Berner Frauenrechtlerin

05. April 2017 19:05; Akt: 05.04.2017 19:05 Print

«Trump hat Feminismus neuen Schub verliehen»

Über die Frauenrechtlerin Marthe Gosteli erscheint erstmals eine Biografie. Es zeigt, für was die Alt-Feministinnen standen. 20 Minuten fragte nach, wofür Frauen heute noch kämpfen müssen.

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Marthe Gosteli hat nach mehreren Anfragen in der Vergangenheit nun endlich zugestimmt, dass eine Biografie über sie verfasst wird. Sie arbeitete nur deshalb mit Biografin Franziska Rogger zusammen, weil diese die Geschichte Gostelis eng mit der Geschichte der Frauenbewegung der letzten 100 Jahre verknüpfte.

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Denn die 99-jährige Gosteli ist die wohl älteste Feministin der Schweiz. Sie kämpfte fürs Frauenstimmrecht und für die Bildung der Frauen. Ihr grösstes Verdienst ist wohl die Rettung historischer Dokumente zur Schweizer Frauenbewegung.

Archiv gegründet, Preis erhalten

Das kam so: Als bei einigen Frauenverbänden in den 70ern ein Generationenwechsel stattfand, wollten die Frauen das alte Papier entsorgen, weil sie dachten, «jetzt haben wir das Stimmrecht ja». Da schritt Marthe Gosteli ein und sicherte Dokumente, Fotos und Biografien. Zudem sammelte sie die Unterlagen von Frauenrechtlerinnen, wenn diese ins Altersheim mussten und Verwandten alles wegwerfen wollten. «Das darf nicht sein!», sagte sich Gosteli: Sie lagerte die Akten in ihrem Elternhaus in Altikofen ein und gründete das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung.

Die Gosteli-Stiftung erhielt nun den Kulturpreis 2017 der Burgergemeinde Bern. Weil die Gründerin kürzlich stürzte, konnte 20 Minuten nicht mit ihr sprechen. Auch an die Preisverleihung konnte Gosteli nicht gehen. «Sie ist noch sehr erschöpft», sagt Silvia Bühler, Leiterin des Archivs. «Ich habe ihr aber Fotos und Blumen gebracht von der Verleihung und sie freute sich sehr.»

Feminismus früher und heute

Das Buch zeigt auf, dass Frauen zu Gostelis Zeit für mehr gekämpft hatten als nur für das Stimmrecht. «Es ging auch um das Ehe- und Bürgerrecht», sagt Silvia Bühler. Denn bis in die 80er war noch Gesetz, dass der Mann entschied, wo die Familie wohnt und ob die Frau arbeiten darf.

In der Biografie erzählt Gosteli, wie ihre Mutter einmal zur Bank ging und von ihrem eigenen Geld etwas abheben wollte. Da sei sie nach der Vollmacht ihres Mannes gefragt worden. Auch Gosteli habe Diskriminierung erfahren: So habe sie zum Beispiel nie studieren dürfen.

Kampf gegen Sexismus

«Es gab mehrere Wendepunkte in der Frauenbewegung», so Bühler. Einer sei um 1968 auszumachen, als linke Frauen begannen, sich um Frauenanliegen zu kümmern. Zuvor waren es eher bürgerliche Frauen gewesen. «So kam die Forderung nach Entlöhnung von Hausarbeit von den Linken. Vorher wurde das Rollenmodell nicht in Frage gestellt.»

Die Annahme des Frauenstimmrechts 1971 war ein weiterer Wendepunkt. «Später wurden auch die Gleichstellungsbüros gegründet.» Heute sei die rechtliche Gleichstellung zwar erreicht, es sei aber immer noch Organisatorisches zu klären. «Etwa die Lohngleichheit, die Thematik mit den Krippen, der Krankheit von Kindern oder Teilzeitarbeit für Männer. Auch muss immer noch gegen Sexismus und patriarchalische Gesinnungen gekämpft werden.»

Aus diesem Grund habe die Wahl von Trump der Frauenbewegung weltweit neuen Schub verliehen: «Ich hoffe, dass dies anhält», so Bühler. Denn es bleibe noch viel zu tun: «Viele Frauen müssen sich immer noch rechtfertigen, egal ob sie Kinder haben oder nicht oder arbeiten oder nicht. Das regt auf.»

Sie glaubt, dass heutige Feministinnen nicht extremer seien als frühere. «In jeder Phase haben sich die Frauen halt der Mittel bedient, die zur Verfügung standen.» Auch Gosteli werte die Engagements nicht, so Bühler: «Sie hat sich immer gefreut, wenn Frauen grundsätzlich etwas machten.»

«Marthe Gosteli. Wie sie den Schweizerinnen ihre Geschichte rettete» erscheint am 22. April im Stämpfli Verlag.

(ct)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kibiz am 05.04.2017 21:31 Report Diesen Beitrag melden

    Rechtliche Gleichstellung?

    Frau Bühler, Sie sagen, die rechtliche Gleichstellung sei erreicht.Warum aber verschweigen Sie die Männerwehrpflicht?

    einklappen einklappen
  • Urs K. am 05.04.2017 20:47 Report Diesen Beitrag melden

    Geschichte ist wichtig

    Das Entgangen und Lebenswerk von Marthe Gosteli kann nicht hoch genug gewürdigt werden, damit die Geschichte der Frauenbewegung nicht vergessen geht und die jüngere Generation auch sieht, welch steiniger Weg es bis heute war. Auch der Film "Die Göttliche Ordnung", der zZ in den Kinos läuft, ist da ein wichtiger Mosaikstein.

  • Bernerin am 05.04.2017 21:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eine beeindruckende Frau

    Ich habe einmal eine Rede von Marthe Gosteli gehört. Eine beeindruckende Frau. Sie weiss wovon sie spricht. Was mir vor allem geblieben ist, ist dass wir Begriffe wie Feminismus und Emanzipation heute völlig anders und verwässert gebrauchen. Als Totsclägerparolen ohne spezifischen Inhalt. Persönlich nervt mich das ganze "Feminismusgeschwafel" der heutigen "Feministinnen" als Frau ganz gewaltig. Von Frau Gosteli könnten sich diese Jungfeministinnen eine grosse Tranche abschneiden und kämen immer noch nicht ansatzweise an ihr Niveau heran.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kurt N am 06.04.2017 09:33 Report Diesen Beitrag melden

    Hat nichts mit Gleichberechtigung zutun.

    "Viele Frauen müssen sich immer noch rechtfertigen, egal ob sie Kinder haben oder nicht oder arbeiten oder nicht." Meiner Erfahrung nach, müssen Frauen das hauptsächlich anderen Frauen erklären. Ja, das nervt! Hat aber nichts mit Gleichberechtigung zu tun. Frauen dürfen arbeiten, dürfen zu hause bleiben, dürfen irgendeine Mischvariante von beidem wählen. Fall das nicht allen passt, naja, was soll's. Allen recht getan, ist eine Kunst die niemand kann. Aber meines Wissen gibt es keinen Mann, der Frauen irgendeine dieser Wahl verbietet, oder? Und noch was, jede Entscheidung hat Konsequenzen!

  • Anonym am 06.04.2017 08:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leider...

    Es ist leider noch immer so, dass sich Frauen für alles rechtfertigen müssen. Dafür, dass sie zB keine Kinder haben, oder dass sie-wenn sie welche haben- arbeiten gehen, dass sie erwarten, -wenn beide Partner arbeiten-dass die Hausarbeit gerecht aufgeteilt wird, dass Pflege der Eltern/Schwiegereltern auch den Mann betrifft usw

  • Ueli Knecht am 06.04.2017 02:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anfang vom Ende

    Der Anfang vom Ende, was hat das uns Männern gebracht. Sind wir ehrlich? Antiautoritäre Erziehung, Sozialismus in noch nie dagewesener Form, die höchsten Scheidungsraten, und ein sehr prekärer Arbeitsmarkt. Für die Männer hat es sich ausschließlich verschlechtert!! Also klatsche ich bestimmt nicht für diese Grete!!

    • loquito am 06.04.2017 14:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ueli Knecht

      Wow... und 23 weitere Menschen sind (auch) noch nicht mal im 20 Jh angekommen...

    einklappen einklappen
  • Herr Lehrer am 05.04.2017 22:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Patriarch

    Eine Gemeinschaft muss von ihrem stärksten Mitglied geführt werden. Das sieht man nicht nur bei den Wolfsrudeln. Dieser Feminismus ist strikt gegen die natürliche Ordnung des Menschen. Weniger als die Hälfte aller Frauen unterstützt den heutigen Feminismus.

  • m.h. am 05.04.2017 22:11 Report Diesen Beitrag melden

    Schlechter Weg

    Schlecht....wir mpssen entlich vom Feminimus weg. Das Recht des Menschen zählt ganz egal ob Kind Frau oder Mann. Feminismus zielt nur auf die Vorteile für die Feau ab was schlussendlich Nachteile für andere gibt und das ist auch die falsche Richtugn