Schlägerei vor Cuba-Bar

14. Februar 2018 18:20; Akt: 15.02.2018 08:48 Print

«Die Polizisten wollten uns einfach abwimmeln»

Nachdem O.V. in Bern brutal zusammengeschlagen worden war, wollten Familienangehörige rasch Anzeige erstatten. Auf dem Posten stellte sich jedoch Ernüchterung ein.

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S.G.* hat schwere Tage hinter sich. Ihr Schwiegersohn O.V.* wurde am Wochenende von mehreren Männern vor der Cuba-Bar brutal zusammengeschlagen. Der 36-Jährige liegt seither im Spital, wartet auf eine Operation am Sehnerv und fürchtet, bleibende Schäden davonzutragen.

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Die Opferfamilie wollte die Prügler nach der Tat möglichst schnell identifizieren und dingfest machen. Dafür verliess sich die Familie auf die Kantonspolizei Bern: «Bereits am Montag ging meine Tochter auf den Posten auf dem Waisenhausplatz, um Anzeige zu erstatten. Dort wurde sie jedoch abgewimmelt», sagt die Pflegefachfrau S.G..

Anzeige persönlich einreichen

Die Polizisten hätten geltend gemacht, dass Anzeigen persönlich eingereicht werden müssten. Das konnte S.G., deren Vater sein Leben lang als Kriminalbeamter gearbeitet hatte, nicht glauben. Also begleitete sie tags darauf ihre Tochter auf die Wache. «Sie versuchten uns erneut abzuwimmeln», sagt sie. Das habe sie jedoch nicht akzeptiert. «‹Ich gehe hier erst weg, wenn mich ein Beamter angehört hat›, habe ich ihnen klipp und klar gesagt», so die 63-Jährige zu 20 Minuten.

Als sie hartnäckig blieb, kam schliesslich ein Polizist, um sie anzuhören. «Sie wollten den Vorfall zuerst als Bagatelle abtun und meinten, dass ein Richter erst prüfen müsse, ob es sich um leichte oder schwere Körperverletzung handele», so G. Weil leichte Körperverletzung ein Antragsdelikt ist, muss hier das Opfer selber aktiv werden und persönlich Strafantrag stellen. Lediglich bei schwerer Körperverletzung würden die Staatsanwälte von sich aus aktiv.

Dominik Jäggi, Sprecher der Kapo, präzisiert: «Jede Person kann einen Vorfall melden. Die Kapo wird daraufhin erste Abklärungen vornehmen.» Wenn diese auf ein Offizialdelikt wie etwa schwere Körperverletzung hindeuteten, würden umgehend weitere Ermittlungen aufgenommen. Sollte es sich jedoch um ein Antragsdelikt handeln, müsse der Geschädigte persönlich Strafantrag stellen.

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Für S.G. ist das alles viel zu bürokratisch: «Die Polizei muss in so einem Fall doch sofort entsprechendes Beweismaterial wie Videoaufnahmen sicherstellen. Sonst ist es plötzlich weg.» Das habe erste Priorität.

Auch die Gesundheits- und Fürsorgedirektion GEF des Kantons Bern, die Leistungsverträge mit mehreren Opferhilfestellen unterhält, sieht das so: «Es ist wichtig, solche Ereignisse so rasch wie möglich zu melden, um die nötigen Schritte einzuleiten», sagt GEF-Sprecher Gundekar Giebel. Opfer oder ihre Angehörigen könnten auch auf das kostenlose Angebot der Opferhilfestellen zurückgreifen: «Dort wird dann der ganze Apparat zum Laufen gebracht.»

Doch offenbar zahlte sich die Hartnäckigkeit von G.S. aus: Tatsächlich wurde der Besitzer der Cuba-Bar am Dienstag von der Kapo kontaktiert. Er willigte sofort ein, das entsprechende Videomaterial zur Verfügung zu stellen. Auch hat sich bereits ein Augenzeuge bei der Kapo gemeldet, wie 20 Minuten aus sicherer Quelle weiss.


* Name der Redaktion bekannt

(cho)