Berufswahl

15. März 2017 06:01; Akt: 15.03.2017 06:01 Print

Rent-a-Stift macht Schule

von Simon Ulrich - Lehrlinge erzählen Oberstufenschülern aus ihrem Berufsalltag: Das Projekt «Rent-a-Stift» wird immer beliebter. 20 Minuten begleitete zwei Lehrlinge ins Klassenzimmer.

20 Minuten begleitete zwei Stifte bei ihrem Einsatz in Bümpliz.
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In der Schweiz löst jeder vierte Jugendliche seinen Lehrvertrag vorzeitig auf. Zu den häufigsten Ursachen zählt eine falsche Berufswahl – sei es, weil die Lernenden zu idealistische Vorstellungen vom Beruf hatten, sei es, weil sie leistungsmässig an ihre Grenzen stiessen.

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Hier setzt «Rent-a-Stift» an: In Zweierteams besuchen Lehrlinge Klassen des achten und neunten Schuljahrs und berichten aus ihrem Berufsalltag. Auch im Kanton Bern schwärmen seit diesen Tagen 32 Stifte der Gewerblich-Industriellen Berufsschule (GIBB) in die Klassenzimmer der Oberstufen aus und stehen den Schülerinnen und Schülern Rede und Antwort.

Rent-a-Stift ist ein Renner

«Rent-a-Stift» stösst auf grosse Resonanz, die Nachfrage nimmt stetig zu: 2015 gingen 70 Anmeldungen von Schulen ein, 2016 bereits 90. «In diesem Jahr kommen wir wohl erstmals auf 100 Einsätze», sagt Michael Gurtner, Projektleiter von «Rent-a-Stift» an der GIBB. Überraschend sei die wachsende Nachfrage für ihn nicht. «Lehrlinge sind die besten Botschafterinnen und Botschafter, wenn es darum geht, Jugendliche für die Berufslehre zu begeistern.»

Künftigen Lehrlingen die Angst nehmen

Zu den Botschaftern gehören dieses Jahr auch Sarina Baumann und Tobias Zaugg. Ihre ersten von insgesamt fünf Einsätzen, für die sie von ihren Betrieben freigestellt werden, hatten die 17-jährige Polygrafin und der 17-jährige Automatiker an der Realschule in Bümpliz. Dort erzählten sie der Klasse 8a von ihrer Lehrstellensuche, den physischen und psychischen Anforderungen ihrer Berufe, ihren Erfahrungen im Arbeitsalltag sowie den Sonnen- und Schattenseiten ihrer Ausbildung.

«Mir fiel die Berufswahl eher schwer», erinnert sich Sarina. Informationen aus erster Hand, also von den Auszubildenden, hätte sie damals selber gut gebrauchen können. «Ich finde es schön, dass ich künftige Lehrlinge bei der Berufswahl unterstützen und ihnen ein wenig von ihrer Angst nehmen kann», begründet sie ihre Teilnahme an «Rent-a-Stift».

Mit Fragen gelöchert

Tobias hat der Wechsel von der Schule zur Lehre grosse Probleme bereitet. «Ich war vom neuen Tempo völlig überfordert», erzählt er. Deshalb wolle er die Achtklässlerinnen und Achtklässler auf den schwierigen Berufseinstieg sensibilisieren und sie ermutigen, gleich zu Beginn dranzubleiben.

Die Bümplizer Klasse hörte gebannt zu. Seitengespräche: Fehlanzeige. Beinahe im Minutentakt werden Fragen gestellt: Wie viele Bewerbungen musstet ihr schreiben? Bekommt ihr euren Lohn auch, wenn ihr krank seid? Könnt ihr eure Ferien nehmen, wann ihr wollt? «Die Lektion hat Spass gemacht, die Schüler zeigten sich enorm interessiert», sind sich Sarina und Tobias einig.

Gewinn für die Lernenden

«Fast ausnahmslos positiv» sind laut Michael Gurtner denn auch die Rückmeldungen der besuchten Schulen. Wenn es um die Lehre gehe, seien Aussagen von Lernenden eben deutlich glaubhafter als jene von Lehrern oder Berufsfachleuten. «Die Lehrlinge standen vor ein bis zwei Jahren ebenfalls vor dem Berufseinstieg, kennen die Situation und sind den Schülern deshalb viel näher», weiss der Projektleiter.

Die Lernenden werden an fünf Schulungsabenden auf ihre Präsentation vorbereitet, müssen also einen Teil ihrer Freizeit opfern. «Es ist nicht immer einfach, genügend Teilnehmer zu finden», räumt Gurtner ein. Der Zusatzaufwand biete ihnen aber auch die Chance, sich wichtige Kompetenzen anzueignen, wie etwa vor Leuten eine Präsentation zu halten. Polygrafin Sarina stimmt zu: «In meiner Bude muss ich das immer wieder.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • meno am 15.03.2017 07:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

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    Coole Sache. Ich hatte zu Beginn meiner Lehrzeit auch erstaunlicherweise Probleme mit dem schulischen. Jetzt stehe ich ein Semester vor meinem Bachelor-Abschluss. Es war ein lamger Weg, weil ich es auf die harte Tour lernen musste.

  • -R.D- am 15.03.2017 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    Super Sache !

    Ich finde Rent a Stift eine SUPER sache! Ich habe selbst mitgemacht und gesehen wie es den Schülern mut gemacht hat.

  • Noldi Schwarz am 15.03.2017 07:46 Report Diesen Beitrag melden

    Gratulation...

    Hervorragend! Herzliche Gratulation! Mit 17 so vor eine Klasse zu treten und erst noch glaubwürdig hinüber zu kommen, das ist keine einfache Sache. Es zeigt aber auch, wie weit entfernt sich Lehrer von der Wirklichkeit bewegen. Sie haben keine Ahnung vom realen Stiftenalltag, geschweige denn vom harten Berufsleben der Mehrheit der Bevölkerung, die nicht studiert hat. Doch ohne diese Leute würde die Schweiz still stehen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • -R.D- am 15.03.2017 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    Super Sache !

    Ich finde Rent a Stift eine SUPER sache! Ich habe selbst mitgemacht und gesehen wie es den Schülern mut gemacht hat.

  • Ausbeuter am 15.03.2017 10:16 Report Diesen Beitrag melden

    Es sollte heissen..

    Rent-Eine Billige Arbeitskraft. Das ganze Lehrsystem in der Schweiz ist eine einzige Ausbeutung um billige Arbeitskräfte zu haben. In unserem Elektromonteur betrieb gab es gerade mal 3 Ausgebildete Monteure aber 10 Stifte die auf dem Bau schufften mussten wie die grossen. Von wegen Lehre.

    • Kniescheibe am 16.03.2017 16:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ausbeuter

      Wie bei uns als Bodenleger. Gerade mal gut zum schleppen. Die meisten aus meiner Klasse können sich wegen Sprache nicht wehren und kommen unter die Räder.

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  • Kurt am 15.03.2017 10:16 Report Diesen Beitrag melden

    Wer hat's erfunden?

    Alles OK: Aber "Stift" sagt man heute einfach nicht mehr. Stifte sind Nieten ohne Köpfe.

    • Berner am 15.03.2017 15:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kurt

      Und auf Schweizerdeutsch eben nicht.

    • keinstift am 15.03.2017 17:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kurt

      habe schon bevor ich die kommentare gelesen habe gewusst, dass irgendjemand sich wegen dem "gemeinen" wort stift aufregt.

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  • ... am 15.03.2017 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eigenverantwortung?!

    Ich ging damals intensiv Schnuppern und bekam so Einblick in diverse Berufe. Aber da muss man halt auch bereit sein Zeit in der Freizeit dafür zu investieren - und da happerts bei vielen... Prinzipiell ist die Idee ja gut, aber weshalb muss sich da nun auch die Schule drum kümmern? Wo bitte bleibt die Eigenverantwortung? Die fehlt mittlerweile sowieso vielen...

  • Nachdenker am 15.03.2017 07:52 Report Diesen Beitrag melden

    Stift = kopflose Niete

    Den Ausbildnern wurde die Bezeichnung "Stift" für einen Lehrling verboten da dies abwertend sei (Stift = kopflose Niete). Ich bitte um Erklärung warum das hier ok ist?

    • Lehrling am 15.03.2017 08:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Nachdenker

      Ich denke nicht das sich jemand abwertend oder in irgendeiner Hinsicht beleidigt fühlt und daher finde ich das völlig in Ordnung.

    • sepp am 15.03.2017 17:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Nachdenker

      jeder den ich kenne , vorallem auf dem bau, hat sich auch als stift bezeichnet. oder soll mann plötzlich vom "oberlernenden" als vom "oberstift" sprechen

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