Basel

13. Juli 2018 06:18; Akt: 13.07.2018 06:18 Print

Forscher entschlüsseln 2000 Jahre alten Papyrus

Seit dem 16. Jahrhundert befindet sich das Schriftstück in Basel – Generationen von Forschern bissen sich daran die Zähne aus. Nun ist das Rätsel gelöst: Die Forscher sind völlig ausser sich.

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«Das ist eine sensationelle Entdeckung», so Sabine Huebner, Professorin für Alte Geschichte an der Universität Basel. «Wir können jetzt sagen, dass es sich um eine medizinische Schrift aus der Spätantike handelt, die das Phänomen des hysterischen Atemstillstands beschreibt.»

Seit drei Jahren erforschen Huebner und ihr Team die Papyrussammlung – jetzt konnte das 2000 Jahre alte griechisches Schriftstück erstmals entziffert werden, wie die Universität Basel am Donnerstag mitteilte. Die beiden Papyri, die bereits im 16. Jahrhundert nach Basel gelangten und vermutlich zum Kunstkabinett des Basilius Amerbach gehörten, gaben Generationen von Forschern ein Rätsel auf.

Mittelalterlichem Recycling zum Opfer gefallen

Das Basler Digital Humanities Lab fertigte Ultraviolett- und Infrarot-Aufnahmen des beidseitig mit Spiegelschrift beschriebenen Dokuments an. So fand man heraus, dass es sich um mehrere ineinander verklebte Papyrusschichten handelt, wie es in einer Mitteilung der Universität heisst. Vermutlich habe man die Papyri im Mittelalter recycelt und zusammengeleimt als Bucheinband verwendet. Um die Schriftstücke wieder lesbar zu machen, wurde ein spezialisierter Papyrusrestaurator nach Basel geholt. Ihm sei es gelungen, die einzelnen Lagen zu trennen.

«Wir gehen davon aus, dass es sich entweder um einen Text des römischen Arztes Galen handelt oder aber um einen unbekannten Kommentar zu dessen Werk», so Hueber. Nach Hippokrates gelte Galen als der bedeutendste Arzt des Altertums. Da es sich um einen literarischen Text handle, sei das Fundstück um so wertvoller, so die Professorin. Der entscheidende Hinweis zur Lösung des Rätsels sei aus Italien gekommen. Ein Experte habe Parallelen zu den berühmten Ravenna Papyri aus der Kanzlei der Erzdiözese Ravenna gesehen, die nach dem gleichen Prinzip recycelt worden seien.

Einblicke in den Alltag der Spätantike

Mit der Entzifferung der beiden so genannten Amerbach-Papyri komme das Editionsprojekt der Basler Papyrussammlung zum Abschluss. Insgesamt seien 65 Schriftstücke in fünf Sprachen aus ptolomäischer, römischer sowie spätantiker Zeit digitalisiert, transkribiert, kommentiert und übersetzt worden. Die meisten Dokumente könnten einen Einblick in den Alltag einfacher Leute, die vor rund 2000 Jahren lebten, geben.

Da die Papyri vielfach nur in Bruchstücken oder Fragmenten überliefert seien, sei der Austausch mit anderen Sammlungen zentral. Mit der Bereitstellung der digitalisierten Dokumente auf internationalen Datenbanken, erhoffe sich Huebner einen neuen Schub für die Papyrusforschung. «Die Papyri gehören alle zu einem grösseren Kontext», so Huebner. Personen, die in einem Basler Papyrustext erwähnt würden, kämen auch in Texten, die sich an anderen Orten befinden, vor. «Es sind die digitalen Möglichkeiten, die uns erlauben, diese Mosaiksteine wieder zu einem Gesamtbild zusammenzufügen», sagt sie. Die Publikation aller Papyri erfolge nächstes Jahr in Buchform und digital, so Huebner.

(lb)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Damita am 13.07.2018 07:49 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr!!

    Super Beitrag! Wir wollen mehr davon...da könnt ihr gerne auf irgendwelche nichtssagende Instagram-News verzichten, Danke!

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  • Jack am 13.07.2018 07:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sensation

    Einen hysterischen Atemstillstand löst sich bei mir auch aus wenn ich die Krankenkasserechnung erhalte. Man könnte sie auch mal für 2000 Jahre beiseite legen und warten bis sie dann von ein paar Forschern als Sensation dargestelkt wird...

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  • Medo am 13.07.2018 07:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    super, gratuliere!

    Endlich good news und vielleicht können wir noch einiges von früher lernen. z.B. nicht nur Chemie und Antibiotika zu schlucken.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Teutates am 13.07.2018 09:24 Report Diesen Beitrag melden

    Alles völlig falsch interpretiert!

    Es ist die erste Zutaten-Liste für eine Pizza-Antika!

  • Meinereiner meint: am 13.07.2018 08:24 Report Diesen Beitrag melden

    Es fällt schon auf, dass es

    IMMER Kommentare hat - zu Artikeln wie diesem mit wissenschaftlichem Hintergrund, allgemeinverständlich und unterhaltsam im Text - welche betond lobend ausfallen und mit der anschliessenden Bitte um mehr solcher Artikel. Ich kann mich dem nur anschliessen.

  • Kachina am 13.07.2018 08:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte Inhalte!

    Gerne hätte ich aus dem Inhalt der Schrift gelesen!

    • S.G. am 13.07.2018 08:58 Report Diesen Beitrag melden

      Artikel zu Ende gelesen???

      Können Sie ja nächstes Jahr wenn es in Buchform rauskommt.

    • maja naef am 13.07.2018 11:38 Report Diesen Beitrag melden

      unverständlich

      Das ist doch Allgemeingut, warum muss ich das Buch kaufen um den Inhalt lesen zu dürfen?

    • Ansgar Naet am 13.07.2018 13:30 Report Diesen Beitrag melden

      Open Access

      Es ist in der Tat Allgemeingut, daher wird die entsprechende Publikation wohl auch allgemein online abrufbar sein (Open Access), wie es der Schweizerische Nationalfonds für seine Förderung wissenschaftlicher Publikationen vorsieht.

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  • Damita am 13.07.2018 07:49 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr!!

    Super Beitrag! Wir wollen mehr davon...da könnt ihr gerne auf irgendwelche nichtssagende Instagram-News verzichten, Danke!

    • RegnumBohemiae 1182 am 13.07.2018 10:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Damita

      vor allem wäre der übersetzte Text ansich interessant, um mal einen Einblick früherer Schreibkunst zu gewinnen, nur die Info hier zu bringen ist mager :(

    • Antwort am 13.07.2018 17:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @RegnumBohemiae 1182

      Vielleicht liegt ja der übersetzte Text den Zeitungen nicht vor.

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  • Jack am 13.07.2018 07:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sensation

    Einen hysterischen Atemstillstand löst sich bei mir auch aus wenn ich die Krankenkasserechnung erhalte. Man könnte sie auch mal für 2000 Jahre beiseite legen und warten bis sie dann von ein paar Forschern als Sensation dargestelkt wird...

    • Davide am 13.07.2018 08:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Jack

      Leute wie sie, haben wahrscheinlich aus Ignoranz auch die Papyri zusammengeklebt. Diese Einstellung ist der Untergang unser westlicher Kultur. Aber das ist ja auch gerade populär (siehe Untergangspolitiker)

    • Swiss ship yard am 13.07.2018 08:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Jack

      Ich liebe deinen Kommentar!! Er ist witzig und die Idee ist wunderbar. Dass ausgerechnet die Krankenkassenrechnung ein medizinisches Problem auslöst, ist eine köstlich ironische Idee!

    • Jack am 13.07.2018 08:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Davide

      Vielleicht ist es auch die Notwendigkeit gewesen... Wen die Prämien immer steigen, muss irgendwo gespart werden - z.Bsp. bei den Buchdeckeln. Sie lassen sich aus alten Rechnungen zusammen kleben. Wie das im Artikel erwähnt ist. Ich finde es eine gute Idee. Deshalb geht keine Ideologie zu grunde - schon gar nicht die westliche...

    • S.G. am 13.07.2018 09:00 Report Diesen Beitrag melden

      @Davide

      Es ist ebenso ignorant wenn man Sarkasmus nicht erkennt.

    • Bernt am 13.07.2018 09:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Jack

      Keine Ahnung was du uns mitteilen willst.Und in 2000 Jahren interessiert niemanden wie hoch deine KK ist .Eigentlich jetzt schon.

    • El Grazo am 13.07.2018 10:18 Report Diesen Beitrag melden

      @jack

      Du könntest die Rechnungen natürlich auch zusammenkleben und als Bucheinband nutzen

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