Kanu-Unglück am Thunersee

01. Mai 2017 15:54; Akt: 01.05.2017 18:09 Print

«Die Mädchen schrien und waren völlig erschöpft»

Die Merliger Familie Mennig rettete die gekenterten Mädchen aus dem kalten Thunersee. Ohne ihr Eingreifen wären womöglich auch sie ertrunken.

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Was als fröhliche Kanu-Tour geplant war, endete in einer Tragödie: «Wir hörten Kinder schreien», sagt Peter Mennig. Der ehemalige Direktor des Hotels Beatus sass mit seiner Ehefrau Silva auf dem Balkon mit Sicht auf dem See. Zuerst habe er sich nicht viel dabei gedacht, weil bei schönem Wetter oft Kinder am See spielen würden. Dann habe er zwei Kinder im See entdeckt – bei einer Wassertemperatur von rund 12 Grad. Mennig: «Ich dachte mir sofort, dass da etwas nicht stimmen kann.»

Mit seiner Frau rannte er ans Seeufer, wo andere Passanten bereits die Polizei alarmierten. «Das 7-jährige Mädchen hatte sich mit einer Hand am Boot festgeklammert, an der anderen hielt sie ihre Schwester», sagt Silva Mennig: «Die Mädchen schrien und waren völlig erschöpft. Eines rief, dass ihre kleine Schwester nicht schwimmen könne und sie bald keine Kraft mehr habe.»

Sohn (16) sprang als Erster

Der 16-jährige Sohn der Mennigs reagierte sofort: «Rafael rannte an uns vorbei und sprang sofort ins Wasser», sagt Mutter Silva stolz. Zusammen mit seinem Vater und einem weiteren Passanten sei er zu den Mädchen hinausgeschwommen: «Die Kinder trugen keine Rettungswesten. Zum Glück hatten wir welche dabei», sagt Vater Mennig.

Die Kinder seien in Panik gewesen: «Der Wellengang war sehr hoch und das Wasser extrem kalt. Ich bin ein guter Schwimmer, aber habe trotzdem Seewasser geschluckt.» Sie hätten die Mädchen dann an Land gebracht und sie beruhigt. «Wir haben den Kleinen unsere Kleider gegeben. Sie waren völlig durchfroren und standen unter Schock», so Silva Mennig.

«Wir konnten zwei sehr junge Leben retten»

Als die Mädchen nach ihrem Vater fragten, sei auch schon das Boot der Seepolizei aufgetaucht. Als Peter Mennig bei den Mädchen war, habe er nur gesehen, wie weiter weg etwas Gelbes im Wasser treibe. Er habe jedoch nicht erkannt, dass es sich dabei um einen Menschen handle: «Vom Ufer aus habe ich dann gesehen, wie die Seepolizei den Mann an Bord zog und sofort mit den Reanimationsmassnahmen begann.»

Obschon der 35-jährige rasch mit dem Helikopter ins Spital geflogen wurde, erlag er am Montagmorgen seinen Verletzungen. Mennig: «Es ist tragisch, dass der Vater gestorben ist.» Die Familie wohne ebenfalls in Merligen, sein Sohn kenne die Mädchen. «Immerhin konnten zwei sehr junge Leben gerettet werden», so Mennig. Wie es zu dem Unglück kam, könne er sich nicht erklären: «Was auf dem See genau vorgefallen ist, wissen wohl nur die Mädchen.»

Starker Wind, hohe Wellen

Das Drama ereignete sich am frühen Sonntagabend. Der 35-jährige Vater hatte sich mit seinen 5- und 7-jährigen Töchtern in einem Kanu bei Merligen auf den See begeben. Laut Augenzeugen kenterte das Boot gut 15 Meter vom Land entfernt: «Der Föhn wehte plötzlich sehr stark und der Wellengang nahm sehr schnell zu. Die Wellen hatten sogar eine kleine Schaumkrone», berichtet eine Anwohnerin gegenüber 20 Minuten. An der Stelle würden oft Kanufahrer vorbeifahren – jedoch nicht um diese Jahreszeit: «Ich weiss nicht was sich der Vater dabei gedacht hat. Solche Wassertemperaturen und dann noch ohne Schwimmweste.»

Auch David Storey von der Kajakschule Hightide im nahen Bönigen betont, wie wichtig Schwimmwesten seien: «Bei solchen Temperaturen sollte man ausserdem unbedingt einen Neopren- oder Trockenanzug tragen.» Hoher Wellengang sei meistens die Ursache, wenn ein Kajak oder Kanu kentere.

Die Kantonspolizei Bern bittet Personen, die sachdienstliche Hinweise zum Vorfall machen können, sich unter der Telefonnummer 031 634 41 11 zu melden.

(cho)