Kleinkrieg in Grindelwald BE

27. Dezember 2017 05:46; Akt: 27.12.2017 09:50 Print

«Der Schneewall war ein Erpressungsversuch»

In Grindelwald wurde ein Schneewall errichtet, der eine dahinterliegende Schneebar von der Piste abtrennt. Der Betreiber sieht darin einen Sabotage-Akt der Jungfraubahnen.

Das Ehepaar Kaufmann fühlt sich von den Jungfraubahnen unter Druck gesetzt (Video: ct)
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Uneingeschränkter Sonnenschein, viel Schnee, vortreffliche Pisten: In der Jungfrau-Region gibt es derzeit kaum einen Grund zum Jammern. Und doch tobt in der idyllischen Gegend ein Streit à la David gegen Goliath. Die Protagonisten sind ein frühpensionierter Grindelwalder und die Jungfraubahnen.

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Im Fokus steht die Pistenbar Ottis Arvengarten zwischen der Kleinen Scheidegg und Grindelwald, die seit Montag geöffnet ist. Ob die Bar überhaupt Gäste anlocken wird, war bis vor Kurzem nicht sicher. Grund: Pistenfahrzeuge der Jungfraubahnen errichteten einen Tag vor der geplanten Eröffnung einen Schneewall zwischen Piste und Bar, sodass die Wintersportler an der Bar vorbeigeleitet wurden. Dies berichtet der «Bund».

Kaufmann wittert Erpressung

Für Betreiber Otto Kaufmann ist klar: Der Wall war ein Sabotage-Akt der Jungfraubahnen, mit dem man ihn habe erpressen wollen. «Weil ich mein Land nicht freiwillig hergeben will», sagt Kaufmann der Zeitung. Auch Blogger Manfred Braun, der die Entwicklung des V-Bahn-Projekts intensiv beobachtet, interpretiert den Wall als Drohgebärde und Machtdemonstration: «Mit der Aktion wollten die Jungfraubahnen Kaufmann beweisen, dass sie am längeren Hebel sitzen.»

Denn über dessen Land hinweg wollen die Jungfraubahnen die umstrittene V-Bahn bauen, die ab Ende 2020 Wintergäste direkt von Grindelwald zum Eigergletscher transportieren soll. Kaufmann ist einer von zwei verbleibenden Einsprechern gegen das Projekt, die letzten Umweltorganisationen haben Anfang Dezember ihren Beschwerdeverzicht erklärt.

Gang vors Bundesgericht denkbar

Der Frühpensionierte, der zuvor 40 Jahre als Kondukteur für die Jungfraubahnen arbeitete, ist enttäuscht über deren Vorgehen. Man habe ihn vor vollendete Tatsachen gestellt. «Man hat mich und meine Frau während der Planung des V-Bahn-Projekts nie gefragt, ob wir überhaupt gewillt bin, das Durchleitungsrecht über unser Land zu geben», klagt er. Kommt es zu keiner Einigung zwischen den Parteien, droht Kaufmann die Enteignung.

Jungfraubahnen schotten Bar mit Schneewall ab

Bisher habe er nicht vorgehabt, vor das Bundesgericht zu ziehen. «Durch das Anbringen des Schneewalls überlege ich mir das aber nun noch einmal gründlich.»

Zwar wurde die weisse Mauer bereits an Heiligabend wieder beseitigt. Doch Kaufmann traut der Sache nicht. «Gut möglich, dass die Piste bereits zum Jahreswechsel wieder abgeriegelt ist», befürchtet er. Denn er soll bis zum 29. Dezember eine Verzichtserklärung unterschreiben, die besagt, dass er nicht vors Bundesgericht geht. Die Frist sei aber zu knapp, meint Kaufmann. «Ich brauche mehr Zeit, um die Angelegenheit mit meinem Anwalt zu besprechen.»

«Orientierung an «Kundenbedürfnissen»

Den Vorwurf, den Wall als Machtdemonstration und Einschüchterungsversuch errichtet zu haben, weisen die Jungfraubahnen zurück. Es habe sich um einen «Wintersport-Entscheid» gehandelt, der sich an den «Kundenbedürfnissen» und an einer «optimalen Pistenführung» orientiert habe, sagt Sprecherin Patrizia Bickel.

Nach Gesprächen mit Otto Kaufmann habe man jedoch beschlossen, die aufgetürmten Schneemassen vorläufig wieder zu entfernen. «Wir sind ihm damit entgegengekommen», so Bickel. Allerdings könne man nicht garantieren, dass dies auf die Dauer so bleibe.

(sul)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Seiler am 27.12.2017 06:05 Report Diesen Beitrag melden

    Schon wieder!

    Dass für private Unternehmen überhaupt ein Enteignungsrecht in Kraft treten kann, ist mehr als stossend.

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  • Mani Motz am 27.12.2017 06:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld, Geld, Geld

    Es geht auf beiden Seiten ums Geld und die Schneebar würde ohne die Piste daneben auch nicht funktionieren. Aber die Preise in dieser Gegend sind ohnehin so daneben, dass ich da sicher nicht hingehe.

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  • petered am 27.12.2017 06:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    böse buebe...

    so streitet man in den bergen...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kurt am 27.12.2017 13:50 Report Diesen Beitrag melden

    Andere Mentalität

    In den Berggebieten herrscht leider eine andere Mentalität. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Geld ist dicker als Blut.

  • Berner Oberländerin am 27.12.2017 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Erpressung und Machtgier

    Herr Kessler kann nicht genug kriegen und schreckt auch vor Erpressung nicht zurück. Es geht ihm nur um Macht und Geld.... . Leider haben die Grindelwalder Hoteliers noch nicht kapiert, dass das V Bahn Projekt ihnen nicht mehr Gäste bringt. Im Gegenteil, die Leute müssen nicht mehr ins Dorf und dank kürzerer Reisezeit aufs Jungfraujoch, übernachtet man nicht im überteuerten Grindelwald

    • Grindelwalderin am 27.12.2017 19:05 Report Diesen Beitrag melden

      Bravo

      Ich hätte es nicht besser formulieren können. Die Hoteliers sind auch nur Kesslers Marionetten.

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  • Wilderswiler am 27.12.2017 12:21 Report Diesen Beitrag melden

    Hier leben wir nur vom Tourismus! Nicht vergessen!

    Es ist unglaublich und peinlich zugleich, was in unserer schönen Jungfrau-Region abläuft! Ich habe das ganze V-Bahn Projekt verfolgt und mich selber einige Male hinterfragt! Bin jetzt aber auch der Meinung, dieses Projekt voll zu unterstützen! Wir dürfen ein solches Projekt nicht einfach ausschlagen! Mann hat damals schon mit dem Bau der Firstbahn rumgehadert und alles verzögert und sogar Fehlplanung gemacht! Genau das gleiche passiert plötzlich mit der V-Bahn! Die Konkurenz schläft ganz sicher nicht! Wir leben vom Tourismus! Wir alle hier!! Die Jungfraubahnen machen nicht alles falsch!!!

  • Thomas am 27.12.2017 12:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bye bye Grindelwald

    Ich kehre nach Jahren auch Grindelwald denn Rücken. Nicht wegen Grindelwals selber sondern wegen der Bergbahn Organisation. Wegen meiner Zentralen Wohnlage kann ich mir gerne ein neues Skigebiet aussuchen. Mit dem boykottieren von Grindelwald unterstütze ich dafür wiederum ein anderes Skigebiet was ja auch nicht schlecht ist.

    • Pistenbenützer am 27.12.2017 20:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Thomas

      Danke und endlich wieder Platz auf Piste...!!!

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  • Klaus Wolfgang Frankreich am 27.12.2017 11:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    ist doch nichts NEUES in der Schweiz, keiner mag dem anderen etwas gönnen, Schade