Wileroltigen BE

29. August 2017 08:28; Akt: 29.08.2017 08:32 Print

Gülle, Kot und Betonklötze gegen Fahrende

Als sie vernahmen, dass sich schon wieder französische Fahrende auf Gemeindegebiet einrichten wollten, griffen Bewohner aus Wileroltigen zu drastischen Mitteln.

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Verbarrikadierung beim Transitplatz: Hier soll keiner mehr durchkommen. (Bild: Der Bund/Manu Friederich)

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In Wileroltigen sorgten Fahrende vor zwei Tagen für Aufregung. Anwohner hatten das Gerücht vernommen, dass eine Gruppe Franzosen erneut den Rastplatz neben der A1 einnehmen wollte. Der letzte Konvoi war erst vor zwei Wochen abgereist. Gemeindepräsident Christian Grossenbacher sei dieses Gerücht auch zu Ohren gekommen, sagt er zum «Bund», offizielle Informationen habe er aber keine.

Nichtsdestotrotz schritten die Bewohner zur Tat und verteilten stinkenden Hühnermist und dampfende Gülle auf der Fläche, auf der bis vor zwei Wochen noch hunderte von Fahrenden lebten. «Wir wollen die nicht in unserer Gegend», so Armin Mürner, Präsident des Bürgerkomitees, gegenüber der Zeitung. Mehrere Bewohner hätten die Fläche zudem mit Betonklötzen abgesperrt, damit niemand auf den Platz fahren kann. Auch Bauern verbarrikadierten ihr Gelände. «Sie haben ihre Felder eingezäunt, damit man sich mit Fahrzeugen nicht mehr darauf niederlassen kann», so Mürner.

«Das Dorf braucht jetzt Ruhe»

Die Gülle-Aktion sei von Privatleuten organisiert worden – damit habe der Wileroltiger Gemeinderat nichts zu tun, sagt dazu Gemeindepräsident Grossenbacher. Aber auch er fände es nicht gut, wenn die französischen Fahrenden wieder den Platz einnehmen würden. Der letzten Gruppe sei mitgeteilt worden, dass sie in der Gemeinde dieses Jahr nicht mehr erwünscht seien. «Das Dorf braucht jetzt erstmal etwas Ruhe», so Grossenbachers Begründung.

Angela Mattli, Kampagnenleiterin Minderheiten und Diskriminierung bei der Gesellschaft für Bedrohte Völker Schweiz, hält nichts von dieser Aktion. «Ich finde das ein relativ schwieriges Verhalten. Denn die Personenfreizügigkeit gilt auch für die fahrenden Roma – auch in Wileroltingen. Dagegen hilft Gülle auch nicht viel.» In diesem Dorf sei die Stimmung «leider sehr vergiftet». Und weiter: «Eigentlich ist es auch sehr ironisch, dass man sich über Fäkalien aufregt, aber dann denselben Stoff auf den Feldern verteilt. Das ist traurig.»

«Politik soll Lösungen präsentieren»

Bei der ganzen Debatte in Wileroltingen falle ihr auf, dass der Rassismus gegen Roma in letzter Zeit stark zugenommen habe – insbesondere im Kanton Bern. «Und niemand unternimmt etwas dagegen. Es bräuchte mal ein starkes Statement von Seiten der Politik.» Die Vorurteile, alle Roma seien dreckig und würden die Plätze verunreinigt hinterlassen, stimmten einfach nicht. «Es gibt überall schwarze Schafe, aber die meisten verhalten sich gut. In den Spitzenzeiten zwischen Juli und August halten sich bis zu 1500 Roma-Wohnwagen in der Schweiz auf und von den allerwenigsten hört man etwas.»

Jetzt müsse ernsthaft über den Transitplatz gesprochen werden, fordert Mattli. «Die Politik soll endlich Lösungen präsentieren, statt alles zu boykotieren.» Kaum ein Dorf juble im Vorfeld über einen Transitplatz, aber im freiburgischen Vaulruz etwa habe man diesen Sommer sehr gute Erfahrungen gemacht. «Wenn die Fahrenden einen legalen Ort haben, wo es Regeln gibt, ist das eine gute Lösung. So können Fehlbare auch sanktioniert werden. In Wileroltingen würde das mit grösster Wahrscheinlichkeit mittelfristig auch funktionieren, wenn die Debatte weniger emotional geführt wird.»

(nla)