Kanton Bern

06. Juli 2015 11:35; Akt: 06.07.2015 15:56 Print

Häusliche Gewalt – 1100 Fälle pro Jahr für Polizei

Die Jahresstatistik 2014 der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt zeigt, dass die Kapo Bern rund dreimal pro Tag ausrücken muss.

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Mit sogenannten «Täteransprachen» will der Kanton Bern vor allem den hohen Anteil an Wiederholungsfällen im Bereich häusliche Gewalt reduzieren. (Bild: Keystone/Luis Berg)

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Die Ziele der Polizei in Sachen häuslicher Gewalt sind naheliegend: Gewalt stoppen, Opfer schützen und Täter zur Verantwortung ziehen. Das erste Mal wurde nun über die polizeiliche Kriminalstatistik hinaus ein Bericht zu häuslicher Gewalt im Kanton Bern erstellt. Darin enthalten sind auch die Berichte von weiteren Stellen wie beispielsweise der Kesb und der Opferhilfe. Der Bericht zeigt: Pro Tag muss die Polizei dreimal ausrücken. «Es gab noch nie eine so umfangreiche Statistik», so Judith Hanhart, Leiterin der Berner Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt. Allerdings: Die Dunkelziffer ist gross, wie die kantonale Polizei- und Militärdirektion am Montag mitteilte. Sie geht davon aus, dass nur etwa jeder fünfte Fall von häuslicher Gewalt überhaupt gemeldet wird.

Wenn der Statthalter anruft

Seit Anfang dieses Jahres kennen alle bernischen Regierungsstatthalterämter die sogenannte Täteransprache. Eine bis zwei Wochen nach der polizeilichen Intervention nimmt das Regierungsstatthalteramt Kontakt mit dem Täter auf. Zusammen mit dem Betroffenen wird erörtert, wie es zur Gewalt gekommen ist und wie solche Vorfälle künftig vermieden werden können. «Wir machen der Person klar, dass Gewalt in der Familie nicht Privatsache ist und nicht toleriert wird», sagt Hanhart.

Die Betroffenen würden aber auch motiviert, weitere Unterstützung und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dazu gehört auch das Lernprogramm der Berner Fachstelle gegen häusliche Gewalt. «Die Regierungsstatthalter motivieren die gewaltausübenden Personen zum freiwilligen Besuch des Lernprogramms gegen Gewalt in Ehe, Familie und Partnerschaft», so Hanhart. Das Lernprogramm werde rege besucht. Acht Regierungsstatthalterämter haben die Täteransprache bereits im Jahr 2014 durchgeführt. Damit seien gute Erfahrungen gemacht worden, schreibt die Polizeidirektion.

Weit über 1000 Anzeigen

Die Kantonspolizei musste letztes Jahr insgesamt 1'065 Mal intervenieren. In 300 Fällen erfolgte keine strafrechtliche Anzeige. Die anderen 765 Fälle führten zu insgesamt 1'285 Anzeigen, da ein Fall teilweise mehrere Delikte umfasste. Unter den 1'285 Straftaten sind auch schwere Delikte wie versuchte oder vollendete Tötung, schwere Körperverletzung, Vergewaltigung und sexuelle Misshandlung von Kindern. In solchen Fällen zieht die Polizei immer die Staatsanwaltschaft bei.

In 670 Fällen informierte die Polizei die Behörden oder Institutionen, die nach der Polizei-Intervention aktiv werden müssen. Dabei handelt es sich insbesondere um die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) oder eben die Regierungsstatthalter. In sechs von zehn Fällen waren im vergangenen Jahr Kinder betroffen. In mehr als der Hälfte dieser Interventionen ging es um eine Wiederholungstat. «Man muss bei den gewaltausübenden Personen beginnen – während sie das Lernprogramm besuchen, kommt es selten zu Wiederholungsfällen», sagt Hanhart.

Trost von Bernie dem Teddybären

Die grosse Mehrheit der Kinder war zum Zeitpunkt der Polizei-Intervention anwesend. «Häufig befanden sich die Kinder im Nebenraum, einige Kinder mussten die Gewalt mitansehen, einige versuchten, das Opfer zu schützen, einige wurden selber geschlagen», schreibt die Fachstelle.

Und weiter heisst es im Jahresbericht: «In vier Fällen schenkte die Polizei den Kindern vor Ort, die sehr verängstigt waren, den Polizei-Teddybär Bernie, um die Kinder aufzumuntern.»

(sda/mua)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hausfrau am 06.07.2015 13:06 Report Diesen Beitrag melden

    Harmlose Gesetze

    Bei uns in der Familie habe ich das über Jahre erlebt, wie es ist, wenn der Mann betrunken von der Arbeit nach Hause kommt. Nach aussen konnte er lammfromm sein, doch sein wahres Gesicht erlebte ich in den vier Wänden. Leider sind unsere Gesetze zu harmlos gegen solche Männer.

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  • Barbara am 06.07.2015 13:41 Report Diesen Beitrag melden

    Wo bleibt der Respekt

    Wenn man sich in einer Beziehung gegenseitig dermassen bombardiert, dass einem die Worte ausgehen, müsste man theoretisch schon einen Schlussstrich ziehen. Ab da kommt Gewalt ins Spiel. Ob Mann oder Frau, das geht gar nicht. Wer den Respekt verliert, hat verloren.

  • larissa am 06.07.2015 13:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    um himmelswillen geht

    Frauen die sowas akzeptieren und bleiben, oder wieder zurück kehren, haben kein Selbstbewusstsein! Geht und holt euch Hilfe, ihr zerstörrt nicht nur euer Leben, sondern auch das der Kinder, zieht einen Schulssstrich beim ersten Übergriff, wer einmal Schlägt, der Schlägt immer wieder und die abstände werden kleiner! Geht, liebe Frauen, seit stark, ihr tut dies für euch, denn ihr geschlagenen sind die Opfer! Befreit euch!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Frage am 09.07.2015 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    Problemlösung durch Forschung

    Schade, dass es keine Statistik geführt wird damit wir genauer wissen in welchen Fällen es sich um Bewohner mit dem Migrationsgrund und ohne handelt. Wenn man es weiss, kann man die Gründe herausfinden und das Problemlösung finden.

  • Unvernunft am 06.07.2015 17:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer das Gleiche

    Irmgard, wenn Ihr Beitrag kein Scherz war, wissen Sie ja auch, wie Ihre Geschichte endet. Geniessen Sie die Zeit, die jetzt so toll ist.

  • Rafael am 06.07.2015 17:11 Report Diesen Beitrag melden

    Korrekte Zahlen?

    Wie hoch ist die Dunkelziffer? Diese Zahlen erscheinen mir ziemlich tief zu sein. Wenn man berücksichtigt, dass bereits eine Ohrfeige als häusliche Gewalt deklariert wird, sowie die Tatsache, dass viele Opfer wiederholt geschlagen werden, erscheint die Anzahl Anzeigen sehr tief zu sein. Oder geht es hier nur um Anzeigen von Individuuen, egal wie oft der Vorfall eintratt?

    • Hausmann am 07.07.2015 09:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Genau

      Wie hoch ist die Dunkelziffer der misshandelten Männer? Studien aus unmittelbaren Ausland zeigen, dass Männer bis 48% der Opfer ausmachen. Männer melden sich viel weniger als Frauen.

    • ehemaliges Kind am 08.07.2015 10:16 Report Diesen Beitrag melden

      Kinder

      ....und erst die Kinder! Kinder melden sich gar nicht und werden auch oft nicht wahrgenommen! Das Risiko dass die seelisch und körperlich misshandelten Kinder die Misshandler der Zukunft sein werden, besteht leider. Und die, welche in Zukunft nicht misshandeln, werden an den Misshandlungen ihr Leben lang zu kauen haben.

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  • rolf zeller am 06.07.2015 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    warum immer nur Blond

    Nun schon der x-te Beitrag in den letzten Jahren über häusliche Gewalt und die Beiträge fallen mehr oder weniger sofort durch die Symbolbilder auf. Es sind heut zu Tage die einzigen Bilder aus unserem Land, wo nur blonde Menschen sichtbar sind. Auch eine Form von Rassismus! Ps. Einzige Ausnahme war ein Beitrag letztes Jahr über Vandalismus in Schulhäuser von Basel, auch dort gab es nur blonde Knaben auf dem Symbolbild!

  • Geld 2.rangig am 06.07.2015 14:56 Report Diesen Beitrag melden

    Statistik

    Hat man ein Bild der Ursachen für diese Gewalt? Allein das Zählen der Straftaten dürfte keine Besserung bringen. Vielleicht müssten wir uns auch damit abfinden, dass Hilfe etwas kostet. Vielleicht sogar mehr als es kosten würde, die Ursachen zu beseitigen.