Kampf mit Integration

17. März 2017 05:41; Akt: 17.03.2017 05:41 Print

Berner Lehrer schlagen Alarm

von Simon Ulrich - Berner Lehrkräften macht die Integration unterschiedlichster Kinder zu schaffen. Sie fordern in einem offenen Brief an den Erziehungsdirektor mehr Unterstützung.

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«Wir, bernische Lehrerinnen und Lehrer, haben genug!» Mit diesen Worten beginnt ein offener Brief an den Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver, den rund 670 Unterstufen-Lehrkräfte aus dem ganzen Kanton unterzeichnet haben. Die Initianten werden den Brief am Freitag dem Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung (AKVB) übergeben.

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Seit Inkrafttreten des Integrationsartikels, gemäss dem Kinder mit besonderem Bildungsbedarf in Regelklassen gefördert werden sollen, sei der Schulalltag ungleich komplexer geworden, heisst es im Brief weiter. Die Situation habe sich in den letzten Jahren an vielen Schulen derart zugespitzt, dass eine Lehrperson allein nicht mehr allen Kindern «mit ihren verschiedensten Schwierigkeiten und kulturellen Hintergründen gerecht werden kann».

Viele Lehrer werden krank aus Frust

Aktuelle Sondermassnahmen wie Klassenhilfen oder SOS-Lektionen seien zwar gut gemeint, würden aber «mehr Unruhe als Entlastung» in die Klasse bringen. «Die Mehrheit der Gruppe kommt zu kurz, weil auffällige Kinder zu viel Aufmerksamkeit beanspruchen», sagt Mitinitiantin Annemarie Müllener von der Schule Rüti in Ostermundigen.

Massive Mehrkosten seien die Folge. Zum einen seien 10 bis 15 Prozent der Schüler nach ihrer Schulzeit auf zusätzliche Betreuungsangebote angewiesen. Zum anderen würden zahlreiche Lehrpersonen erkranken, «weil sie die tägliche Frustration, nicht gut unterrichten zu können, nicht mehr ertragen», schreiben die Lehrkräfte weiter. Viele würden ihren Traumberuf aufgrund der Missstände frühzeitig an den Nagel hängen.

Ohne Team-Teaching gehts nicht

Deshalb fordern die Unterzeichner, die Stellenprozente in Kindergarten- sowie ersten und zweiten Klassen mit schwierigen und lernschwachen Kindern auf 150 Prozent zu erhöhen. In solchen Fällen müssten zwei pädagogisch ausgebildete Personen möglichst durchgehend die Klasse betreuen. Für die Unterzeichner ist klar: «Ohne zusätzliches Team-Teaching ist der Lehrplan 21 nicht umsetzbar!»

Die Erziehungsdirektion zeigt Verständnis für die Klagen der Lehrerschaft. «Wir nehmen sie ernst und bemühen uns, die Schulen mit den vorhandenen Mitteln möglichst gut zu unterstützen», sagt AKVB-Vorsteher Erwin Sommer, der den Brief am Freitag entgegennehmen wird.

150 Stellenprozente nicht realistisch

Sommer betont, dass die von den Lehrkräften kritisierten Unterstützungslektionen durchaus auch Zuspruch finden. «Wir erhalten viele positiven Rückmeldungen aus der Praxis und auch an den regionalen Veranstaltungen für Schulleitungen und Behörden.»

Zwar sei es «sicher besser, wenn kleinere Teams Schulklassen betreuen», räumt der Amtsvorsteher ein. Die Erziehungsdirektion leiste jedoch Unterstützung bei Bedarf und nicht nach dem Giesskannenprinzip. Sommer: «Die flächendeckende Besetzung von Kindergarten- sowie ersten und zweiten Klassen mit 150 Stellenprozenten ist angesichts der politischen Mehrheiten und der Finanzlage des Kantons leider keine realistische Forderung.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Leo am 17.03.2017 06:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung

    Früher (vor etwa 15 Jahren) gingen verhaltensauffällige Schüler und Schüler mit Sprach- und Lernschwierigkeiten in Sonderklassen. Heute muss man sie in der normalen Klasse behalten aufgrund Diskriminierung und so. Ist ja schön für die Eltern, aber es schadet allen Kindern: Die guten werden ausgebremst, die schlechten überfordert. Ich finde, Schüler, die die Unterrichtssprache nicht verstehen, müssen (!) ausserhalb Sprachkurse besuchen, bezahlen sollen das aber die Eltern selbst. Wer kein Interesse hat, seinem Kind eine Landessprache beizubringen, soll dafür zahlen.

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  • Tom am 17.03.2017 06:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja, ich habe auch ein...

    ...Kind mit ADHS und leichtem Asberger. Geht aus kostengründen in die Regelklasse, da es für solche Kinder keine Kleinklassen im KtBE mehr gibt. Geiz ist geil, so wird unser Kind zum Bremsklotz für die Schnellen.

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  • Thomas am 17.03.2017 06:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wehrt euch! 

    Ich arbeite täglich in der Prävention und Krisenintervention an Schulen. Mindestens 30% der Klassen lassen sich mit den heutigen personellen Ressourcen kaum befriedigend unterrichten. Wer noch mehr leidet als die Lehrpersonen sind die Kinder. Eine gelunGene Integration braucht viel mehr, als im Moment Gemach wird. Macht es entweder richtig oder hört damit auf - den Kindern zuliebe!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Marco Wittmann am 19.03.2017 09:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spannungen Diskussionen

    Echt jetzt!? Merkt man langsam was man angerichtet hat. Bravo - meine Frau ist Lehrerin einer dritten Klasse, sie kommt seit Jahren sehr frustriert nach Hause. Aus mehreren Gründen; Der Stoff überfordert die Kinder, vor allem weil die Mehrheit der Kinder, Kinder mit Migrationshintergrund sind. Weiter muss immer wieder mit deren Eltern gesprochen werden welche jedoch kaum Verständnis für irgendwelche Massnahmen zu Leistungs und Verhaltensverbesserugen annehmen. Im Umkehrschluss bleiben vielfach hiesige Kinder betreuungstechnisch auf dee Strecke was ebenfalls zu Diskussionen mit Eltern führt!?

  • Tom am 18.03.2017 19:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Allzuviel ist auch ungesund

    Eine Lehrerin (Volksschule) unterrichtet eine Klasse mit 19 Kindern. Für diese waren mit allen Zusaztlektionen und Unterstützungen 5 Lehrpersonen zuständig. Das bringt enorme Unruhe in die Klasse, und Kinder haben es umso schwerer eine Bezugsperson zu finden. Die Kinder werden für Zusatzlektionen aus der Klasse herausgenommen. Die Klassenlehrerin hatte pro Woche noch an 5 Stunden die gesamte Klasse beisammen, und in dieser Zeit musste sie den neuen Stoff erklären (es müssen ja alle auf demselben aktuellen Stand sein) und alle Prüfungen durchführen. Die Quadratur des Kreises ist wohl einfacher!

  • Malino am 18.03.2017 17:14 Report Diesen Beitrag melden

    Man kann alles lösen nur nicht Bezahlen.

    keine normal verdienende Familie kann einfach über seine Verhältnisse Leben. Oder nur bis zum Bankrott. Schon lange leiden Kinder mit den örtlichen Sprachkenntnissen. Am Schluss sind die Fremden 2 Sprachig und im Vorteil. Die Rechnung geht sonst doch auch an die Verursacher. Warum hier nicht? Ansonsten stände ein längerer Englisch sprach Aufenthalt in GB alles bezahl für unser Kinder zu gut. Erdogan meint 5 Kinder sei eine Pflicht eines Türken. Jeder weitere Gedanken zu erwähnen wäre sicherlich Diskriminierung. Das getraut sich ja niemand mehr. sind eingeschlossen in der Meinungsfreiheit.

  • maman am 18.03.2017 14:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    es ist nicht

    mehr der gleiche job wie annodazumal! es hat sich so viel geändert. gesetze, kinder, eltern, kulturen und anforderungen. wir lehrer sind nicht mehr gleich glücklich mit der situation

  • lehrerin am 17.03.2017 21:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    es leben die landschulen....

    die unterstützung für uns lehrkräfte fehlt zunehmend. warum die erz immer noch doppelklassen favorisiert, obwohl die neuen lehrmittel klar auf einzelklassen zugeschnitten sind, ist unbegreiflich. und die faden sprüche: viele lehrer sind zufrieden....ärgern einfach und sind erlogen. gottlob gibt es noch vereinzelte stellen, bei denen sich unser einsatz lohnt: auf dem land. darüber bin ich täglich dankbar: herzige, normale kinder, dankbare eltern!