Archäologie

15. Juni 2018 05:39; Akt: 15.06.2018 14:11 Print

Etliche Basler gehen tagtäglich über Leichen

Basel wäre ein Paradies für Bones, die Knochenjägerin. Alleine dieses Jahr fördern Archäologen rund 200 Skelette aus dem Untergrund der Stadt. Was passiert mit all den Knochen?

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Basel ist eine Baustellen-Stadt. An über 150 Plätzen wird aktuell gearbeitet. Wo es sich anbietet, wird das Baugeschehen von der archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt begleitet. So etwa in der Spitalstrasse, wo derzeit neue Leitungen verlegt werden, die den spätmittelalterlichen Friedhof am Totentanz queren.

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«Ich hielt es erst für eine normale Baustelle. Als ich dann näher rangegangen bin, habe ich gesehen, dass da ein Skelett lag», berichtet Leser-Reporter Philippe (27) am Mittwoch. Nur knapp einen halben Meter unter dem Trottoir lag jahrhundertelang eine Leiche, die nun freigelegt wurde. «Bis auf die fehlenden Füsse ist dieses Skelett sehr gut erhalten», freut sich Martin Allemann von der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt.

Bis zu 200 Skelette in diesem Jahr erwartet

Als Mittelalterstadt hat Basel punkto Knochen einiges zu bieten. So gibt es derzeit neben dem Totentanz noch Grabungen an der Elisabethenkirche, dem Spiegelhof oder auch am ehemaligen Friedhof Rosental. Weil in diesem Jahr zufälligerweise an vielen Friedhöfen gebaut wird, werden auch entsprechend viele Skelette geborgen. Bis zu 200 weitere erwartet Allemann allein dieses Jahr. Die fiktive Knochenjägerin Temperance Brennan, Protagonistin der Serie «Bones», hätte ihre helle Freude an der Stadt.

Was geschieht danach mit all den freigelegten Knochen? «Zunächst werden die Skelettteile mit Wasser oder, wenn sie schlecht erhalten sind, auch trocken fachmännisch gereinigt. Danach bekommt jeder Knochen oder jedes Fragment eine Inventarnummer, damit die Verbindung mit der Grabungsdokumentation dauerhaft gesichert ist. Ohne diese Verbindung von Fund und Befund sind fundierte Aussagen kaum möglich», erklärt Archäologe Till Scholz.

Erst danach würden das Geschlecht und die Körperhöhe der verstorbenen Person bestimmt und diese in einer ersten Durchsicht auf Krankheiten untersucht.

Ein Lager voller ungelöster Fälle

«Wenn keine weiteren Untersuchungen mehr anstehen, kommt das Skelett in eine Kunststoffbox und wird einem Standort in einem Lager zugewiesen, wo es darauf wartet, von Forschern wieder hervorgeholt zu werden, um weitere Fragen zu klären», sagt Scholz. Zwei spezielle Lager stünden für die Aufbewahrung in Basel-Stadt zur Verfügung. «Diese ähneln Industriehallen und sind relativ unauffällig», so Scholz.

Innen seien sie jedoch mit einer speziellen Klimaregelung ausgestattet: «Knochen müssen trocken lagern, damit sie nicht schimmeln», erklärt Allemann. Zwar seien die Hallen auch alarmgesichert, jedoch wären Einbrecher laut Scholz eher enttäuscht. «Für die Wissenschaft sind die Funde – immer in Verbindung mit dem Fundort – von unschätzbarem Wert», sagt Allemann zwar. Der Materialwert sei in der Regel aber sehr gering und ein Verkauf gesetzlich ohnehin verboten.

Auswirkungen von Industriezucker sichtbar

Das am Mittwoch geborgene Skelett wird bald ebenfalls dort unterkommen. «Wir legen heute noch das Becken frei und können dann das Geschlecht bestimmen», sagt Allemann. «Die Schädelform spricht zwar eher für einen Mann, jedoch ist das Becken bei der Geschlechtsbestimmung zuverlässiger.»

Auffällig sind die gut erhaltenen Zähne: «Das ist bei Skeletten aus dem Spätmittelalter häufig der Fall», erzählt Allemann. Damals sei Zucker nämlich noch sehr teuer und für einfache Menschen nahezu unerschwinglich gewesen. Mit dem billigen Industriezucker seien dann auch die Zähne schlechter geworden.

(sis)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Typhoeus am 15.06.2018 06:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie wäre es mit einem Skelettmuseum

    in Basel als Touristenattraktion?

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  • anonym am 15.06.2018 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    Passt!

    Das passt zu den Schweizer Behörden & Politikern! Die gehen auch über Leichen.

  • tussi am 15.06.2018 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    Basel

    war mal ein Wohnort der Kelten. Noch fragen?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • anonym am 15.06.2018 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    Passt!

    Das passt zu den Schweizer Behörden & Politikern! Die gehen auch über Leichen.

  • 20minLeserin am 15.06.2018 10:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    The Covenstead, Somerset

    Zur Umfrage: ich habe nicht nur Gebeine gesehen, nein auch berührt oder Schädel in der Hand gehabt. Ich penne z England z.B. regelm. in einem uralten B&B wo alte Schädel, Skelette und so Zeug sich befinden. Mit dem Tod hab und hatte ich noch nie Berührungsangst!

  • Patrick am 15.06.2018 10:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das die über Leichen gehen

    ist z Basel doch echt kei neue news mehr. Ironie aus. Im Ernst, find ich sehr spannend was da so alles im Boden ist, ob noch mehr über das keltische Leben am Rhy gefunden wird?

  • Martina am 15.06.2018 10:24 Report Diesen Beitrag melden

    Kellerleiche

    Wer hat nicht alles eine Leiche im Keller!

    • Jj am 15.06.2018 10:38 Report Diesen Beitrag melden

      Und in Basel steht man sogar drauf....:-)

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  • tussi am 15.06.2018 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    Basel

    war mal ein Wohnort der Kelten. Noch fragen?

    • Idefix am 15.06.2018 11:32 Report Diesen Beitrag melden

      Kelten

      Ja, eine Frage habe ich noch: Was machen Kelten im Spätmittelalter?

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