Basel

23. November 2017 06:06; Akt: 23.11.2017 09:10 Print

Keine PCs für Vereine – wegen US-Blacklist

Zwei Basler Vereine orderten mehrere Laptops, doch sie wurden nie geliefert. Grund: An derselben Adresse befindet sich laut einer US-Blacklist eine pro-palästinensische Hilfsorganisation.

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Verstehen die Welt nicht mehr: Barbara Bottazzini und Sahin Tüzün. (Bild: rob)

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Anfang November kauften die beiden gemeinnützigen und verbundenen Vereine Youturn und Fitforwork in der Melectronics-Filiale im M-Parc Dreispitz Elektronik-Artikel im Wert von mehreren Tausend Franken. Youturn widmet sich der intensiven Wohnbegleitung von Jugendlichen; Fitforwork der Arbeitsintegration von Erwachsenen. Beide sind amtlich gemeldet.

Einen Teil der Ware konnten die Geschäftsführer direkt mitnehmen, der Rest sollte in der folgenden Woche geliefert werden. Die Bestellung umfasste unter anderem sechs Laptops, die der Verein für Mitarbeiter und Kurse benötigte.

Die Laptops haben die Vereine nie erhalten. «Die Migros sagte, dass es Probleme mit der Zustellung an die Adresse gebe», erzählt Sahin Tüzün, Geschäftsführer von Youturn. Als er den genauen Grund erfuhr, verstand er die Welt nicht mehr: Die Migros teilte Tüzün mit, dass für Tech Data (Schweiz) GmbH, der Schweizer Ast eines Elektronik-Distributors mit Sitz in den USA, die Zustellung an die Gärtnerstrasse 55 nicht möglich sei. Dort führen die Vereine ihre beiden Büros. Es sei von potentieller Nähe zu einer pro-palästinensischen Hilfsorganisation die Rede gewesen.

Präzedenzfall für die Migros

«Ich dachte, dass sei ein schlechter Witz!», sagt Barbara Bottazzini, Geschäftsführerin von Fitforwork. Verbindungen zu Palästina habe man ganz klar keine; die Vereine seien beide komplett unpolitisch. Die beiden Geschäftsführer können sich nicht erklären, woher diese Vermutungen stammen. Beide haben sich im ersten Moment gefragt, ob hier eine Verwechslung vorliege. Auch möchten sie wissen, wie der Tech-Händler an diese Informationen gelangt ist.

Die Migros Basel bestätigt, dass die sechs Laptops à rund 600 Fr. nicht geliefert wurden. «Einen solchen Fall hat es in der Migros bisher noch nie gegeben», sagt Sprecher Moritz Weisskopf. Laut ihm hat wohl die angegebene Lieferadresse bei dem Tech-Händler ausgeschlagen: An der Gärtnerstrasse 55 soll nämlich die Humanitäre Hilfsorganisation für Palästina beheimatet sein. Tech Data (Schweiz) GmbH verlangte deshalb, dass Sahin Tüzün in der Melectronics-Filiale eine Erklärung unterschreibt, mit der er sich von der Hilfsorganisation distanziere. Mit der Migros selber habe die Sperre nichts zu tun: «Wir sind in diesem Fall bloss Überbringer der Nachricht», sagt Weisskopf.

Das sagt Tech Data

Tech Data (Schweiz) GmbH hat sich in einem Statement zu dem Fall geäussert (siehe Box). Demzufolge steht die Humanitäre Hilfsorganisation für Palästina samt der Adresse auf der Liste der «Specially Designated Nationals» der US-Exportkontrollbehörde. Auf dieser Blacklist befinden sich Tausende Unternehmen, Organisationen, Vereine oder Individuen weltweit, die ein Risiko für die nationale Sicherheit sowie die Aussen- und Wirtschaftspolitik der USA darstellen könnten und deshalb sanktioniert werden. Da das Unternehmen den Hauptsitz in den USA hat, muss es sich auch an US-Bestimmungen halten und konnte die Lieferung nicht ausführen, bevor Tüzün die Erklärung unterschreibe.

Die beiden Vereine baten in der Folge darum, die Erklärung postalisch zu erhalten. Dies wurde ihnen verweigert. Für die Geschäftsleitung war das alles zu viel: Sie haben sich daraufhin dazu entschieden, die Bestellung der Laptops zu stornieren. Der Betrag wird von der Migros zurückerstattet. «Es ist schlichtweg unglaublich, dass in der Schweiz so etwas möglich ist», sagen Bottazini und Tüzün. Dass den Vereinen nur aufgrund der Adresse die Lieferung erschwert wird, sei ungerecht.

(rob)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Celine b. am 23.11.2017 07:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kundenservice

    Warum hat Migros die Laptops nicht einfach in Ihr Lager bestellt und den Kunden dann selber beliefert. Dies sollte logistisch doch kein Problem darstellen und nur einen minimum Mehraufwand für Migros. Meiner Meinung nach liegt die Verantwortung hier klar bei Migros und nicht dem Hersteller in der USA.

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  • Kurt am 23.11.2017 06:55 Report Diesen Beitrag melden

    Gegen Imperialismus aller Art

    Höchste Zeit sich gegen diesen US Imperialismus zur Wehr zu setzen bevor es zu spät ist. So langsam nimmt das Formen an die nicht mehr einfach wegzulächeln sind.

  • Paul am 23.11.2017 06:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Im Laden kaufen

    Man kann Laptops ja auch einfach im Laden kaufen ohne Adressangabe! Warum so kompliziert wenn es auch einfach geht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniel S. am 23.11.2017 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Wer glaubt...

    Wer jetzt noch glaubt, dass das alles von der USA kommt, der glaubt auch noch an den Storch. Es ist doch jetzt offensichtlich, dass die USA das Sprachohr von Israel ist. oder warum sollen Palästina freundlich Organisationen sonnst auf einer Blacklist stehen?

  • Anwalt am 23.11.2017 11:02 Report Diesen Beitrag melden

    Richtig so!

    Dort führen die Vereine ihre beiden Büros. Es sei von potentieller Nähe zu einer pro-palästinensischen Hilfsorganisation die Rede gewesen.

  • Minus 1 Migros Kunde am 23.11.2017 10:16 Report Diesen Beitrag melden

    Garantie Fall Bearbeitung a la Migros

    Habe kürzlich ein vor 3 Monaten gekauftes Gerät von 149.- beim Kundendienst gegen einen Ersatz austauschen wollen. Seit einem Monat warte ich nun auf die Reparatur, weil Migros Geräte über 50.- Wert weder Materiel noch finanziell ersetzt. Der gute Kunden Service geht soweit, dass ich auf Anfrage nicht einmal aushandeln konnte mir den Artikel nach erfolgter Reparatur nach Hause zu schicken wobei ich sogar angeboten hatte anfallendenPortokosten selbst zu übernehmen.

  • Spectre121 am 23.11.2017 09:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwache Leistung

    Sorry aber eine Erklärung ausfüllen ??? Und die Migros macht da mit....Wir lassen uns echt alles von den Amis vordiktieren. Ich hätte den Wisch nicht unterschrieben und mein Geld zurück verlangt. Schwach von der Migros, sehr schwache. Ware ins Lager bestellen und dem Kunden ausliefern. Kundenservice wird bei der Migros wohl nicht an erster Stelle kommen...

  • Ideu am 23.11.2017 09:27 Report Diesen Beitrag melden

    Exportkontrolle

    So ist es nun mal; die Schweiz kennt auch solche Exportkontrollen, deshalb werden z.B. Waffen nicht an jede Firma und in jeden Statt geliefert...