Dornach

26. Oktober 2015 05:53; Akt: 26.10.2015 08:58 Print

Behörden trennen kleine Brüder gegen ihren Willen

Ein Bruder bleibt beim Vater, der andere lebt jetzt bei der Mutter in Kanada: Ein Gerichtsurteil reisst zwei Brüder gegen ihren ausdrücklichen Wunsch auseinander.

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Am vergangenen Mittwoch hat das Richteramt Dorneck-Thierstein zwei Brüder (7 und 11) in einem umstrittenen Urteil getrennt. Der jüngere wurde seiner Mutter zugesprochen, die mit ihm bereits nach Quebec (Kanada) abreiste – der ältere bleibt bei seinem Vater in der Schweiz. Es ist das vorläufige Ende eines Sorgerechtsstreits, bei dem die Kinder selbst von den Behörden übergangen wurden. James* und Ben K.* hatten während des Sorgerechtsstreits stets den Wunsch geäussert, bei ihrem Vater bleiben zu können. Ben (11) hat nun am Samstag eine Twitter-Kampagne gestartet, um seinen Bruder zurückzubekommen.

«Dieser Entscheid ist mit dem Kindswohl nicht vereinbar», hatte die Anwältin der Kinder in einer Eingabe ans Gericht postuliert. Sie war vom Gerichtspräsidenten zur Wahrung der Interessen der Geschwister eingesetzt worden. Sie verlangte, dass das Urteil des Amtsgerichts superprovisorisch aufgehoben wird, bis ihre Appellation vor dem Solothurner Kantonsgericht behandelt ist. Das wurde am Donnerstag mit der Begründung abgelehnt, dass keine Gefahr bestehe, dass James unmittelbar nach Kanada gebracht werde. Nur 24 Stunden vor diesem Entscheid hatte ein Arzt vor einem schweren Trauma bei James gewarnt, falls dieser von seinem Bruder getrennt würde.

Schlimmstmögliche Wendung

Doch James ist nun kurz nach dem Urteil der Schweizer Jurisdiktion entzogen worden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ben und sein Bruder wiedervereint werden, ist verschwindend klein geworden. «Ein Schutz des Kindes ist in Kanada nicht mehr gewährleistet», so die Anwältin der Kinder. Selbst wenn dem Vater die Obhut im obergerichtlichen Verfahren zugesprochen werden sollte, sei es höchst fraglich, ob diese durchgesetzt werden könne: Die kanadischen Behörden würden einem Schweizer Urteil entgegen dem Willen der Kindsmutter kaum Folge leisten. Die Eltern stammen beide aus Kanada, ihre Kinder kamen aber in Basel zur Welt und wuchsen hier auf. Vater Tom K.* hat hier mittlerweile ein Unternehmen gegründet. Die Mutter erlitt vor drei Jahren ein Burn-out und wollte zurück nach Kanada.

Für die Kinder hat das Schicksal damit die schlimmstmögliche Wendung genommen. Bevor das Urteil gefällt wurde, verbrachten sie zwei Monate Wochen im Durchgangsheim Vogelsang in Basel – vereint, aber vom Vater getrennt. Dort litten sie nach Angaben des Vaters psychisch stark. Auch das Gericht hält in seinem Urteil fest, dass es den Kindern dort «zunehmend schlechter ging». In einem Bericht des Durchgangsheims ist protokolliert, dass ein Notfallpsychiater aufgeboten werden musste. Nun sind die Kinder vom Regen in die Traufe gekommen. «Dritter Tag ohne eine Nachricht von James. Er fehlt mir enorm», schreibt Ben am Sonntag auf Twitter.

Vater fühlt sich von Behörden diskriminiert

In Kanada machte der Sorgerechtsstreit bereits Schlagzeilen. Die Zeitung «Le Soleil» berichtete im August, die Kinder würden in der Schweiz als «Geiseln» gehalten. Eine vom Cousin der Mutter lancierte Online-Petition forderte ihre Befreiung und stützt sich dabei auf die ursprünglichen Empfehlungen der Sozialarbeiter der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Diese Empfehlungen wurden aber zugunsten des Vaters geändert und zwei Sozialarbeiter vom Fall abgezogen, weil sie nicht neutral handelten.

Derweil habe auch die Mutter ihre Pflichten vernachlässigt. So habe sie weder das Schulgeld der Kinder noch die Hypothekarzinsen für das von ihr bewohnte Haus der Familie in Metzerlen SO bezahlt, weshalb die Bank letztlich seine Pensionskasse dafür plünderte. «Das Gericht hat nie interveniert», sagt Tom. «Es fühlt sich an, als wäre ich von Beginn weg diskriminiert worden, weil ich Vater bin.»

Letzte Hoffnung ist ein kanadisches Gericht

Tom hat trotz dieser Niederlage die Hoffnung nicht aufgegeben und einen Anwalt in Quebec mandatiert. Die dortigen Behörden werden den Fall aber frühestens 20 Tage nach dem endgültigen Schweizer Urteil aufnehmen. Dies muss möglicherweise das Bundesgericht fällen. Bis dahin wird Ben wohl noch viele traurige Tweets in die Welt absetzen.


* Namen geändert

(lha)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Selber Mutter am 26.10.2015 06:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was ist das für eine egoistische Mutter

    Sie hätte im Interesse und zum Wohle der Kinder ihre Wünsche zurückstellen müssen. Wie kann sie damit leben, dass sie das Kind gezwungen hat, nach Kanada mitzukommen, getrennt von seinem Bruder und Vater zu sein, obwohl es mehrfach mitgeteilt hat, dass es das nicht will. Wie kann sie mit dieser Schuld und dem Hass, den das Kind unweigerlich auf sie entwickeln wird, leben?

  • Der am 26.10.2015 07:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Güte...

    Lasst die Kinder doch entscheiden, wohin sie wollen! Meistens ist das dann auch das Beste für sie!!

  • trudi am 26.10.2015 07:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wahnsinn

    Und wiedereinmal leiden die unschdigen Kinder unter den egoistischen Eltern die ihren Willen durchsetzten wollen. Aus eigener Erfahrung weiss ich das es fast nichts schlimmeres gibt als Geschwister zu trennen. Das Urteil kann ich absolut nicht nachvollziehen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mary Roos am 26.10.2015 07:54 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Güte

    Als erstes sollte man die Eltern zur Rechenschaft ziehen. Kann ja nicht sein, dass man als Eltern möchte, dass es den Kindern schlecht geht. Nur wegen deren Machtkampf muss man nun diese 2 Brüder trennen. Ich habe für solche Aktionen keine Worte. Kann nur schreiben, ganz schlimm und die Eltern sollten sich schämen.

  • KESB Opfer am 26.10.2015 07:51 Report Diesen Beitrag melden

    Die Kesb lässt grüssen

    Gibts eigentlich nur etwas, wo bei der KESB mit normalem Menschenverstand abläuft? Kein Wunder, wenn da die Leute rot sehen

    • Anonym am 26.10.2015 10:31 Report Diesen Beitrag melden

      KESB?

      Scheint als hättest du den Artikel nicht richtig gelesen....

    einklappen einklappen
  • Der am 26.10.2015 07:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Güte...

    Lasst die Kinder doch entscheiden, wohin sie wollen! Meistens ist das dann auch das Beste für sie!!

  • trudi am 26.10.2015 07:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wahnsinn

    Und wiedereinmal leiden die unschdigen Kinder unter den egoistischen Eltern die ihren Willen durchsetzten wollen. Aus eigener Erfahrung weiss ich das es fast nichts schlimmeres gibt als Geschwister zu trennen. Das Urteil kann ich absolut nicht nachvollziehen

  • Susanne am 26.10.2015 07:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zerreissprobe:

    Es sind weder die Behörden, das KESB, noch das Gericht, sondern die Eltern lösten dieses Chaos aus! Warum sie aber fremdplatziert wurden in einem Basler Heim, ist mir ein Rätsel, denn sie hätten ja ein Zuhause gehabt! Solche Eingriffe gehören verboten und Heimeinweisungen NUR als letzte Möglichkeit angeordnet. Wenn es der Mutter wirklich um das Wohl der Kinder gehen würde, würde sie noch ein paar Jahre warten mit der Rückkehr nach Kanada, bis die Jungs dann selber entscheiden könnten und auch selber reisen könnten.