Prozess in Bern

07. Dezember 2017 17:47; Akt: 07.12.2017 17:53 Print

Messerstecher muss sechs Monate hinter Gitter

Der Schützenmatt-Messerstecher wurde zu 30 Monaten Haft verurteilt. Er hatte bei einem Streit das Opfer (44) zum Invaliden gemacht.

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Hier fand der mehrtägige Gerichtsprozess statt. (Bild: Keystone/Lukas Lehmann)

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Nach einer Messerattacke auf einen Algerier ist der heute 22-jähriger Berner T.W.* zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe verurteilt worden. Das erstinstanzliche Regionalgericht ging beim Angeklagten von einer stark verminderten Schuldfähigkeit aus, weil der junge Mann zur Tatzeit stark betrunken war.

Das Gericht sprach den Angeklagten wegen versuchter vorsätzlicher Tötung schuldig und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt 30 Monaten. Sechs Monate sind zu vollziehen, die restlichen 24 Monate sprach das Gericht bedingt aus und setzte eine Probezeit von zwei Jahren an.

Dem Opfer des Messerangriffs sprach das Gericht eine Genugtuung von 50'000 Franken zu. Dies deshalb, weil der 43-jährige Algerier schwere Hirnschäden davontrug und für den Rest seines Lebens therapiebedürftig sein wird. Er lebt heute in einem Pflegeheim. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Mit Taschenmesser zugestochen

Der Vorfall ereignete sich vor rund einem Jahr auf der Schützenmatte in Bern. Der Angeklagte hatte an jenem Abend viel Alkohol getrunken, weil er sich gerade von seiner Freundin getrennt hatte, wie er vor Gericht sagte.

Der junge Mann aus der Region Bern schilderte, dass er am Tatabend auf dem Vorplatz der Reithalle gewesen sei. Dort sei ein Mann, der 43-jährige Algerier, auffällig geworden und zweimal weg gewiesen worden. Bei der zweiten Wegweisung habe der Algerier ein Messer hervor genommen.

Der Angeklagte gab weiter an, er habe dem Algerier ebenfalls gesagt, er solle weggehen. Irgendwie habe er mit dem Mann ein «Gstürm» gehabt. Er habe eine Bewegung gegen die Schulter des Mannes gemacht, dann sei dieser weggegangen und habe geblutet.

Er gehe davon aus, dass der Algerier sein Messer zum Tatzeitpunkt noch in der Hand gehabt habe. «Ich kann mir nicht vorstellen, wieso ich sonst eine Person grundlos verletzen sollte».

Zu den entscheidenden Momenten der Tat machte der Angeklagte nur vage Aussagen und beteuerte, sich an vieles nicht mehr richtig erinnern zu können. «Können Sie nicht oder wollen Sie nicht?», versuchte ihn die Gerichtspräsidentin aus der Reserve zu locken.

Erinnerungslücken möglich

Ein medizinischer Sachverständiger erläuterte vor Gericht, dass es bei manchen Personen durchaus schon mit zwei Promille Alkohol im Blut zu Erinnerungslücken kommen könne. Bei drei Promille seien solche Amnesien sicher erklärbar. Laut Anklageschrift hatte der 22-jährige bis zu drei Promille Alkohol im Blut.

Während der Verteidiger in seinem Plädoyer davon ausging, sein Mandant sei wegen des hohen Alkoholkonsums komplett schuldunfähig, forderte die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren.

Reue wirkte strafmindernd

Das Regionalgericht Bern-Mittelland erkannte auf eine stark verminderte Schuldfähigkeit. Eine gewisse Reststeuerung habe der Angeklagte sicher gehabt, schliesslich habe er noch reden und eine Bus besteigen können. Dass der Angeklagte sich selber bei der Polizei meldete und Einsicht und Reue zeigte, wirkte sich strafmildernd aus. Nicht gelten liess das Gericht hingegen das von der Verteidigung vorgebrachte Argument der Notwehr.

*Name der Redaktion bekannt

(sda)