Interlaken

24. Oktober 2017 05:44; Akt: 24.10.2017 05:44 Print

Einheimische schimpfen «Touristenpack» aus

Wächst in Interlaken der Touristenhass? Laut Einheimischen ist ein gewisser Unmut spürbar. Einzelne wurden auch schon angerempelt oder von Touristenfeinden beschimpft.

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Caroline J.* (41) aus Interlaken ist sauer: Schon mehrmals sei sie im Ortszentrum angemotzt oder sogar geschubst worden. «Ich wurde schon öfter für eine Touristin gehalten und deswegen beschimpft», erzählt sie. Besonders von älteren Semestern habe sie schon einiges zu hören bekommen. «Einmal schubste mich eine ältere Frau beim Einsteigen in den Zug zur Seite und sagte: ‹Einheimische zuerst, Touristenpack›.»

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Ein anderes Mal sei sie vor einem Eingang zu einem Laden kurz stehen geblieben. Da sei sie angerempelt worden: «Auch dieser Herr sagte sowas wie ‹Dreckstourist, mach Platz›.»

Franzose hört, wie auf Schweizerdeutsch gelästert wird

Ähnliches erzählt auch ein Franzose, der seit vier Jahren in Interlaken wohnt und in der Tourismusbranche arbeitet. «Es ist eine Art Rassismus gegen Touristen spürbar. Eigentlich sind es immer nur kleine Dinge, etwa, dass auf Schweizerdeutsch geschimpft wird, wenn man in einer anderen Sprache antwortet, weil sie denken, man verstehe es nicht.»

Auch in einer langen Warteschlange habe er schon Sprüche gehört wie «geh doch nach Hause», wenn ein Asiate oder Araber an der Kasse nicht gleich das passende Münz fand. «Oder man wird einfach sehr leidenschaftslos bis gehässig bedient», erzählt der Franzose. «Vor allem meine Frau, die Asiatin ist und ebenfalls im Tourismus arbeitet, wird manchmal sehr unfreundlich abgefertigt.»

Auch der 22-jährige Interlakner Julian H. berichtet, er habe schon gehört, wie Einheimische über Touristen gelästert und sie beschimpft hatten. «Da bin ich eingeschritten.» Eine ältere Dame, die von 20 Minuten angesprochen wurde, sagte offen heraus: «Ich habe einfach die Araber nicht gern.» Und Bruno S. (63) meint: «Ich kenne Einheimische, die sich hier nicht mehr wohl fühlen. Die Touristen haben sich verändert, früher waren es Österreicher, Deutsche oder Franzosen, aber heute kommen halt viele aus total anderen Kulturen zu uns.» Einige seien halt «nicht sehr gut angepasst».

Symptom eines grösseren Problems?

Für Caroline J. ist klar: «Wir haben da ein Problem, das in Interlaken wächst». Als Einheimischer habe man «hier im Touristenkaff» nichts mehr zu melden. Man sei Bürger zweiter Klasse, da die Konsum-Angebote nur auf Touristen ausrichtet seien. Wegen dieses Unmuts hat sie nun vergangene Woche mit dem Gemeindepräsidenten gesprochen.

Urs Graf, Gemeindepräsident von Interlaken, sagt zu 20 Minuten: «Ich war schon sehr überrascht von den Schilderungen. So etwas ist mir bisher nie zu Ohren gekommen.» Er könne sich das weder erklären noch konkret etwas dagegen unternehmen.

«Man kann den Touristen ausweichen»

Auch Alice Leu von Interlaken Tourismus hat von den Erlebnissen von Caroline J. gehört. «Wir haben im Tourismusbüro noch keine Vorkomnisse in dieser Grössenordnung und Schwere geschildert bekommen», sagt sie. Was manchmal gemeldet werde, seien kleinere Unfreundlichkeiten verbaler Art, zum Beispiel ein «machät mau vorwärts» an der Supermarkt-Kasse.

Dass die Angebote in der Innenstadt auf die Touristen ausgerichtet seien, sei eine Tatsache. «Klar, es hat viele Uhren- und Souvenirläden. Aber als Einheimischer kann man der Touristenmeile sehr einfach ausweichen, in kurzer Distanz finden sich auch viele Angebote für die Einwohner.»

Einwohner sagen, es gebe zuviele Touristen

Auch Tourismus-Spezialist Christoph P. Reber, Direktor des City Hotels in Interlaken, hält sich oft dort auf, wo sich besonders viele Touristen aufhalten. «Rempeleien habe ich allerdings noch nie gesehen oder selber erlebt», sagt er. «Am Stammtisch wird höchstens über die vielen Mietwagen diskutiert, die überall sichtbar sind.»

Erich Reuteler, Präsident der Tourismus Organisation Interlaken (TOI) glaubt ebenfalls nicht, dass in den letzten Jahren der Touristenhass unterschwellig angewachsen sei: «Aber es gibt sie schon, die Leute, die hinter vorgehaltener Hand sagen, es gebe langsam zuviele Touristen bei uns. Doch diese Menschen verhalten sich normal. Ich habe noch nie davon gehört, dass sie deswegen auf Touristen losgehen.» Der «besonnene Einheimische» wisse schon, dass es der Region so gut gehe wegen den Gästen aus dem Ausland.

* Name der Redaktion bekannt

(ct)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • cycling_alex am 24.10.2017 06:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schaffen von Parallelwelten

    Gastfreundlichkeit nimmt mit dem Volumen der Gäste ab. Grund dafür gibt es viele. Da ist zum Beispiel die ganze Infrastruktur welche zu klein wird. Dann das Angebot in den Läden welches immer mehr regionale Produkte ausgrenzt und einerseits zum Touristen-Ramsch-Kiosk wird oder andererseits zum Asiastore. Weiter steigen die Bodenpreise, welches Einheimischen kaum noch erlaubt im Zentrum zu leben, sie werden an den Rand gedrängt. Und zuguterletzt wenn ich jeden Tag 20min an der Kasse anstehen muss, dann kann auch ich ungeduldig werden. Das der Gemeindepräsident davon nichts mitbekommt ist, weil er davon nichts hören will. Solange viel Geld in die Gemeindekasse und andere Taschen fliesst, warum was ändern.

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  • Volkan S. am 24.10.2017 06:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kann ich nachvollziehen

    Nach vielen vielen Jahren war ich vor 3 Monaten mal wieder in Interlaken und war erschrocken, wie Tourismusorientiert das Städtli geworden ist. Vom alten Charme ist leider nicht mehr viel übrig geblieben. Schade, das eine müsste möglich sein, ohne das andere zu vernachlässigen.

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  • Mister Proper am 24.10.2017 06:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wen wunderts

    nach Mallorca und Barcelona werden die Einheimischen demnächst eine Demo gegen Touristen durchführen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • benschi am 24.10.2017 14:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ansatz

    Betrachten wir es einmal so: Keine Monokultur auch im Tourismus nicht hat ohne Alternativen auf Dauer eine Zukunft. Sie ist Fremdbestimmt und dadurch anfällig. Das wäre ein wirtschaftspolitische Ansätze und Mut zu Veränderungen.

  • Susi am 24.10.2017 14:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fremde, soweit das Auge reicht.

    Als ich das letzte mal in Interlaken war, habe ich mich gefragt, ob ich noch in der Schweiz bin.

  • emmeli am 24.10.2017 14:09 Report Diesen Beitrag melden

    Ausweichen

    Wir waren mehrere Jahre als Schweizer gerne in Interlaken. In den letzen 2 Jahren haben wir das Touristenort gemieden. Warum? Die Touristen aus den arabischen Länder haben schon am Frühstücksbuffet keine Manieren gezeigt. sie essen herumlaufend am Buffet und diskutieren miteinander(nur die Männer)sehr unhygienisch. Das beliebte Cafe-Restaurant Speck wo wir gerne und gut gegessen haben bietet heute libanesische und asiatische Küche an. Schweizer nicht willkommen. Wir sind nun nach Bönigen ausgewichen direkt am Brienzersee. Traumhaft. Auch hier hat es Touristen aber mit gutem Benehmen.

  • Birdie am 24.10.2017 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    Ausweichen vom Zentrum...??

    Vielen Dank für Ihr Statement Frau Leu. Sie geben zu verstehen, dass der Einwohner dem Tourismus weichen soll. Wer nicht auf der Suche nach einer Uhr, Schokolade oder überteuerten Tasche ist soll sich vom Zentrum fernhalten. Na dann umgehen wir doch das Ortszentrum - Leider bringt dies bereits das nächste Ärgernis mit sich: die Verkehrs(ver)leitung um Interlaken. Als Touristenmeile interpretiere ich die Bahnhofstrasse sowie Höhenweg. Na dann entfernen wir uns davon und nehmen das Konsum/Einkaufsangebot der Jungfraustrasse sowie Centralstrasse in Augenschein... - eher eingeschränktes Angebot..

  • Heidi am 24.10.2017 13:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Saison

    Ich hab lange in einem Skigebiet gearbeitet und es stimmt: ende Saison kann man die Touristen nicht mehr sehen und ist froh, wenn man wieder etwas unter sich ist. Im Herbst freut man sich dann jedoch wieder auf die neue Saison. Da in Interlaken immer Saison ist kann ich mir schon vorstellen, dass man Touristen nicht als die Erfüllung per se betrachtet und man eigentlich alle am liebsten auf den Mond schiessen würde.