Angestellten gedroht

05. Mai 2017 18:55; Akt: 05.05.2017 18:55 Print

Chef wegen Erpressungs-Mail verurteilt

von Simon Ulrich - Ein Geschäftsführer, der seine Angestellte mit fingierten E-Mails zum Sex erpresst hatte, wurde vom Regionalgericht der mehrfachen Nötigung schuldig gesprochen.

storybild

Durch die Androhung nachteiliger Folgen gegenüber dem Opfer habe der Beschuldigte eine «ganz erhebliche Drucksituation» aufgebaut, befand der Gerichtspräsident. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Geschäftsführer einer Baufirma schrieb seiner Personalchefin 2013 ein E-Mail. Darin gab er sich als Carla aus und forderte von seiner Angestellten, sie müsse an bestimmten Tagen in aufreizender Kleidung im Büro erscheinen und mit ihrem Chef Sex haben. Falls dies nicht geschehe, habe sie mit schwerwiegenden beruflichen und familiären Konsequenzen zu rechnen. Insbesondere drohte Carla der Frau, das Betreibungsamt über falsche Lohnangaben zur Berechnung des Existenzminimums in Kenntnis zu setzen.

Die Personalverantwortliche kam Carlas Forderungen nach, es kam etliche Male zum Sex mit dem Chef. Dass dieser selbst hinter dem Pseudonym stecken könnte, ahnte sie nicht.

Das Regionalgericht Bern-Mittelland sprach den Geschäftsführer nun der mehrfachen Nötigung sowie der mehrfachen Verleumdung schuldig. Es verurteilte ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten bei einer Probezeit von zwei Jahren. Hinzu kommt eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 130 Franke wegen Verleumdung. Dem Opfer hat er 3049 Franken Schadensersatz sowie 10'000 Franken Genugtuung zu entrichten.

Gewisse Naivität nicht von der Hand zu weisen

Wie der Gerichtspräsident bei der Urteilsbegründung am Freitag festhielt, habe der Chef eine «ganz erhebliche Drucksituation» aufgebaut, indem er seiner Angestellten mit finanziellen Nachteilen drohte. Sein Hintergrundwissen über die Lebenssituation der Klägerin habe er auf «planmässige und perfide Weise» ausgenutzt.

Ferner führte der Gerichtspräsident an, dass der Privatklägerin «eine gewisse Naivität nicht abgesprochen werden» könne. Auch sei ihre Situation nicht ausweglos gewesen, gewisse «valable Selbstschutzmöglichkeiten» hätten bestanden. Ihre Aussagen seien mitunter nicht frei von Widersprüchen, insgesamt jedoch bedeutend glaubhafter als jene des Beschuldigten. Dieser habe sich zuweilen klarer Schutzbehauptungen bedient.

Eigene Ideen für Rollenspiele eingebracht?

Im Anschluss an die anonyme Drohung des Chefs kam es zwischen diesem und dem Opfer zu rund 50 Sextreffen, verteilt auf gut zwei Jahre. Die Filme von den Rollenspielen, die nach Drehbuch abliefen, schickten die beiden angeblich an Carla: Der Chef gaukelte seiner Angestellten vor, er werde ebenfalls von Carla erpresst, nachdem diese ihm eine Speicherkarte mit einer Sex-Szene entwendet habe.

Der Verteidiger des Mannes hatte einen Freispruch im Hauptanklagepunkt der (sexuellen) Nötigung verlangt. Es mute ein wenig seltsam an, dass sie Frau die «handgestrickte Drohung» nicht hinterfragt habe und gleich auf die darin erhobenen Forderungen eingegangen sei. «Das Verhalten lässt darauf schliessen, dass das Ganze der Frau gar nicht so zuwider war», argumentierte er bei der Verhandlung am Mittwoch. Auch habe sie eigene Ideen für die Rollenspiele beigesteuert.

«Auch ein leichtes Opfer braucht Schutz»

Der Vertreter der Frau hatte hingegen eine Verurteilung wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung gefordert. Sie sei zu den Sextreffen gezwungen worden, habe unter enormem psychischen Druck gestanden und Angst gehabt, alles zu verlieren.

Die Forderung der Staatsanwältin lag in der Mitte. Die Angestellte sei mit ihrer offenen und freizügigen Art gegenüber ihren Arbeitskollegen zwar ein leichtes Opfer gewesen, meinte sie, doch: «Auch ein leichtes Opfer braucht Schutz.» Die Staatsanwältin plädierte für eine bedingte Gefängnisstrafe von 22 Monaten wegen mehrfacher Nötigung.