Astroturfing aus Basel

19. Januar 2017 10:41; Akt: 19.01.2017 10:41 Print

Behörden pfuschen an Wikipedia-Einträgen herum

290-mal in den letzten fünf Jahren wurden Artikel der Online-Enzyklopädie Wikipedia von Computern der Verwaltung aus verändert. Die «Ergänzungen» waren nicht immer neutral.

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Baselstädtische Behörden machen sich regelmässig an Wikipedia-Artikeln zu Schaffen. Dabei bleiben sie nicht immer neutral. (Bild: Screenshot Wikipedia)

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Das Phänomen heisst Astroturfing und ist im englischsprachigen Raum bestens bekannt: Es beschreibt die Manipulation von öffentlich zugänglichen und angeblich neutralen Informationen durch Politik und PR. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist ein beliebtes Ziel für solche Eingriffe. Recherchen der «BZ Basel» haben ergeben, dass die baselstädtischen Behörden in den letzten fünf Jahren gleich 290 mal in die Tasten gehauen haben, um Einträge auf der Plattform zu ändern.

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Das allein ist an sich kein Problem. «Wenn Verwaltungsmitarbeiter auf Wikipedia Fehler korrigieren oder Einträge in neutraler Sprache durch fehlende Fakten ergänzen, freut uns das», sagt Micha Rieser, Vorstandsmitglied von Wikimedia Schweiz, gegenüber der Zeitung. Heikel werde es dann, wenn die vorgenommenen Änderungen klar eine Agenda widerspiegeln.

Digitales «Nachtreten»

So habe ein Regierungsmitarbeiter auf Wikipedia scharf gegen Marie-Paule Jungblut, ehemalige Direktorin des Historischen Museums (HMB), geschossen – und das im Eintrag über sie. Jungblut hatte in ihrer Zeit als Leiterin der Institutionen bis Herbst 2015 Schwächen im Personal- und Finanzmanagement an den Tag gelegt, wodurch das Museum in finanzielle Schieflage geriet. Der Beamte formulierte es auf Wikipedia so: Jungblut habe «ein nicht unerhebliches Finanzloch verursacht» und «dennoch eine hohe Abgangsentschädigung kassiert».

Für die Korrektoren von Wikipedia ging das zu weit. Laut der BZ hätten sie die Änderung widerrufen und den Hinweis auf Jungbluts Abgang vom HMB neutraler ausgedrückt: «Jungblut wurde hinsichtlich der finanziellen Verfassung des Historischen Museums in der Presse kritisiert».

Unbeholfenheit oder böse Absicht?

Wirklich böswillig seien die meisten Änderungen nicht, so Rieser. Tatsächlich entpuppten sich viele als schlichte Ungeschicklichkeit seitens derer, die die Änderungen vornehmen würden. «Es fällt allgemein auf, wie unbeholfen viele PR-Leute mit der Sprache in Wikipedia-Einträgen umgehen, insbesondere in der Schweiz», hält Rieser fest. Ihnen sollte klar sein, dass die eynzklopädischen Artikel nicht deckungsgleich mit dem eigenen Internetauftritt sein könnten.

So sei die Sammlung des Basler Kunstmuseums plötzlich «weltberühmt» gewesen. Auch dieses schmeichelnde Adjektiv passte für die Wikipedia-Mitarbeiter nicht zum Ton des digitalen Nachschlagewerks und wurde kurzerhand wieder entfernt. Laut der BZ wurde die Formulierung wortwörtlich von der Webseite des Museums übernommen.

(las)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tja am 19.01.2017 10:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Wunder

    Wenn die heutigen Medien selbst nicht mehr genau wissen was neutrale Berichterstattung ist, wird es umso schwieriger für die Leser es richtig zu machen.

  • Zu viel-Zeit? am 19.01.2017 11:02 Report Diesen Beitrag melden

    Typisch Verwaltungen

    Die Wiki Einträge kann man von zu hause aus ändern aber von der Arbeit in einer Verwaltung aus? Aufräumen und Kündigungen aussprechen!

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  • G. Sepp am 19.01.2017 10:56 Report Diesen Beitrag melden

    Es war einmal...

    Da hauen wohl die BS Behörden in die gleiche Kerbe wie derjenige, der die Beeinflussung der Menschen durch die Massenmedien mit Klavierspielen verglich.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ottokar Rex am 22.01.2017 07:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vertrauensbruch

    Baselstädtisches Beamtentum: Während der Arbeitszeit im Internet herumkurven. Ist klar! Und die Anliegen und Bedürfnisse der Bürger bleiben liegen! Deshalb: Internet am Arbeitsplatz konseqent sperren!

  • Butch am 21.01.2017 22:27 Report Diesen Beitrag melden

    Logisch

    Vom Computer der Behörden aus, ist es schwieriger heraus zu finden, wer das geschrieben hat. Anonym Schaden anrichten und politisieren. Aber Zeitungen sind da nicht besser: Unterstellungen in Zeitungsartikeln, einseitiges beleuchten von Themen, nicht anzeigen von Kommentaren. Die ganzen Medien sind manipulativ.

  • Christoph Maurer am 20.01.2017 09:46 Report Diesen Beitrag melden

    Die dunkle Seite der Wikipedia

    Einfach mal Googeln: "Die dunkle Seite der Wikipedia"

  • Berner Bär am 20.01.2017 08:30 Report Diesen Beitrag melden

    Wikipedia alles andere als neutral

    Die deutsche Version von Linki...äh, Wikipedia ist sowieso alles Andere als neutral. Zensoren, "Administratoren" genannt, bestimmen, ob eine Ergänzung, eine Aenderung oder ein Neueintrag politisch korrekt ist und übernommen wird. Auch bei völlig unpolitischen Themen wie der Verbreitung von Orchideen. Nicht umsonst heisst es an Unis, dass (das deutschsprachige) Wikipedia keine zuverlässige Informationsquelle ist.

  • Rolf Graf am 19.01.2017 23:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pfusch wo man hinschaut

    Im pfuschen sind unsere Behörden richtig gut. Immerhin eine Sache die reibungslos klappt.

    • Sven am 20.01.2017 05:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rolf Graf

      Ich habe mittlerweile Augen-Tinnitus . Wo ich hinschaue sehe ich Pfeifen.

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