Müllentsorgerin erzählt

03. Januar 2018 06:46; Akt: 03.01.2018 09:58 Print

«Gschänkli und Fleisch landen im Abfall»

von Mira Weingartner - Nicht nur Altglas und leere Kartons landen im Müll: Nach den Festtagen droht auch unliebsamen Geschenken und Esswaren die Abfallpresse.

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Das Bild einer völlig zugemüllten Entsorgungsstation in Sitten VS sorgt für Kopfschütteln. Auch andernorts zeigt sich: Der Abfall, der sich über Weihnachten und Silvester in Schweizer Haushalten angesammelt hat, ist immens. Stressige Zeiten für Mitarbeiter der Kehrichtentsorgungen. «Was da alles weggeworfen wird, ist einfach unglaublich», bestätigt Franziska Grubenmann.


Wegen neuer Sackgebühr: An den Kehrichtsammelstellen der Unterwalliser Dörfer türmen sich Abfallberge. (Video: Tamedia/SDA)

Die 53-Jährige arbeitet seit fünfeinhalb Jahren als Kehrichtbeladerin in der Stadt Thun. Auf ihren Entsorgungsfahrten trifft sie jeweils rund um die Festtage auf Unmengen von Abfall – «wenn man das überhaupt Abfall nennen darf», fügt die Thunerin an.

«Unangetastete Geschenke landen im Müll»

«Da entdecke ich Geschenke, die in der Orignalverpackung – völlig unberührt – einfach im Müll landen», berichtet Grubenmann. Auch ganze Butterzöpfe, Fondue-Chinoise-Fleisch und verpackter Raclette-Käse seien in den Gebührensäcken und Containern vorzufinden – «vieles von den, was vor den Festtagen zu viel gekauft wurde, wird nun achtlos weggeschmissen». In dieser Zeit werde ihr immer wieder eines klar: «Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft.»

Stau vor Werkhof

Auch bei ihren Kollegen vom Thuner Entsorgungshof herrscht während diesen Tagen Hochbetrieb. Zwischen Weihnachten und Silvester bildeten sich vor dem Eingang des Werkhofes lange Autoschlangen. «Abends waren meine Kollegen fix und fertig.» Denn nebst Altglas, Karton und Papier seien auch «ganze Wohnungseinrichtungen» und nach wie vor intakte Elektrogeräte in den grossen Containern gelandet. «Was nicht mehr ganz auf dem neusten Stand ist, wird ausgetauscht und weggeworfen», sagt Grubenmann.

Für die Mitarbeiter sind solche Situationen nicht immer ganz einfach: «Es fällt einem manchmal sehr schwer – gerade auch, wenn es um Esswaren geht – die Müllpresse anzulassen», sagt Grubenmann. So käme es ab und zu vor, dass Gegenstände vor der Müllpresse gerettet würden. Gebrannt von den vielen Entdeckungen auf den Entsorgungsfahrten, hat Grubenmann nun auch eine klare Meinung zum Konsumwahn: Von Aktionsangeboten lasse sie zum Beispiel die Finger; «ich kaufe nur das ein, was ich wirklich brauche».


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Spaniel am 03.01.2018 07:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Es geht vielen von uns immer noch zu gut. Über Gebühren lästern und Essen wegschmeissen-tut schon weh...

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  • Armut ist überall am 03.01.2018 07:27 Report Diesen Beitrag melden

    Kopfschütteln

    Und ich muss jeden Franken zweimal umdrehen und abwägen, ob es bis Ende Monat reicht...Das tut mir jedesmal weh, wenn ich in der Nachbarschaft sehe, was alles fortgeworfen wird. Dabei jammern sie immer, dass alles so teuer sei.

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  • Adi Jäger am 03.01.2018 07:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    uns geht es zu gut.....

    uns geht es einfach zu gut. Und irgendwann bekommen auch wir den Denkzettel zurück. Viele Menschen wären froh wenn sie nur ein bruchteil davon haben könnten. Nein wir werfen es lieber weg als nachzudenken. Heilsarmee zb. wäre eine Obzion. Traurig

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Marlis am 04.01.2018 13:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wegwerfen gesellschaftlichen

    Man reklamieren, wenn Laden Früchten und Gemüse wegwerfen. Aber das ist noch schlimmer. Sachen kaufen wo man nicht braucht, weil 2 oder 3 Tagen kein Laden offen sind verhungert man schon.

  • Kareem am 04.01.2018 09:45 Report Diesen Beitrag melden

    Menschen verhungern immer noch

    traurige Menschheit. Konsumkranke Menschheit. Egoisten

  • Gotthold am 04.01.2018 01:06 Report Diesen Beitrag melden

    das Loch im Bauch

    Solange die Leute es nicht als Sünde empfinden, werfen sie weg was ihnen hinderlich ist. Das Loch im Geldsack tut anscheinend niemand weh. Doch wer schon hungern musste, weiss wie weh das Loch im Bauch/Hunger tun kann.

    • Elisabeth am 04.01.2018 10:31 Report Diesen Beitrag melden

      Wer..

      ... weiss denn heute noch etwas mit dem Wort "Sünde" oder "Respekt" in Verbindung zu bringen?

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  • A.B.C. am 03.01.2018 21:40 Report Diesen Beitrag melden

    In anderen Ländern grassiert Hungersnot

    Absolut unverständlich. Vorallem Raclette-Käse ist noch lange über das Verfalldatum hinaus verzehrbar. Und Fondue Chinouse kann man entweder einfrieren oder anderswertig verarbeiten.

  • Werner Gubser am 03.01.2018 20:16 Report Diesen Beitrag melden

    weniger ist mehr

    Ich habe schon als kleiner Knirps gelernt, dass man nichts wegschmeisst. Beim Esswarenkaufen immer etwas weniger, als man essen könnte. So bleibt man schlank und fit - und falls man einen Job hat, endet man schliesslich als Millionär.