Verdingkinder

25. März 2015 06:04; Akt: 25.03.2015 08:51 Print

«Die Akteneinsicht macht Betroffene oft wütend»

von Mira Weingartner - Ab dem 24. März präsentiert die Berner Archivarin Yvonne Pfäffli Schicksale von Verdingkindern. In ihrem Berufsalltag erlebt sie oft traurige Geschichten.

storybild

Die Archivarin Yvonne Pfäffli hilft Verdingkindern, an ihre Akten zu gelangen. (Bild: meo )

Fehler gesehen?

Frau Pfäffli, wieso sind Sie gerade jetzt auf die Idee gekommen, das Thema Verdingkinder im Rahmen einer Ausstellung im Berner Kornhausforum aufzurollen?

Ich arbeite seit zweieinhalb Jahren im Stadtarchiv Bern. Während dieser Zeit haben die Anfragen von Personen, die ihre eigenen Akten einsehen möchten, stark zugenommen. Letztes Jahr habe ich 70 solcher Anfragen bearbeitet und befasse mich tagtäglich mit den verschiedenen Schicksalen. Zudem befinden sich im bernischen Archiv 30'000 Aktendossiers der ehemaligen Fürsorgebehörde, alle aus dem Zeitraum zwischen 1920 und 1960. Dass so viele Akten überliefert sind, ist nicht überall der Fall. Zudem wurde mir bewusst, wie wie wichtig die Akten für die Betroffenen sind.

Ihr Job verlangt Ihnen emotional einiges ab. Welches der Schicksale hat Sie persönlich am meisten berührt?

Sehr eindrücklich war sicher eine meiner ersten Anfragen, als ein über 90-jähriger Mann im Stadtarchiv Bern vorbeikam und mir an der Theke seine Geschichte erzählte. Er machte grundsätzlich einen zufriedenen Eindruck, aber ich merkte, dass ihn die Erinnerungen an seine Kindheit sehr beschäftigten. Zusammen mit 13 Geschwistern ist er in Bern aufgewachsen und wurde auf einen Bauernhof verdingt. Sein Leben dort war geprägt von harter Arbeit und vielen Schlägen – als Stadtkind wurde er auf dem Land nicht akzeptiert und durfte auch keine Lehre machen. Eindrücklich war aber auch die Begegnung mit einem Ehepaar. Beide waren ehemalige Verdingkinder und hatten den gleichen Vormund. Sie haben sich aber erst als Erwachsene kennengelernt. Zwei ihrer Vormundschaftsberichte sind sogar im selben Band abgelegt worden, was bei insgesamt 800 Bänden doch erstaunt.

Was erhoffen sich die Leute, wenn sie mit Anfragen zu Ihnen gelangen?

Klarheit. Für die Betroffenen sind dies Beweisstücke, die das oftmals geschehene Unrecht nicht rückgängig machen, aber Klarheit über die damaligen Geschehnisse schaffen. Für Nachkommen von Betroffenen ermöglichen Akten den Zugang zu bisher Unbekanntem. Viele ehemalige Verding- und Heimkinder haben nicht über ihre Erlebnisse gesprochen, weil sie sich auch nach Jahren noch geschämt haben.

Die Einsicht in die Akten macht die Betroffenen teils aber auch traurig oder wütend, wenn sie etwa die vernichtenden Urteile über ihre Mütter lesen, die sie als liebende Person in Erinnerung haben.

Und wie gehen Leute damit um, wenn sie keinen Fussabdruck im städtischen Archiv hinterlassen haben?

Schwierig ist, wenn keine Akten da sind. Für die Betroffenen ist es dann so, wie wenn ihre Erinnerungen nicht wahr sind.

Wie können Sie die vielen traurigen Schicksale ertragen und verarbeiten?

Ich habe einen intensiven, aber nur kurzen Einblick in die Leben von ehemaligen Verding- und Heimkindern. Nach der Begleitung bei der Akteneinsicht ist meine Arbeit zu Ende. Einerseits berühren mich viele Schicksale sehr, aber andererseits muss ich mich auch abgrenzen. Die grosse Dankbarkeit der Betroffenen, dass ich sie ernst nehme und ihnen helfe, die Akten zu finden, gibt meiner Arbeit sehr viel Sinn und spornt mich an.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lego Las am 25.03.2015 07:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Im Namen aller

    Es ist beschämend, zu wie viel Niedertracht und sadistischer Böswilligkeit gegenüber unschuldiger Kinder und Mütter die Schweizer fähig wahren. Und die, welche stillschweigend zusahen oder gar profitierten. Diese Kapitel der Schweizer Geschichte macht mich unendlich traurig und betroffen.

    einklappen einklappen
  • Büetzer am 25.03.2015 06:48 Report Diesen Beitrag melden

    und heute?

    Ist es heute mit der KESB besser? Allmacht der 'Behörde' oder unfähigkeit der entsprechenden Mitarbeiter?

    einklappen einklappen
  • rohrer martin am 25.03.2015 07:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Entschädigung

    Gabs für die immer noch nicht! Aber eben Sklavenhandel wurde auch in anderen Nationen nie richtig aufgearbeitet.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Heinz am 25.03.2015 10:42 Report Diesen Beitrag melden

    Immer das Gleiche!

    Das ganze wird sich in 40 oder 50 Jahren wiederholen, wenn die Akten der KESB öffentlich werden.

  • Tea am 25.03.2015 10:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Yeah

    Kinder versklaven, su-per. Kann mir regelrecht vorstellen, wie das von Politik und Gesellschaft kleingeredet wurde.. Ist ja heute noch so, dass viele von uns absolut unmenschliche Massnahmen fordern für die Menschen, die uns nerven. Einfach nur traurig!

  • Roland Kämpe am 25.03.2015 09:35 Report Diesen Beitrag melden

    Was tun, sprach Zeus.

    Manch einer protestiert gegen die "Untätigkeit" der Behörden, aber was kann getan werden? Was soll getan werden? Macht es die Situation besser, wenn man einer Handvoll Betroffenen in einem Ablasshandel ein paar Tausend Stutz hinwirft? Da nehmt, jetzt verschwindet? Nicht? Was dann? "Etwas tun", nur damit etwas getan ist, ist Blödsinn.

  • Michaela am 25.03.2015 09:14 Report Diesen Beitrag melden

    Tochter eines Verdingkindes

    Es war sicherlich unglaublich schrecklich, was damals geschah. Mein Vater war auch ein Verdingkind. Er selber hat es aber gut erlebt, wie er sagt. Er ist sogar der Meinung, dass er es besser gehabt hat, als bei seiner "richtigen" Familie. Auch das gab es. Ist sicher aber die Minderheit. Alles in allem aber leider ein sehr trauriges Kapitel.

  • Barbapapa am 25.03.2015 08:56 Report Diesen Beitrag melden

    die Geschichte wiederholt sich

    Das Gegenteil von "gut" ist "gut gemeint". Unsere Behörden meinen es zwar gut mit uns, haben aber leider nichts dazugelernt. Ich sage nur "KESB" ...

    • Peter Basel am 25.03.2015 09:16 Report Diesen Beitrag melden

      KESB nicht so erhaben

      Das habe ich mir auch gedacht. Je mehr Behörde um so mehr Ungerechtigkeiten. Die KESB ist eine Geldvernichtungsmaschine. Von der KESB leben zu viele Linke Traumtänzer

    • Dr. Gabber am 25.03.2015 09:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter Basel

      nur weil es eine sozialbehörde ist, heisst das noch lange nicht, dass sie durch "Linke " geführt wird. Wenn ich mich recht erinnere, waren es SVPler, welche diese Behörde als Ersatz für die Vormundschaftsbehörde einrichten wollten. Aber Schluß am ende ist egal, welcher politischen Strömung die Mitarbeiter dieses Albtraums angehören. Denn der Schaden ist schon angerichtet, und weiteren schaden versucht man zu vertuschen.

    • A. Munter am 25.03.2015 11:04 Report Diesen Beitrag melden

      "anti KESB"

      Wenn es nicht so viele Fälle gäbe, wo Kinder gefährdet sind - in der eigenen Familie wohlgemerkt - bräuchten wir keine Stellen wie KESB. Diesen aber per se die Schuld an allen Unglücken zu geben ist nicht fair. In der Regel intervenieren die Behörden nicht ohne Grund.

    • Anne am 25.03.2015 15:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Abschaffen

      Lieber Herr oder Frau munter, es geht bei der KESB nicht nur um Kinder, sondern auch um Senioren. Auch diese können sich nicht wehren. Ich habe zwei haarsträubende Fälle erlebt und darum gehört diese Behörde abgeschafft!

    einklappen einklappen