Amok-Rentner

13. September 2010 06:11; Akt: 13.09.2010 18:19 Print

Neue Bilder werfen Fragen auf

von Adrian Müller - Wie sieht Peter K. wirklich aus? Die Polizei veröffentlichte heute neue Fahndungsfotos, die einen stutzig machen.

Bildstrecke im Grossformat »
Neun Tage lang hielt der Amokrentner Peter Hans Kneubühl im September 2010 Biel in Atem. Er wurde dem Amok-Rentner zum Verhängnis: Diensthund Faro steht im Sold der Kapo Basel-Land und stellte Peter K. im Morgengrauen des 17. September 2010. Dem Gemüsebeet im unteren Bildrand entlang ging Peter, als die Polizei eintraf. Die Polizisten verfolgten ihn. Dann liess der Hundeführer Faro los. Als der Hund Peter K. stellte, liess er sich widerstandslos festnehmen. Er wurde durch den Hundebiss leicht verletzt, war aber ansonsten in guter gesundheitlicher Verfassung. Die Fähnchen zeigen den Weg von Peter K. Wollte er sich im Gemüsefeld gerade sein Frühstück holen? Die Stelle befindet sich am Waldrand, nur 15 Minuten von der Taubenlochschlucht entfernt am Rand der Stadt Biel. Seither sitzt der berühmteste Rentner von Biel im Regionalgefängnis in Untersuchungshaft. Noch am Vortag war die Polizei einem Hinweis aus Pieterlen BE nachgegangen. Mit Hunden jagten sie über ein Feld in Richtung Schrebergärten. Ausgangspunkt war offenbar das Altersheim in Pieterlen. Am Nachmittag des 16. September, kurz vor drei Uhr, waren dort Kastenwagen vorgefahren. Im Altersheim soll eine Tante des Amok-Rentners wohnen, erzählten Anwohner. Die Kapo Bern veröffentlichte am 13. September ein neues Foto, das dem bisherigen nicht gerade ähnlich sieht. Ein zweites, neu veröffentlichtes Bild zeigt den 67-Jährigen als Heimwerker. Bisher stellte sich die Kapo Bern Peter K. so vor. Sie hatte ein Bild aus den 80er-Jahren künstlich altern lassen. Doch das Bild zeigte den Vater von Peter K. «Peter, bitte melde dich»: Mit diesen Flugblättern versuchte die Kapo Bern, Kontakt mit Peter K. herzustellen. Die Polizei warf diese am Montag in der Region Biel aus Kleinflugzeugen. Peter K. fand auch Anhänger: Am Montag, 13. September demonstrierten rund 20 Personen für Peter K. und forderten einen «Notausgang» für den Rentner. Während Peter K.s Flucht bewachten ununterbrochen Polizisten das Lindenquartier in Biel. Die Schule blieb geschlossen. Denn laut Gerüchten von Anwohnern soll er in der Nacht auf Sonntag, 12. September zum zweiten Mal bei seinem Haus aufgetaucht sein. Vermutungen wurden auch laut, Peter K. habe ein unterirdisches Gangsystem gebaut. Mit Spezialgeräten suchte die Polizei darum nach Hohlräumen. In der Nacht auf Donnerstag, 8. September 2010 war Peter K. aus dem Haus am Mon-Désirweg in Biel geflohen, nachdem er sich dort über 20 Stunden verschanzt hatte. Das Haus war in einem ungepflegten Zustand: Der Garten war verwildert, ... ... das Garagentor beschädigt. Peter K. soll das Haus seit einem Jahr kaum verlassen haben. Es soll aber im Mittelpunkt des Dramas stehen: Nach Informationen der Behörden sollte das Haus im Bieler Lindenquartier zwangsversteigert werden. In der Folge hatte sich der 67-Jährige am Mittwoch vor dem ersten Besichtigungstermin darin mit seinem Gewehr verschanzt. Die Polizei hatte versucht, mit Peter K. zu sprechen. Mehrere Polizeifahrzeuge, eine Ambulanz und Feuerwehrleute waren aufgefahren. Doch Peter K. war nicht bereit zum Gespräch: Er verbarrikadierte sich im Haus ... ... die Polizei rückte deshalb mit einem Grossaufgebot an. Die Beamten umstellten das Wohnhaus. 40 Personen mussten aus dem Quartier evakuiert werden oder konnten nicht nach Hause gehen. In der Nacht auf Mittwoch eskalierte die Situation: Peter K. schoss mehrmals auf Polizisten und verletzte einen Beamten schwer - obwohl dieser eine schusssichere Weste trug. Derweil entwich der Rentner - unbemerkt. Die Polizei bemerkte anscheinend erst gegen Mittag, dass der Senior geflohen war. Die Polizei weitete in der Folge das Suchgebiet aus. (Bild der Berner Kantonspolizei zur Verfügung gestellt) Ein Armeehelikopter kreiste über Biel mit Wärmebildkamera. Der naheliegende Wald wurde genauso zum Zielgebiet wie Büren an der Aare. Dutzende Mitglieder von Spezialeinheiten aus der ganzen Schweiz standen im Einsatz. Doch Peter K. ist weiterhin flüchtig und «mit einem Gewehr bewaffnet und gefährlich», meinte François Gaudy, Polizeichef der Region Berner Jura/Seeland, an einer Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag. Die Bevölkerung müsse zwar nicht beunruhigt sein, Gaudy mahnte allerdings zur Vorsicht. Im Verlauf des Donnerstags suchte die Polizei an Bushaltestellen, ... ... in Parks, ... ... in Gärten, ... ... an Quartierstrassen und am Bahnhof in Biel nach dem Rentner. Das gesamte Lindequartier wurde am Donnerstagmorgen 9. September abgeriegelt und die Schule geschlossen. Eine landesweite Fahndung wurde ausgelöst: Dennoch konnte Peter K. in der Nacht auf Samstag, 11. September nochmals zurückkehren, erneut auf Beamte schiessen und wieder abtauchen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Deutlicher hätte die Polizei nicht aufzeigen können, wie sehr sie bei der Fahndung nach Peter K. im Dunkeln tappt: Sie veröffentlichte heute an einer Pressekonferenz zwei neue Fahndungsbilder, die einen auf den ersten Blick komplett anderen Menschen als den bisher gesuchten, hageren und grauhaarigen Senioren zeigen (siehe Diashow). Weder der Mediensprecher vor Ort noch die Medienstelle der Kapo Bern konnte bisher die offensichtliche Diskrepanz der Bilder gegenüber 20 Minuten Online erklären.

Seit Donnerstagabend fahndete die Polizei in der Öffentlichkeit mit einem elektronisch bearbeiteten Bild von Peter K. Stellte sich nun die Frage: Hat die Polizei fünf Tage nach der falschen Person gesucht?

Flugblätter in den Jurahöhen

Am Nachmittag teilte die Kapo Bern mit, dass auch fünf Tage nach Beginn des Dramas jede Spur von Peter K. fehle. «In einer in der Geschichte der Kapo Bern einzigartigen Aktion werfen wir nun in der Region Biel und den Jurahöhen Flugblätter ab», sagte Peter Giger, Leiter Prävention bei der Kapo Bern. Auf denen wendet sich «Bobi», der Bekannte von Peter K., in einem Appell direkt an den flüchtigen Rentner. «Es stellt sich die Frage, ob Peter K. überhaupt noch am Leben ist», sagte Kripochef Christoph Kipfer. Aufgrund der Tagebücher wisse man, dass der Amok-Rentner am 8. September seinen Tod eingeplant habe. Es sei aber durchaus möglich, dass er sich einen Plan B überlegt habe.

Kompliziertes Mosaik

«Wir möchten Peter K. kennenlernen», sagte Kipfer weiter. Der Mann habe keine Hobbies, sei in keinem Verein und habe keine Vorlieben. Die Polizei setze derzeit ein kompliziertes Mosaik zusammen, welches nur aus wenigen Informationen bestünde. «Peter K. hat eine Mission. Wir wissen aber nicht welche und wie er sie umsetzt», so Kipfer. Derzeit werde das Haus und der Garten bis ins letzte Detail untersucht. «Wir dürfen nichts übersehen», sagte Kipfer weiter. Er sei weiterhin überzeugt, dass sich die Aggressionen von Peter K. nicht gegen die Bevölkerung, sondern gegen Behörden, Justiz und Polizei richte. «Peter K. wird nicht plötzlich zum Heckenschützen oder Guerilla-Krieger.»