Basler Strafgericht

06. Dezember 2012 17:32; Akt: 06.12.2012 17:58 Print

Ziegelwerfer muss in stationäre Therapie

Zwei Tage lang stand er auf einem Hausdach in Basel und schmiss Ziegel auf die Strasse hinunter. Nun befand ihn das Gericht für nicht schuldfähig und schickt ihn in eine stationäre Therapie.

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Der Ziegelwerfer von Basel konnte um 10.30 Uhr nach 48 Stunden auf dem Dach unter Kontrolle gebracht werden. Er hatte seit Montag an der Bruderholzstrasse im Gundeldingerquartier für Aufsehen gesorgt. (Er trägt keine Maske, das Bild wurde verpixelt.) Eine Ambulanz brachte ihn nach dem Zugriff in die psychiatrische Klinik. Spezialisten der Polizei versuchten während zwei Tagen vergeblich, den Ziegelwerfer zur Aufgabe zu bewegen. Am Dienstagabend hatte er für kurze Zeit von den Ziegeln abgelassen und balancierte mit einer Leiter. Diese liess er allerdings kurz darauf auf die Strasse hinunterfallen. Seine bevorzugte Beschäftigung war es, Dachziegel auf die Strasse zu werfen. Die Polizei hatte mittlerweile ihre Taktik geändert: Kein Wasser und keine Zigaretten mehr für den Querulanten. Gleichzeitig versuchten Beamte, durch ein Loch im Dach zum Ziegelwerfer zu gelangen. Vergeblich. Am Dienstagmittag zeigte der verstörte Mann erste Ermüdungserscheinungen. Trotzdem dachte er nicht ans Aufgeben: Der Ziegelwerfer tobte weiter. Stunden nach Beginn des Dramas am Montagmorgen hat eine Familienangehörige vergeblich versucht, ihn zum Aufgeben zu bewegen. Der Unruhestifter hatte sich auf einem Dach an der Bruderholzstrasse verschanzt. Sicherheitskräfte hatten die Umgebung abgesperrt und ein Sprungkissen aufgeblasen. «Er schreit dauernd herum», sagte eine Leser-Reporterin. Der Mann spreche Schweizerdeutsch und mache einen angeschlagenen Eindruck. Seit Montagmorgen um 9 Uhr warf der Radaubruder mit Ziegeln um sich. Diese hat er auch gegen Polizisten geworfen. Spezialkräfte der Polizei versuchten, mit dem Unruhestifter zu verhandeln. Angefangen hat es damit, dass er Schuhe und Erdsäcke von seinem Balkon geschmissen hat. Danach stieg er aufs Dach und wendete sich den Ziegeln zu.

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Für den jungen Mann, der im Mai 2011 Ziegel vom Dach eines Hauses im Basler Gundeldingerquartier warf, hat das Basler Strafgericht am Donnerstag eine stationäre psychiatrische Behandlung angeordnet. Es erachtete ihn wegen schwerer psychischer Erkrankung als schuldunfähig.

Zwei Tage lang hatte der heute 32-jährige Mann im Mai 2011 Basel in Atem gehalten. Weil er einen Sack Erde, Wasser und zahlreiche Ziegel auf eine auch vom Tram befahrene Strasse hinunterwarf, kam es während knapp 50 Stunden zur Blockierung des gesamten Verkehrs an der Stelle.

Schwere Erkrankung

Damit erfüllte er zwar die Tatbestände der Sachbeschädigung, der Störung des öffentlichen Verkehrs, der Störung von der Allgemeinheit dienenden Betrieben und der Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte. Ein Schuldspruch war jedoch wegen fehlender Zurechnungsfähigkeit nicht möglich.

Gemäss psychiatrischem Gutachten leidet der Mann an einer Persönlichkeitsstörung und an paranoider Schizophrenie. Ohne Behandlung sei das Risiko für einen Rückfall sehr hoch, sagte der Verfasser des Gutachtens vor Gericht. Eine ambulante Massnahme reiche nicht, um das Risiko zu senken.

Der Mann begründete vor Gericht die Eskalation auf dem Dach damit, dass die Polizei sich gewaltsam Zutritt zur Wohnung verschafft habe. Diese war angerückt, weil der heute 32-Jährige nach dem Ableben seiner Goldfische aus Verzweiflung sein Aquarium mehrmals gefüllt und das Wasser auf die Strasse geschüttet hatte. «Es kam leider zu dieser Situation», sagte er in seinem letzten Wort. Dafür wolle er sich nochmals entschuldigen. «Es tut mir leid, dass ich ein so hartnäckiger Siech war.» Er betonte auch, dass er niemanden bedroht oder gezielt beschossen habe.

Immer wieder schweifte der sichtlich angeschlagene Mann bei seinen Erläuterungen ab, äusserte sich jedoch eloquent und bisweilen humorvoll: «Ich bin Italiener, welcher Italiener ist nicht Narzisst?», sagte er etwa zu seinem Krankheitsbild. Die Persönlichkeitsstörung könne er hingegen nicht nachvollziehen - er habe schliesslich eine Persönlichkeit. "Ich arbeite seit zehn Jahren jeden Tag an mir, etwa mit Meditation", so der Basler.

Stationäre Behandlung

In seinem Urteil folgte das Gericht den Anträgen von Anklage und Verteidigung und ordnete eine stationäre Therapie an. Der junge Mann hatte sich gegen eine stationäre Behandlung gewehrt und verwies mehrfach auf seine negativen Erfahrungen mit der Psychiatrie. Der Gerichtspräsident sagte indes, es solle ein stationärer Neuanfang sein, nicht in Basel, sondern wo auch immer.

Seit Juli 2012 befindet der Mann sich im vorläufigen Massnahmenvollzug. Dieser fand zuerst im Basler Untersuchungsgefängnis Waaghof statt, jetzt im Bässlergut. Der Verteidiger bedauerte, dass es bisher nicht möglich gewesen sei, einen geeigneten Vollzugsplatz zu finden; in der Schweiz sind die Therapieplätze für psychisch schwer gestörte Straftäter knapp.

Keine Öffentlichkeit

Die Verhandlungen vor Gericht hatten unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Von der Urteilsverkündung wurde der Angeklagte dann dispensiert, da für ihn auch das grosse Medieninteresse eine Belastung war.

Die von der baselstädtischen Justiz- und Sicherheitsdirektion, von den Basler Verkehrs-Betrieben (BVB) und von der Liegenschaftseigentümerin eingereichten Zivilforderungen von rund 400'000 Franken wies das Gericht ab. Die finanziellen Verhältnisse des Mannes rechtfertigten eine Billigkeitshaftung nicht.

(lua/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Es am 07.12.2012 07:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zuerst selbst erleben 

    Es gibt immer mehr solche Fälle, man weiss nur nichts davon. Meistens wird es durch enormen Druck über längere Zeit ausgelöst. Es ist jedoch Therapierbar. Was glaubt ihr weshalb es so viele Psychiater gibt?

  • Aari Frieden am 06.12.2012 18:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt komisches

    Blöd was die Leute so alles tun.

  • Martin am 07.12.2012 19:04 Report Diesen Beitrag melden

    Kann passieren.

    Aber warum gibt es so viele davon in Basel? Wenn ich daran denke, wie oft ich schon bedroht wurde hier! Mit diesen Leuten stimmt doch auch irgend etwas nicht so ganz, oder?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Martin am 07.12.2012 19:04 Report Diesen Beitrag melden

    Kann passieren.

    Aber warum gibt es so viele davon in Basel? Wenn ich daran denke, wie oft ich schon bedroht wurde hier! Mit diesen Leuten stimmt doch auch irgend etwas nicht so ganz, oder?

  • Es am 07.12.2012 07:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zuerst selbst erleben 

    Es gibt immer mehr solche Fälle, man weiss nur nichts davon. Meistens wird es durch enormen Druck über längere Zeit ausgelöst. Es ist jedoch Therapierbar. Was glaubt ihr weshalb es so viele Psychiater gibt?

  • Aari Frieden am 06.12.2012 18:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt komisches

    Blöd was die Leute so alles tun.

  • Hans Bauer am 06.12.2012 18:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verrückt

    Leute gibts ;)

  • Peter Frei am 06.12.2012 18:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gefängnis statt Therapie

    Lieber ins Gefängnis als in die Therapie. Dies spart dem Steuerzahler 100'000e von Franken.

    • Erika am 07.12.2012 07:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Braucht Hilfe/nicht Strafe

      Sie wissen wohl nicht, was das für eine Krankheit ist, sonst würden sie anders denken. Diese Menschen hören Stimmen, die ihnen dies und das befehlen. Dagegen können sie sich ohne Hilfe nicht befreien. Also wäre das Gefängnis nicht der richtige Ort.

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