Sagenumwobener Widerstand

28. Juli 2012 09:40; Akt: 28.07.2012 09:40 Print

Im Bunker der Schweizer Geheimarmee

von Christian Zingg, sda - Im Berner Oberland entsteht ein Museum im Versteck der ehemaligen Schweizer Widerstandsorganisation P-26. Bereits heute kann man sich durch die Geschichte führen lassen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Eine unscheinbare Holzscheune hoch über dem Thunersee. Besitzer Daniel Miescher zieht die Schiebetür zurück, entriegelt ein Gittertor und eine Panzertür. Dann führt er uns über eine senkrechte Eisenleiter in den Bunker der sagenumwobenen Widerstandsorganisation P-26.

Umfrage
Würden Sie einem Museum im Bunker einen Besuch abstatten?
84 %
16 %
Insgesamt 3928 Teilnehmer

«Alpengarten» lautet der Tarnname der unterirdischen Anlage bei Spiez, die im Zweiten Weltkrieg als Artillerie-Fort gebaut wurde. Ein Stollensystem verbindet die drei Geschützbunker und das Einstiegsgebäude.

Die überirdischen Anlageteile sind allesamt als Scheunen getarnt. Ein aufmerksamer Beobachter wundert sich vielleicht über die Lüftungssäule, die aus dem Boden ragt. Doch auch sie war bis in die 1990er-Jahre hinter einem angeblichen Bienenhaus versteckt.

Denn im Untergrund bereiteten sich Mitglieder der hochgeheimen P-26 auf den Ernstfall vor: Die Besetzung der Schweiz durch eine feindliche Macht. Die P-26 sollte den Widerstand im Untergrund anführen - mit List und auch mit Waffengewalt.

Der heutige Besitzer will die Anlage möglichst wieder in den Originalzustand bringen. Sein Museum soll die Weltkriegszeit und auch die P-26 erlebbar machen. Führungen bietet er schon heute an.

Geheimfahrt in den «Alpengarten»

Die Adresse findet sich ohne Mühe im Internet; das war seinerzeit natürlich anders. «Am Anfang fuhr ich jeweils nach Thun, dort wurde ich in einen VW-Bus mit verdunkelten Scheiben verfrachtet», erinnert sich Widerstandsmitglied «Wilfried» im neuen P-26-Buch von Martin Matter.

«Wilfried» war in zivil Lehrer in der Ostschweiz und einer von knapp 400 Schweizern, die für die P-26 angeworben wurden. Im «Alpengarten» und später in Gstaad liessen sie sich ins Geheimprojekt einführen und erwarben Fachkenntnisse zum Beispiel in psychologischer Kampfführung, Sabotage oder Kurzwellenfunk.

Begrüssung per Video

Oft wusste nicht einmal der Ehepartner etwas vom Doppelleben. Kam ein Kursaufgebot, musste sich der P-26er für Familie und Job eine «PG» einfallen lassen - eine Plausibelgeschichte. Dann reiste er an den vereinbarten Ort, etwa an den Bahnhof Thun.

Die Fahrt hinter verdunkelten Scheiben endete in einer eigens gebauten Garage hinter einem der Geschützbunker. «Von dort aus ging es in die Tiefe», berichtete Wilfried.

Im «Alpengarten» bezog der Kursteilnehmer ein Einzelzimmer. Per Videobotschaft begrüsste ihn der Generalstabschef und versicherte ihm, die P-26 sei offizieller Bestandteil der Gesamtverteidigung. Auch die einzelnen Lektionen und Aufgaben erhielt der Kursabsolvent ab Video.

Lichtsignal und Container

Denn jeder P-26er sollte möglichst wenig andere kennen - so hätte er im Fall einer Gefangennahme nichts ausplaudern können. Musste der Kursteilnehmer sein Zimmer verlassen, musste der Gang also leer sein. Dafür wurde eine Lichtsignalanlage eingerichtet, wie uns Bunkerbesitzer Miescher demonstriert.

Zu seiner umfangreichen Materialsammlung gehört auch ein 80 cm langer Stahlcontainer. Im Ernstfall hätte jeder P-26er einen solchen wasser-, gas- und luftdichten Behälter bekommen. Er sollte eine persönliche Pistole enthalten und allenfalls andere Waffen, Munition und Medikamente, aber auch Goldplättchen - ein ideales Zahlungs- und Bestechungsmittel in Besatzungszeiten.

Im Schiesskanal

Wieviele P-26er im «Alpengarten» ausgebildet wurden, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass sie auch den Umgang mit Waffen übten; davon zeugt der 25-Meter-Schiesskanal, der in einem der Gänge nachträglich eingerichtet wurde. Die Armee baute die Schiessanlage zwar zurück, verwischte aber nicht alle Spuren.

Die P-26 wurde 1990 im Gefolge der Fichenaffäre enttarnt und aufgelöst. Politisch umstritten ist sie bis heute. Eine verlässliche historische Bewertung dürfte erst nach 2020 möglich sein; bis dahin sind die Akten unter Verschluss.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Donna am 28.07.2012 21:59 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz braucht eine starke Armee ..

    ... oder Keine. Alles dazwischen unterstütze ich nicht. Ich bin gegen faule Kompromisse.

    einklappen einklappen
  • Rolf Wittwer am 30.07.2012 00:36 Report Diesen Beitrag melden

    An die Besserwisser und Ewigkritiker:

    Alle die hier wieder freudig gegen unsere Armee wettern, wissen alles wie immer, besser. Von der Zukunft ganz zu schweigen. Niemand weiss ob eine solche Organisation dereinst wieder ins Leben gerufen werden muss. Wer Europas Entwicklung (in verschiedener Hinsicht!) der letzten 20-30 Jahre einigermassen aufmerksam verfolgt hat, muss leider beinahe zwangsläufig zu diesem Schluss gelangen.

    einklappen einklappen
  • Flo Pi am 29.07.2012 23:27 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt etliche Bunker in der Schweiz...

    ...die geheim waren oder immer noch geheim sind. So war ich während eines WKs auf einer ehemaligen Raketenbasis, die bis 1999 geheim war. Da könnte man also aus vielen Bunkern Museen machen :-)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rolf Wittwer am 30.07.2012 00:36 Report Diesen Beitrag melden

    An die Besserwisser und Ewigkritiker:

    Alle die hier wieder freudig gegen unsere Armee wettern, wissen alles wie immer, besser. Von der Zukunft ganz zu schweigen. Niemand weiss ob eine solche Organisation dereinst wieder ins Leben gerufen werden muss. Wer Europas Entwicklung (in verschiedener Hinsicht!) der letzten 20-30 Jahre einigermassen aufmerksam verfolgt hat, muss leider beinahe zwangsläufig zu diesem Schluss gelangen.

    • mabu am 30.07.2012 15:53 Report Diesen Beitrag melden

      Besserwisser? Was genau wissen Sie?

      Tut mir leid, Herr Rolf Wittwer, aber ich habe "Europas Entwicklung (in verschiedener Hinsicht!) der letzten 20-30 Jahre" sogar sehr aufmerksam verfolgt, und gelange dabei überhaupt nicht zu ihrem Schluss; wirklich nicht. Im Gegenteil: Es wird in CH zwar dauernd eine ominöse Kriegsgefahr und Armeenotwendigkeit herbeigeredet, doch sachliche, fachliche Argumente die dies einigermassen fundiert stützen, genau diese bleiben aus... Dafür aber viel "Beste Armee", schnittigere Uniformen, neue Abzeichen, "Luftwaffe" statt "Fliegertruppen" ... und dann die Volks-fachmeierei mit dem Grippen..

    • Remo Müller am 30.07.2012 16:28 Report Diesen Beitrag melden

      Frieden

      hört doch bitte mit diesen Kriegspielchen auf. Diejenigen die das wolle sollen sich an einem eigens dafür geschaffenen Ort treffen. Irgendwo im Weltall. 99.99% wollen Frieden!! So auch ich, Friede für die Welt und das Universum. Und hört auf so blödsinn wie es wird wieder gebraucht zu reden. Es ist vorbei. Die Welt ist dem total Frieden sehr nahe und braucht einfach klares Bewusstsein. Wer in der Vergangenheit hocken will soll. Doch ihr werdet alleine da hocken, die andern feiern den Frieden ;-) Ich danke allen die sich dafür einsetzen!

    • mabu am 30.07.2012 17:17 Report Diesen Beitrag melden

      Sicherheitspol. Bericht, Bundesrat 2010

      Eine militärische Bedrohung für die Schweiz, sei sie direkt gegen die Schweiz gerichtet oder Folge bewaffneter Konflikte in oder zwischen anderen Staaten, hat genwärtig eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit. Niemand erwartet, dass Staaten im Umfeld der Schweiz sie militärisch angreifen werden. Das heisst nicht, dass die Beziehungen zu diesen Staaten konfliktfrei sein müssen. Es gibt sehr wohl Interessendivergenzen zwischen der Schweiz und anderen Ländern in der gleichen Region; die Anwendung militärischer Gewalt wird aber von keiner Seite als eine auch nur zu erwägende Option angesehen.

    einklappen einklappen
  • Flo Pi am 29.07.2012 23:27 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt etliche Bunker in der Schweiz...

    ...die geheim waren oder immer noch geheim sind. So war ich während eines WKs auf einer ehemaligen Raketenbasis, die bis 1999 geheim war. Da könnte man also aus vielen Bunkern Museen machen :-)

  • Jackmans am 28.07.2012 23:11 Report Diesen Beitrag melden

    Agentenfilm?

    Eine interessante Geschichte das P-26? Vielleicht gereicht es für einen spannenden Agentenfilm aus Schweizer Produktion, statt ein verstaubtes Museum draus zu machen? Wäre doch mal was anderes, als Klöpfer und Bratwurst.

    • Andreas am 30.07.2012 09:16 Report Diesen Beitrag melden

      gibt's schon

      Beresina, oder die letzten Tage der Schweiz. Eher mit Augenzwinkern...

    • Patrick am 30.07.2012 10:20 Report Diesen Beitrag melden

      Eine Satire gibt es bereits

      Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz. Kann ich empfehlen.

    einklappen einklappen
  • Donna am 28.07.2012 21:59 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz braucht eine starke Armee ..

    ... oder Keine. Alles dazwischen unterstütze ich nicht. Ich bin gegen faule Kompromisse.

    • SebJ am 30.07.2012 10:26 Report Diesen Beitrag melden

      Was ist stark?

      Was ist stark? Eine grosse Armee mit zuwenig Mitteln, veraltetem Material und Infratsruktur, fehlender Motivation seitens Führung und Mannschaft,... ODER Eine kleine, freiwillige, motivierte, effiziente und moderne Armee?

    einklappen einklappen
  • Peter Aebischer am 28.07.2012 21:15 Report Diesen Beitrag melden

    Verschwendung von Steuergelder !

    Da werden hunderte Millionen Steuergelder für solch geheime Bunker ausgegeben um sie einige Jahre später zu Spottpreisen an Einzelpersonen zu verschachern! Einfach unglaublich...

    • Jackmans am 28.07.2012 23:13 Report Diesen Beitrag melden

      Einnahmen und Ausgaben

      Lieber ein paar Rappen mit dem Verkauf einnehmen, als etliche Franken in Unterhalt investieren, mal salopp ausgedrückt, oder?

    • quartierquadrant am 28.07.2012 23:26 Report Diesen Beitrag melden

      unterhalt ist teuer.

      ja, das sind sogenannte schnäppchen, könnten aber durchaus requiriert werden.

    • Peter Fuhrmann am 29.07.2012 00:05 Report Diesen Beitrag melden

      Bitte den Zusammenhang betrachten

      Im heutigen Kontext mag das so sein. In der Zeit, in welcher diese Bauten entstanden (2. Weltkrieg), hatten sie ihre Berechtigung. Zur Erinnerung: Dazumal herrschte der kalte Krieg, in den 60-er Jahren war ein Atomkrieg ein realistisches Szenario; Stichwort Kuba-Krise. Nach dem Zerfall der UdSSR Ende der 80-er entschärfte sich die Sache. Dass diese Bauten heute zu "Spottpreisen" verkauft werden (wer bitte will in einem Bunker hausen?) ist nachvollziehbar. Aber es ist gut, wenn man sie dank günstiger Verkaufspreise als Mahnmale erhalten kann.

    einklappen einklappen