Empfehlung befolgt

08. November 2017 18:44; Akt: 08.11.2017 18:53 Print

«Schläger von Schüpfen» bleibt bis 2019 in Therapie

Seit fünf Jahren sitzt er hinter Gittern, obwohl er zu 14 Monaten verurteilt wurde. Das Obergericht hat nun über das Schicksal des Dorfschrecks von Schüpfen entschieden.

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Hat in Schüpfen BE mehrmals zugeschlagen: Der heute 27-jährige Igor L. verletzte 2010 einen Wirt – seit fünf Jahren sitzt er hinter Gittern. Bild: Karin Widmer

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Die Beschwerdekammer des bernischen Obergerichts hat am Mittwoch die stationäre Massnahme eines Mannes verlängert, der 2010 als «Schläger von Schüpfen» für Schlagzeilen sorgte. Der Mann, der aktuell in einer spezialisierten Klinik im Kanton Zürich ist, soll 2019 entlassen werden.

Mit seinem Urteil folgte das Obergericht im Wesentlichen den Empfehlungen der psychiatrischen Gutachter. Diese attestierten dem heute 29-Jährigen einen positiven Therapieverlauf. Der Mann leidet an einer paranoiden Schizophrenie.

Der Mann gab am Mittwoch vor Gericht bereitwillig Auskunft über seinen Therapiealltag. Er könne viel lernen, um später einmal wieder selbständig zu leben.

Hat in Schüpfen mehrmals zugeschlagen

Vor rund einem Jahrzehnt begann der junge Mann im Dorf Schüpfen als notorischer Tunichtgut für Unruhe zu sorgen. Mit Kollegen lungerte er am Bahnhof herum und suchte immer wieder Streit. Es kam zu Sachbeschädigungen und Schlägereien.

Ein Gericht verurteilte ihn ein erstes Mal. Noch auf Bewährung, schlug er 2010 den Wirt einer Dorfbeiz mit einem schweren Metallaschenbecher auf den Kopf.

Das erstinstanzliche Gericht brummte ihm dafür eine Freiheitsstrafe von elf Monaten auf. Das Obergericht erhöhte auf 14 Monate. Weil der Täter an einer psychischen Störung leide, sei die Strafe zugunsten einer stationären Massnahme aufzuschieben, so das Urteil.

Paranoide Schizophrenie

Eine solche therapeutische Massnahme dauert maximal fünf Jahre, kann aber vom Gericht jeweils verlängert werden. Kritiker bemängeln, dass auf diese Weise ein Täter faktisch auf unbestimmte Zeit weggesperrt werden kann auch wenn sein Delikt nicht dermassen schwer war.

Der in den Medien als «Schläger von Schüpfen» bekannte Mann sass in der Folge fünf Jahre lang in diversen Strafanstalten und wartete vergebens auf einen Therapieplatz in einer geeigneten Einrichtung. Eine Perspektive auf Entlassung hatte er nicht.

Ende 2015 ordnete das Bundesgericht an, dass der Mann entlassen werden müsse, wenn kein Therapieplatz für ihn gefunden werden. Ein Psychiater erkannte schliesslich, dass der Mann nicht an der zunächst vermuteten Persönlichkeitsstörung litt, sondern an paranoider Schizophrenie.

Staatsanwaltschaft: Therapiebemühungen würden zurückgeworfen

Mit dieser Diagnose fand sich in der forensisch-psychiatrischen Klinik Rheinau eine Institution mit geeignetem Therapieumfeld. Die Beschwerdekammer des bernischen Obergerichts hatte am Mittwoch nun zu entscheiden, ob die Massnahme verlängert oder allenfalls aufgehoben werden soll.

Psychiatrische Experten empfahlen eine Verlängerung entweder bis Ende 2018 oder bis Juni 2019. Einig waren sich die Experten über einen positiven Therapieverlauf, der optimistisch stimme. Doch die Entlassung dürfe nicht überstürzt werden, denn eine Überforderungssituation könnte beim Angeklagten wieder Symptome seiner psychischen Störung wachrufen.

Dies würde die Therapiebemühungen des Mannes um Jahre zurückwerfen. Damit sei niemandem gedient, am allerwenigsten ihn selber, betonte die Staatsanwältin in ihrem Vortrag. Sie sprach sich für eine Verlängerung der 2016 ausgelaufenen Massnahme um drei Jahre aus, also bis Juni 2019.

Verteidigung wollte sofortige Entlassung

Der Verteidiger verlangte die sofortige bedingte Entlassung. Seit sein Mandant in einem geeigneten Setting sei, sei er stabil und nicht mehr gefährlich. Es sei nicht sinnvoll, wenn der Steuerzahler teure Therapien bezahle, die der Mann nicht mehr benötige.

Der Verteidiger übte zudem harsche Kritik an der erfolglosen Suche der Vollzugsbehörden nach geeigneten Therapieplätzen. Die Jahre, die der heute 29-jährige ohne Therapie in Strafanstalten habe schmoren müssen, stünden in keinem Verhältnis zur 14-monatigen Freiheitsstrafe und zur Schwere seiner Delikte.

Glaubhaft

Dass der Mann seit sechs Jahren im Vollzug sei, könne man nicht einfach den Behörden anlasten, sagte die Präsidentin der Beschwerdekammer. Der Mann habe sich unkooperativ verhalten, so dass eine Diagnose schwierig gewesen sei.

Erst eine Zwangsbehandlung habe die Wende gebracht. «Heute wissen wir, dass eine paranoide Schizophrenie für sein Verhalten verantwortlich war». Nun sei der Mann aber auf einem guten Weg und habe dem Gericht glaubhaft gezeigt, dass es ihm ernst sei und er an sich arbeite.

Die Beschwerdekammer stützte sich in ihrem Entscheid auch auf Aussagen des Beschwerdeführers. Er hatte am Mittwoch gesagt, dass er sich vorstellen könne, maximal noch zwei Jahr in der «Rheinau» zu bleiben und sich auf ein offenes Setting vorzubereiten. Mit Juni 2019 habe er erstmals ein absehbares Datum und eine Perspektive.

(oli/sda)