Junge Fotografinnen

06. Februar 2018 10:02; Akt: 06.02.2018 10:03 Print

Schatzsuche in geheimnisvollen Ruinen

von Simon Ulrich - Deborah Sgier und Naomi Weber fotografieren dort, wo lange keiner mehr war: In verlassenen Gebäuden tauchen sie in vergangene Zeiten ein.

Begeben Sie sich mit Deborah und Naomi an einen Lost Place. (Video: sul)
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Die Gemäuer bröckeln, Tapeten hängen in Fetzen von den Wänden und auf den Böden lagert Schutt und Staub: Mit den Gebäuden, in denen Deborah Sgier (28) und Naomi Weber (24) ihre Freizeit verbringen, würde kein Tourismusverband Werbung machen. Es sind marode Bauernhäuser und Villen, stillgelegte Fabriken und Sanatorien, aufgegebene Hotels und Swingerclubs. Einst lebten hier Familien, verrichteten Arbeiter ihr Tagwerk, gingen Gäste ein und aus. Heute sind die Bauten verlassen, vergessen, funktionslos.

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«Wir wollen die Schönheit des Verfalls zeigen»

Von solchen Lost Places, wie man die Schauplätze nennt, fühlen sich Sgier und Weber magisch angezogen. Kaum ein Wochenende vergeht, an dem sich die beiden Oltnerinnen nicht mit Kamera und Stativ aufmachen, um einen von der Welt vergessenen Ort zu erkunden. Das sei jedes Mal Nervenkitzel pur. «Es fängt schon damit an, dass wir im Vorfeld meist nicht wissen, ob wir überhaupt ins Gebäude reinkommen», sagt Sgier. Unverschlossene Türen seien eher die Ausnahme. Oft klettern sie daher durch ein offenes Fenster oder ein Schlupfloch, notfalls auch mithilfe einer Räuberleiter.

Je unberührter, desto besser

Dass sie sich dabei in einer rechtlichen Grauzone bewegen, ist den beiden Urban Explorer (kurz Urbexer), wie die Lost-Place-Besucher in der Szene genannt werden, klar. «Irgendwem gehören die Gebäude ja noch immer und streng genommen müsste man für das Betreten wohl eine Genehmigung einholen», sagt Sgier. Einbrechen sei jedoch tabu, und gegenüber den Einrichtungen verhalte man sich stets respektvoll. «Take nothing but pictures, leave nothing but footprints», lautet eine der wichtigsten Regeln der Urbexer. Nimm nichts mit ausser deinen Bildern und hinterlasse nichts ausser deinen Fussspuren.

Dass sich längst nicht alle Ruinengänger an das ungeschriebene Gesetz halten, zeigen die unzähligen Graffitis und Vandalenakte, die auf den Fotos zu sehen sind. «An solchen Orten hängen eben auch viele Jugendliche rum und feiern ihre Partys», sagt Sgier. Umso begeisterter sind die Hobby-Fotografinnen, wenn sie einen «unberührten» Lost Place vorfinden, einen ohne Sprayereien und Verwüstungen. «Das ist wie ein Sechser im Lotto, da flippen wir richtig aus», erzählt Weber. Ihre Bilder stellen sie – auch das gehört zum Ehrenkodex der Urbexer – ohne Angaben zum Standort ins Netz. «Die gefundenen Schätze behält man gern für sich», sagt sie.

Geschichte hautnah erleben

Überhaupt gleiche die Begehung eines Lost Places einer Schatzsuche. Nie wisse man, was einen erwarte, auf welche Überbleibsel aus vergangenen Tagen man stosse. Kürzlich stiegen die beiden besten Freundinnen in ein herrschaftliches Chateau im Elsass ein, mit Marmorsäulen, roten Teppichen, Kronleuchtern und einem verstaubten Klavier. «Wir lieben solche edlen Interieurs», schwärmt Sgier.

Daneben lassen auch ehemalige Spitäler und Psychiatrien die Herzen von Sgier und Weber, die beide im Gesundheitswesen tätig sind, höher schlagen. In einem verwaisten Spital, das sie letzten Dezember auskundschafteten, standen noch diverse Maschinen wie etwa ein Röntgengerät an ihrem Platz. An solchen Orten lasse sich Geschichte hautnah erleben, sagt Weber. «Man kann sich richtig vorstellen, wie diese Orte früher gelebt haben müssen.»

Als wäre die Zeit stehen geblieben

Dabei erwecken manche Gebäude auf den Bildern den Eindruck, als habe darin noch vor wenigen Wochen das Leben geherrscht. In einem einst berühmten Thermalbad im Raum Olten, das vor über 15 Jahren geschlossen wurde, liegen Flügeli und Flossen im leeren Becken herum, auf einem Tisch liegen Fachzeitschriften auf, in einem Zimmer steht noch immer ein Solarium. Die Atmosphäre mutet gespenstisch an. «Manchmal kommt es einem vor, als wäre die Zeit einfach stehen geblieben», sagt Weber.

In anderen Häusern hat die Natur längst Überhand genommen. In einem Raum wachsen bereits Bäume, der Boden ist mit Moos bedeckt, der Efeu kriecht durchs Fenster. Für manche Leute sind solche Bauten Schandflecken. Nicht so für Sgier und Weber. Mit ihrer Fotografie haben sie eine klare Mission. «Wir wollen die Schönheit des Verfalls zeigen.»


Weitere Bilder von Deborah Sgier und Naomi Weber finden Sie unter:

https://www.facebook.com/urbexrebel/

https://urbanexplorationphotography.jimdo.com/



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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ratatouille am 06.02.2018 06:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Ruinenfotografie

    Ist seit einigen Jahren bei so manchen Hobbyfotografen zum beliebten Objekt geworden. Mit geschickter Bildbearbeitung entstehen dabei spannende Bilder. Interessant.

  • Pasci am 06.02.2018 07:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nichts neues?

    Mir scheint als würde den medien der stoff ausgehen... zum 1000 lost places, jeder kennt es. Bir ein paar jahren kannten es nur die die es auch taten. Schade drum.. medien sind doof...

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  • Peggy am 06.02.2018 07:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schöne Bilder

    Mir gefallen die Bilder. Tolle Idee auch wenn sie es schon andere hatten . Ist ja auch nicht schlimm eine tolle Idee zu teilen. Die Bilder sind jedenfalls sehr schön.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Urbexer am 07.02.2018 20:07 Report Diesen Beitrag melden

    Sprachlos

    Danke Mädels, dass ihr den anderen Urbexern mit so viel Aufmerksamkeit das Hobby noch schwerer macht..

  • Geiser Beat am 07.02.2018 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Lost Places

    Meine Tochter und ich sind wie magisch angezogen von solchen Gebäuden und können die beiden jungen Frauen begreifen. Wir suchen auch solche Gebäude auf. Sanatorien im Tessin, verlassene Fabriken usw. Macht echt Spass.

  • Lostbase4 am 07.02.2018 12:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    fehl am platz

    Bin selber urbexer schade das man alles publizert ihr sind Spielverderber das soll Insider wissen bleiben und nicht junge randalierer noch antreiben noch mehr zerstören ! Umso weniger umso besser !!

  • Martina Kübler am 06.02.2018 15:57 Report Diesen Beitrag melden

    Verlorene Schönheiten

    Ich bin stolz auf diese zwei.Ganz tolle Bilder ,die sie allen näher bringen. Macht weiter,damit diese Orte ihren Reiz nicht verlieren.

  • M.G. am 06.02.2018 13:30 Report Diesen Beitrag melden

    Zwiespältig

    Das gibt oft wunderschöne Fotos aber irgendwie beschleicht mich das Gefühl einer gewissen Morbidität. Ähnlich der zwischen 1900 - 1914 in Österreich wo man die kommende Katastrophe quasi in allen Kunstwerken, Romanen und Gedichten sehen konnte. Das roch förmlich nach Tod, nach Kronprinz Rudolf, Oberst Redl und der Kapuzinergruft.