Besetztes Zieglerspital

13. Dezember 2015 17:12; Akt: 14.12.2015 02:12 Print

«Selbstbestimmung würde im totalen Chaos enden»

von Mira Weingartner - Linksautonome wollen, dass Asylsuchende in Bern sich selbstständig verwalten sollen. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe hält dies für völlig unmöglich.

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Die Aktivisten haben ihre Stockwerkbesetzung im ehemaligen Bettenhochhaus auf dem Berner Ziegler-Areal beendet. Vereinbarungsgemäss haben sie den Ort geräumt und die Räume in ordentlichem Zustand hinterlassen, wie es in einer Mitteilung der Spital Netz Medien AG heisst.

In der Nacht auf Samstag hatte eine Gruppe junger Frauen und Männer den siebten Stock des früheren Berner Zieglerspitals besetzt. In den leerstehenden Patientenzimmern hatten sie ein provisorisches Nachtlager aufgeschlagen. Im einstigen Stationszimmer des Pflegepersonals stand zudem ein reichhaltiges Frühstücksbuffet zur Selbstbedienung bereit. Was auf den ersten Blick wie ein wildes Ferienlager aussah, hatte politischen Hintergrund: Mit der Besetzung des fürs Jahr 2016 geplanten Bundesasylzentrums wollten linkautonome Berner ein Zeichen gegen die herrschende Asylpolitik setzen.

Und dies nicht, «weil wir die Menschen, die hierher migrieren, als Problem betrachten», wie es in ihrem Flyer heisst. Vielmehr stört sich das «Kollektiv verschiedenster Menschen» an den geltenden Strukturen in hiesigen Asylzentren. Den Bewohnern würde mit Ausgangssperre, strengen Reglementierungen und Meldepflichten sämtliche Selbstbestimmung entzogen. «In Bundeszentren herrschen gefängnisähnliche Strukturen», beanstanden die Besetzer.

Chaos innert 24 Stunden

Die Aktivisten möchten das ehemalige Zieglerspital in einen «Ort der Selbstverwaltung ohne staatliche und private Kontrolle» umwandeln. Dies erachtet Stefan Frey, Mediensprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SHF), für ausgeschlossen: «Sich als Flüchtling in einer völlig fremden Welt selbst zu organisieren, ist unmöglich.» Müssten die künftigen Bewohner die interne Organisation im Zieglerspital alleine in die Hand nehmen, würde dort innert Kürze totales Chaos herrschen.

Dennoch kann Frey die emotionale Motivation der Spital-Besetzer nachvollziehen: «Gerade die Flüchtlingspolitik des Kantons Bern ist auf Abwehr und nicht auf Empfang eingestellt.» Bringen würde dies im Endeffekt niemandem etwas – und hohe Kosten verursache diese Einstellung genauso.

«Besser mithelfen, anstatt besetzen»

So hofft man auch von Seiten der Flüchtlingshilfe auf mehr Humanität für die künftigen Bewohnern des Zieglerspitals: «Ganz besonders sollte auch die Zivilbevölkerung stärker in die Betreuung von Asylsuchenden eingebunden werden», so Frey. So legt er auch den Hausbesetzern nahe, sich doch besser beim Eintreffen der neuen Bewohner des Zieglerspitals zu engagieren und dort ihre Hilfe anzubieten.