Spitaldirektor in Biel

07. November 2017 19:21; Akt: 08.11.2017 11:37 Print

«Ich stelle mich den Tatsachen»

144 Personen kündigten seit Anfang Jahr: Nach dem Exodus am Bieler Spitalzentrum erklärt sich der neue Spitaldirektor Kristian Schneider, der eben sein Amt aufgenommen hat.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sie sind erst seit Anfang November Vorsitzender der Geschäftsleitung des Spitalzentrums Biel. Haben Sie den Personal-Exodus mitverfolgt?
Kristian Schneider: Ja, ich stehe vor gewissen Tatsachen und muss diese anerkennen. Allerdings kann von einem Exodus keine Rede sein, denn die Fluktuationsrate des SZB entspricht in etwa dem Durchschnitt aller Spitäler der Schweiz. Wir haben ein systemisches Problem im Gesundheitswesen.

Angestellte aus Pflege und Spitzenmedizin klagen gleichermassen über den ständig steigenden Druck.
Das ist so, in manchen Abteilungen können die Spitzen nicht abgedeckt werden. Ich spreche da nicht nur von unserem Spital in Biel, sondern von allen Institutionen in dieser Branche. Und ein Spital ist ein 24-Stunden-Betrieb, was die Angestellten sehr beansprucht. Ein weiterer Grund, wieso viele Angestellte wechseln, ist, dass hocherfahrenes Personal gerne an vielen verschiedenen Arbeitsorten Erfahrungen sammelt. Wir haben auch viel Konkurrenz, und man kann nicht immer besten Arbeitsbedingungen bieten – zum Beispiel in Lohnfragen. Das kann dazu führen, dass Mitarbeiter den Arbeitsort wechseln.

Und viele wollen auch einfach nicht mehr in der Pflege arbeiten, weil der Job zu hart ist.
Ja, auch das ist ein systemisches Problem in der gesamten Branche. Viele machen lange Ausbildungen und wollen nicht mehr im Beruf bleiben, weil sie einfach nach einer gewissen Zeit genug davon haben. Daran muss auch das Spitalzentrum Biel noch arbeiten, denn wir möchten, dass die Pflegenden zum Beispiel nicht mehr so viele administrative Arbeiten erledigen müssen und wieder das machen können, was sie gelernt haben.

Der Grund für Abgänge im grösseren Stil sind aber oft auch Führungswechsel. Sind Ihre Angestellten unzufrieden wegen der schlechten Spital-Leitung?
Seit ich da bin, nicht mehr (lacht). Nein, im Ernst, es gab in der Vergangenheit Schwierigkeiten, aber diese hat der Verwaltungsrat ja erkannt; deshalb hat es ganz gezielte Veränderungen im oberen Kader gegeben. Am Spitalzentrum Biel wird nichts auf die Seite geschoben. Wir wollen die Angestellten mitreissen mit unserer Vision. Unsere Entscheide begründen sich immer in dem, dass wir eine optimale Leistung erbringen wollen und unseren Patienten die bestmögliche Qualität bieten in der Region Biel, Seeland und Jura. Aber ja, in der Unternehmenskultur haben wir noch Arbeit vor uns. Wir wollen nicht, dass uns Angestellte verlassen, weil sie mit der internen Unternehmenspolitik nicht zufrieden sind.

Allerdings besteht bei grosser Fluktuation auch die Gefahr, dass die Arbeit an jene übertragen wird, die übrigbleiben. Dies beklagen auch einige Betroffene gegenüber 20 Minuten.
Auf Kaderebene wurden die Stellen immer sofort wieder besetzt, damit keine Leistungen in Gefahr sind. Wir haben bei Bedarf auch Hilfe von extern, zum Beispiel aus dem Inselspital. Auch Bewerbungen bekommen wir derzeit genügend. In der Pflege arbeiten wir ergänzend auch mit temporären Angestellten. Wir verteilen die Arbeit nicht auf wenige Köpfe.

Euer Spital geniesst aber bei den Patienten der Region nicht einen besonders guten Ruf, wenn man die Kommentarspalten bei 20 Minuten durchforstet.
Jemand, der negative Erfahrungen gemacht hat, tut diese viel eher kund. Wenn alles rund läuft, wird dies nicht an die grosse Glocke gehängt, denn davon geht man ja aus in einem Spital. Wir beteiligen uns aber an den schweizweiten Qualitätsmessungen und stehen gar nicht so schlecht da: Wir sind gutes Mittelfeld oder sogar besser. Mich erreichen gar nicht so übermässig viele Reklamationen. Unsere Qualitätszahlen findet man auf unserer Website, und sie sind für alle transparent.

Was versprechen Sie, wie läufts in Biel unter Ihrer Führung?
Ich habe an einer Veranstaltung im Oktober den Mitarbeitenden versprochen, dass sie sich auf mein Vertrauen in sie verlassen können. Das ist auch so. Mir ist es ein Anliegen, ihre Kompetenzen nicht nur zu nutzen, sondern auch zu fördern, und damit letztendlich auch zu erreichen, dass unsere Qualität weiterhin steigt. Somit kann ich auch zuversichtlich auf ein gutes Finanzergebnis sein.

Umfrage
Arbeiten Sie gerne im Pflegewesen?

Haben Sie am Spitalzentrum Biel gearbeitet und gekündigt? Erzählen Sie uns Ihre Story. Ihre Anonymität wird gewahrt.

(ct)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Würstli am 07.11.2017 19:52 Report Diesen Beitrag melden

    Theoretiker

    "Wir wollen die Angestellten mitreissen mit unserer Vision". Genau das ist der falsche Weg. Immer wollen Manager ihre Visionen durchsetzen. Es wäre erstrebenswert das Manager die Kundenbedürfnisse kennen würden. Die Umsetzung dem erfahrenen und geschulten Personal überlassen würden und sich selber nur um Probleme kümmern würden und fachgerechte und soziale Lösungen präsentieren würden.

    einklappen einklappen
  • Sandra am 07.11.2017 20:05 Report Diesen Beitrag melden

    Anruf in Abwesenheit... schon wieder

    Ja die liebe Pflege... Ist doch immer so, man sagt es habe genügend Personal! Deshalb ruft mich mein Chef 2-3mal die Woche an fürs einspringen (arbeite 40% und habe 3kleine Kinder zuhause)...

  • Anonym am 07.11.2017 19:35 Report Diesen Beitrag melden

    Mir gefällts da eigentlich!

    Ich hatte noch nie einen so flexiblen Arbeitgeber, es gefällt mir gut und ich bin froh eine Stelle zu haben. Dennoch ist die unangenehme Situation überall zu spüren und man wünscht sich die Normalität von vor ein paar wenigen Jahren zurück. Negativ ist, dass viele überfordert sind mit der Arbeit, aber Anstellen wollen sie dann auch nicht mehr Personen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fragender am 08.11.2017 17:36 Report Diesen Beitrag melden

    Pflege vor dem Kollaps

    Die Bevölkerung will möglichst wenig Krankenkasse zahlen, aber eine möglichst umfassende und gute Behandlung erhalten... wie soll das aufgehen? Und mit welchem Geld sollen denn die Löhne erhöht und die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessert werden? Fakt ist, dass wir bis 2030 viel zu wenig Pflegende in der Schweiz und im Ausland haben werden. Eine Attraktivitätssteigerung des Berufs ist in den kommenden Jahren nicht zu erwarten. Viele gehen zwischen 2020 und 2030 in Pension... und wenn wir zuwenig Pflegende haben... wer kümmert sich dann um uns und unsere Angehörigen? Bern, tu was!

  • Isabel am 08.11.2017 09:23 Report Diesen Beitrag melden

    Undercover Herr Schneider

    Ist halt so Herr Schneider das oft schlechte Erinnerungen präsenter sind als positive - kommt sicher auf der Schweregrad darauf an. Habe auch schon über positives berichtet. Fakt ist das als Mutter einen an Epilepsie erkrankten Sohnes, leider bereits sehr viele Notfall-Stationen aufsuchen musste. Die Notfall-Aufnahme ihren Spitals, hoffe ich nur noch von weitem sehen zu müssen. Die Gleichgültigkeit der Ärzte und Pflegepersonal, die Sorglosigkeit, die Unfreundlichkeit, das fehlende Fachwissen und Handeln, sind kaum zu übertreffen. Gehen Sie mal Undercover in dieser Abteilung und staunen Sie.

  • Sol Pereira am 08.11.2017 09:18 Report Diesen Beitrag melden

    Visionen und Strukturen...

    Es sind doch die Perlen beim Personal-in der Pflege und bei den Aerzten- die eine "Spitalkultur" ausmachen. Nicht Visionen und Strukturen von Managern.

  • Schwangere am 08.11.2017 09:09 Report Diesen Beitrag melden

    Zufrieden

    Seit ich schwanger bin, bin ich in Behandlung im Spitalzentrum Biel. Bis jetzt bin ich sehr zufrieden mit den Ärzten und allem drum und dran. Klar gibt es manchmal ein wenig Wartezeit, aber man wird informiert. Auch die Damen und Herren der Rezeption sind sehr zuvorkommend. Ich habe auch eine Bekannte, welche seit einigen Jahren dort arbeitet, sie sagt auch, dass es stressing sei. Aber wo nicht heutzutage? Grundsätzlich: Bestimmt gibt es Verbesserungspotenzial :) für die Besucher ist es angenehm, weiter so PS: Parkplatz für die Patienten, welche mit dem Auto anreisen, können billiger sein ;)

  • N.Ursing am 08.11.2017 08:32 Report Diesen Beitrag melden

    Systemversagen und bla bla.

    Eine natürliche Fluktuation nenne ich es wenn Pflegende in Rente gehen und dabei gesund sind.Von einer unnatürlichen Fluktuation gehe ich aus wenn Pflegende kündigen weil die Arbeitsbedingungen mit Arbeitsüberlastung und daraus resultierender Krankheit -physisch und psychisch-nicht stimmen.Wir Pflegenden sind stark und halten mehr aus als jeder andere Berufsgruppe.Wir jammern nicht aber wir machen jetzt endlich auf Misstände aufmerksam die MehrKosten verursachen.Wenn ich nur 1 von 2 Patienten nach einer OP adäquat versorgen kann,bleibt der Andere liegen.