführungsvortrag ist am 30. Mai 2018 um 18 Uhr im Ausstellungsraum der UB.

(sis)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Raffzahn am 09.05.2018 13:07 Report Diesen Beitrag melden

    Leider keine Ausnahme

    Unglaublich, dass man 20 Bände während Jahrzehnten unentdeckt lagern konnte. Bei etwas Pflege und Liebe zum Detail sowie Datenpflege, wüssten sie, was sie haben. Es geht hier allgemein um die Pflege der Museums und Bibliotheksbestände. Raffen alles zusammen und wissen danach nicht wohin damit.

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  • Typhoeus am 09.05.2018 21:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hätte es wesentlicht

    leichter mit einem Computer haben können.

  • Dani D am 09.05.2018 15:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unötig

    Was soll man mit den anfangen wir brauchen solch alte sachen nicht....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Typhoeus am 09.05.2018 21:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hätte es wesentlicht

    leichter mit einem Computer haben können.

  • Dani D am 09.05.2018 15:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unötig

    Was soll man mit den anfangen wir brauchen solch alte sachen nicht....

    • Frau52 am 10.05.2018 07:25 Report Diesen Beitrag melden

      Antwort@Dani D

      Gäbe es die von Ihnen genannten "alten Sachen" nicht, wären wir nicht hier, so wie wir sind. Ein solches Wörterbuch kann mitunter sehr spannend sein, um zu erkennen wie sich die Sprache in den vergangenen 250 Jahren entwickelt und verändert hat. Es schadet unserer Gesellschaft überhaupt nichts, etwas über die gepflegte Sprache von vor 250- 300 Jahren zu erfahren. Das Wörterbuch von Hr. Spreng, ist gesellschaftlich u. kulturell sehr interessant. Bei der Sprache die heute oftmals gesprochen wird, greife ich mir zwischendurch an den Kopf.

    • Danny am 11.05.2018 15:22 Report Diesen Beitrag melden

      @Dani D.

      Auch Dani D. wird irgendwann mal alt. Ob man ihn dann noch braucht ?

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  • Raffzahn am 09.05.2018 13:07 Report Diesen Beitrag melden

    Leider keine Ausnahme

    Unglaublich, dass man 20 Bände während Jahrzehnten unentdeckt lagern konnte. Bei etwas Pflege und Liebe zum Detail sowie Datenpflege, wüssten sie, was sie haben. Es geht hier allgemein um die Pflege der Museums und Bibliotheksbestände. Raffen alles zusammen und wissen danach nicht wohin damit.

    • Loki am 09.05.2018 13:39 Report Diesen Beitrag melden

      Raiders of the Lost Key

      In letzter Zeit häufen sich solche Meldungen , was so alles in den Verstaubten Lagern und Bibiliotheken dieser Welt nun plötzlich wiederentdeckt wurde. Fast ein bisschen beschämend für diese Unis etc. , dass die nicht wissen was Sie so am Lager haben. Der nächste Indiana Jones spielt dann wohl entweder im Smithsonian Museum oder im Louvre statt.

    • Chris am 09.05.2018 14:16 Report Diesen Beitrag melden

      Ebä nid

      Das sehe ich komplett anders,Herr Raffzahn. Dank der Bibliothek hat das Werk überhaupt bis heute überlebt. Wäre es in privater Hand geblieben, wäre es schon längst im Müll gelandet: Ein altes Buch mit eingeklebten Notizen, wovon viele sogar lose in Couverts liegen: No way, dass das Objekt solange überlebt hätte! Das Werk und seine Bedeutung wurde in der Bibliothek übrigens von einem pensionierten Sprachprofessor entdeckt, der ohne Bezahlung aus Interesse weiterforscht. Dei Bibliothek erhält nicht genügend Geld, um Wissenschafter auf die Suche nach solchen hausinternen Schätzen zu schicken.

    • nico basler am 09.05.2018 16:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Chris

      Das ist so. Aber bringen sie das mal Leuten wie "Rafzahn" oder "Loki" bei.

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