Radikalismus-Leitfaden für Schulen

15. August 2017 17:23; Akt: 15.08.2017 17:23 Print

Bern will Jung-Extremisten früher erkennen

Mit einem neuen Leitfaden soll insbesondere Lehrer und Schulleitungen aufgezeigt werden, an wen sie sich bei Radikalismus-Verdacht richten können.

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Das soll in Bern nicht passieren: In der An'Nur-Moschee in Winterthur sollen junge Männer und Frauen radikalisiert und später sie später nach Syrien gereist sein und sich dem IS anschlossen haben. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

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Was tun, wenn ein Mensch dabei ist, sich zu radikalisieren? Wenn sich Verhalten, Aussagen und Äusseres plötzlich auffallend verändern? An wen können Freunde, Eltern und Lehrpersonen in solchen Fällen wenden? Dafür hat das Amt für Erwachsenen- und Kindesschutz zusammen mit dem Schulamt einen Leitfaden spezifisch für Schulen herausgegeben. Dies teilt die Direktion für Sicherheit, Umwelt und Energie mit.

Häufig herrsche eine gewisse Zurückhaltung, wenn es darum gehe, Hilfe in Anspruch zu nehmen, heisst es in der Medienmitteilung. «Die Angst, jemanden unter Umständen fälschlicherweise auf Abwegen zu vermuten und so in die Mühlen der Behörden zu befördern, hemmt das Umfeld, frühzeitig aktiv zu werden», sagte Ester Meier, Leiterin des Amts für Erwachsenen- und Kindesschutz, bei der die Fachstelle Radikalisierung angesiedelt ist.

11 Verdachtsfälle im laufenden Jahr

In den vergangenen zwei Jahren wurden der Stadt 47 Verdachtsfälle von Radikalisierungen gemeldet. 20 Fälle betrafen Jugendliche unter 18 Jahren, die übrigen junge Menschen im Alter zwischen 18 und 28 Jahren. Im laufenden Jahr war die Stadt bisher mit elf Verdachtsfällen konfrontiert.

Die Mehrheit der Anfragen kamen allerdings nicht von Angehörigen oder Freunden, sondern von Fachpersonen wie Schulsozialarbeitenden, Lehrern oder Schulleitungen, wie Meier an der Pressekonferenz ausführte.

Mit dem neuen Leitfaden will die Stadt Bern gerade Schulen aufzeigen, wo und wie man rasch an Informationen und Hilfe herankommt. Darin werden mögliche Merkmale einer Radikalisierung beschrieben, wie etwa Veränderungen bei Vorlieben, Gewohnheiten oder äusserem Erscheinungsbild.

Freunde und Eltern als wichtigste Beobachter

Betroffene Personen würden die Welt nur noch aus der eigenen Perspektive betrachten und sich in hohem Mass über Abgrenzung von allem anderen definieren, heisst es im Leitfaden unter anderem.

Letztlich sei es eben nicht irgend ein Amt, das Radikalisierungs-Tendenzen erkenne, sondern ein aufmerksames Umfeld wie eben Lehrer, Familienmitglieder, Freunde oder Vereinskameraden, sagte der städtische Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP).

Meldungen über Jihad-Reisende als Auslöser

Ein Beratungsangebot gibt es in der Stadt Bern seit über zehn Jahren. Bisher wurden Themen betreut wie Sekten-, Rechts- und Linksextremismus, Hooliganismus oder Ausreisen in Konfliktgebiete wie Sri Lanka, Ex-Jugoslawien oder Kurdistan.

Meldungen über Jihad-Reisen von Jugendlichen im Herbst 2014 veranlassten die Stadt Bern, über die Bücher zu gehen, die Beratungsangebote zu bündeln und eine Fachstelle Radikalisierung aufzubauen.

(sul/sda)