Lebenslänglich gefordert

10. Dezember 2012 13:27; Akt: 10.12.2012 20:35 Print

«Er wollte die Beamten eliminieren»

Im Prozess gegen den Polizisten-Mörder Roger F., der 2011 Familienvater Hansruedi K. erschossen hat, fordert die Staatsanwaltschaft lebenslängliche Haft für den 37-Jährigen.

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In Burgdorf läuft seit Montagmorgen der Prozess gegen den Mann, der letztes Jahr in Schafhausen im Emmental bei der Zwangsräumung seiner Wohnung einen Polizisten erschoss und einen weiteren verletzte. Die Verhandlungen wurden unter strikten Sicherheitsvorkehrungen aufgenommen.

Ungepflegt, mit langen Haaren und mit ausdrucksloser Miene erschien der 37-Jährige vor Gericht. Der Angeklagte hatte Fuss- und Handfesseln. Roger F. trug einen Kapuzenpullover; er machte einen etwas verwahrlosten Eindruck. Überhaupt zeigte der Mann keinerlei Regungen, war wortkarg, starrte während der Vernehmung auf den Boden. Nur einmal verwarf er die Hände.

«Mir ist es egal, ob jemand stirbt»

Eine Frage beantwortete er aber klar und deutlich: «Ich fühle mich nicht psychisch krank», murmelte er vor Gericht. Auch die Frage, ob er weiterhin gegen eine Begutachtung sei, bejahte er deutlich. Das war fast alles, das er vor Gericht von sich verlauten liess. Einmal wurde er während der Einvernahme frech. Dem Richter rief er zu: «Ihr könnt vergessen, dass ich aussage!»

Überhaupt zeigte der Angeklagte keine Reue. Bei einer früheren Einvernahme meinte er eiskalt: «Mir ist es egal, ob jemand stirbt.» Als der Anwalt der Gegenpartei ihn heute fragte, ob es ihm leid tue, entgegnete er: «Kein Kommentar.»

Als die Polizei seine Wohnung stürmte, meinte er, es seien Einbrecher und schoss. Er habe den Uniformierten zeigen wollen, dass es auch anders gehe, begründete er vor Gericht seine Tat. In seinem ganzen Leben hat Roger F. immer den Behörden die Schuld für seine Misere gegeben.

«Mich will niemand mehr»

Als Erstes nahm das Gericht heute Morgen die Befragung der Mutter des Angeklagten vor. Sie schilderte das Leben von Roger F. als ein einziges Desaster. Seit 20 Jahren lebe der gelernte Strassenbauer total zurückgezogen. Seine Arbeitslosigkeit habe ihn immer tiefer ins Elend gezogen. «Mich will niemand mehr», habe er seiner Mutter oft gesagt. «Er hasste die Polizei», sagte die Mutter vor Gericht. Ohne ein paar Biere intus habe man mit ihm nicht reden können, schätzten ihn seine Kollegen ein. Die Türen in seiner Wohnung waren stets verschlossen. Der Vermieter war beunruhigt und meinte, Roger F. sei gestört.

Der Gutachter zeichnete ein ähnliches Bild des Angeklagten: «Er war ein Gefangener in seiner eigenen Welt.» Wahrscheinlich war er schizophren. Der Mann fühle sich beobachtet und nehme sein Umfeld als feindlich wahr. «Muss man Zweifel an seiner Schuldfähigkeit haben?», fragte der Verteidiger des Mannes. «Ja, wenn sich die Diagnose sichern liesse, gäbe es diese Zweifel», antwortete eine weitere Expertin.

In der Klinik, wohin er nach der Bluttat eingeliefert wurde, sei er den ganzen Tag im Bett gelegen. Die Einnahme von Psychopharmaka verweigerte er, so der Gutachter.

Mord oder Tötung?

Das Regionalgericht Emmental-Oberaargau wird im Verlauf des dreitägigen Prozesses vor allem zu entscheiden haben, ob es sich bei der Tat des heute 37-jährigen Mannes um Mord oder um vorsätzliche Tötung handelt.

Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall klar: Der Mann soll wegen Mordes und Mordversuchs zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt werden. In seinem Plädoyer begründete der Staatsanwalt dies am Montag vor Gericht damit, dass der Beschuldigte in voller Absicht skrupellos und heimtückisch gehandelt habe. «Er wollte die Beamten eliminieren», sagte er vor Gericht. Der Angeklagte habe eine extreme Geringschätzung von Leben an den Tag gelegt, zeige null Reue und Einsicht. Ausserdem habe er die Polizisten regelrecht «in einen Hinterhalt gelockt. Die Polizisten hatten keine Chance.»

Dass die Pistole, die mit zehn Patronen geladen war, nach dem vierten Schuss blockierte, hob der Staatsanwalt besonders hervor. «Man will sich gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn er das ganze Magazin hätte abfeuern können.» Auch die Schimpftirade gegen die Beamten gab der Staatsanwalt vor Gericht wieder: «Erschiesst mich doch, ihr Schafseckel», soll der Angeklagte den Polizisten entgegengeschleudert haben.


Betreibungsweibel begleitet

Die beiden Polizisten hatten einen Betreibungsweibel zur Wohnung des Mannes begleitet. Weil dieser sich nicht bemerkbar machte, verschafften sich die Polizisten im Einverständnis mit dem Besitzer der Wohnung gewaltsam Zugang.

Gemäss Anklageschrift hatte sich der Mieter in seinem Schlafzimmer eingeschlossen. Als die Polizisten diese Türe aufbrachen, eröffnete der Mann ohne Vorwarnung das Feuer. Dabei wurde einer der beiden Polizisten tödlich verletzt, der andere wurde am Oberarm getroffen.

Der am Oberarm verletzte Polizist konnte über Funk Verstärkung anfordern. Wenig später konnte die herbeigeeilte Verstärkung den Schützen verhaften. Der Mann befindet sich heute im vorzeitigen Strafvollzug.

Schüsse aus Armeepistole

Die Schüsse kamen aus einer Armeepistole. Diese hätte der Wohnungsmieter eigentlich gar nicht mehr besitzen sollen. Er hatte die Waffe nach der Ausmusterung aus dem Dienst aus medizinischen Gründen im Jahr 2007 nicht zurückgegeben. Niemand hatte ihn für die Abgabe aufgeboten.

Armeechef André Blattmann liess nach diesem Fall die Entwaffnung von aus medizinischen Gründen aus dem Dienst entlassenen Soldaten überprüfen. Die Armee kündigte im Juni 2011 an, künftig ausgemusterte Soldaten konsequenter zu entwaffnen.

«Wildes Tier, das Höhle verteidigt»

Von einem wilden Tier, das seine Höhle habe verteidigen wollen, sprach der Verteidiger. Er zeichnete das Bild eines Menschen, der sich ab etwa dem Jahr 2003 immer mehr isolierte, unzuverlässig wurde, immer weniger arbeitete und zuletzt Schulden von rund 185'000 Franken aufgehäuft hatte.

Weil er seine Miete nicht mehr bezahlte, wollte ihn schliesslich der Wohnungsbesitzer auch nicht mehr haben und forderte die Zwangsräumung.

Am Tag dieser Räumung habe der Beschuldigte die Polizisten nicht töten wollen, sondern lediglich angestrebt, dass sie ihn in Ruhe liessen und gingen. «Er wollte verletzen, nicht töten», so der Verteidiger.

Von Hinterhalt könne keine Rede sein, denn die Polizisten hätten gewusst, worauf sie sich einliessen. Es gebe zwar einige Elemente, die für Mord sprächen. In einer Gesamtsicht handle es sich aber bei den tödlichen Schüssen um vollendete eventualvorsätzliche Tötung. Der Mann habe also den Tod des einen Polizisten in Kauf genommen.

Der Verteidiger sagte weiter, es sei sicher eine strenge Strafe angebracht, aber eine angemessene. Er verzichtete darauf, ein ihm sinnvoll erscheinendes Strafmass zu beantragen. Das Gericht wird sein Urteil am Mittwochnachmittag eröffnen.

Der Verteidiger zeigte sich überzeugt, dass der Schütze zum Zeitpunkt der Tat zumindest vermindert schuldfähig gewesen sei. Wenn kein Gutachten vorliege, konterte der Staatsanwalt, dürfe man auch nicht von verminderter Schuldfähigkeit ausgehen.

(am/kub/jam/sda)

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