Thun

06. Juni 2018 15:47; Akt: 06.06.2018 16:12 Print

Senior nimmt drei Geiseln und raubt Bijouterie aus

Um ein Schmuckgeschäft zu plündern, terrorisierte ein 72-jähriger Italiener eine Familie über Stunden. Im Kanton Zürich steht er zudem unter Mordverdacht. Nun wurde er verurteilt.

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Blanker Horror für eine Thuner Familie. Ein Mann mit einer Waffe verschaffte sich gewaltsam Zutritt zu ihrer Familienwohnung im Thuner Bälliz-Quartier, bedrohte dort ein Ehepaar und dessen Tochter und nahm sie als Geiseln. Dies war jedoch erst der Beginn des Albtraumes.

Der Vorfall ereignete sich Ende September 2016 und wurde diese Woche vor dem Regionalgericht Oberland in Thun verhandelt. Die Anklageschrift liest sich wie ein Filmdrehbuch, wie die «Jungfrau Zeitung» schreibt. Immer wieder habe der damals 72-Jährige gedroht, Familienmitglieder zu erschiessen, falls jemand nicht kooperiere oder die Polizei rufe. Dass der Angeklagte lediglich eine Spielzeugwaffe in den Händen hielt, realisierten seine Opfer nicht.

Medikamente und Oralsex

Bevor er die Wohnung nach Wertsachen durchsuchte, fesselte er seine Geiseln an Stühle und verklebte ihnen die Augen. Zudem stellte er Vater und Tochter mit Medikamenten ruhig: «Ich wollte keine Probleme und die beiden waren nervös», so der Angeklagte vor Gericht. Die Mutter blieb verschont – sie war Filialleiterin einer nahe gelegenen Bijouterie: «Der Frau habe ich keine Pille gegeben, weil sie den Alarm im Geschäft abstellen musste.» Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten zudem vor, die Tochter in der Wohnung zu Oralsex gezwungen zu haben – dieser bestreitet dies jedoch.

«Bomben» waren Zündholzschachteln

Alle drei Geiseln mussten den Italiener schliesslich in die Bijouterie der Ehefrau begleiten. Zuvor klebte er seinen Opfer Zündholzschachteln auf den Rücken und erklärte, dass diese mit Sprengstoff gefüllt seien und explodieren würden, wenn sie sich zu weit von ihm entfernten oder er sie per Fernsteuerung zünde. Während der Mann mit der Tochter vor der Bijouterie wartete und sie mit dem Tod bedrohte, musste das Ehepaar Schmuckstücke zusammensammeln. Schliesslich begaben sich der Täter mit den Gefangenen noch zum Bahnhof, wo er sie vom angeblichen Sprengstoff befreite und sich davon machte.

Gegenstände im Wert von rund 70'000 Franken erbeutete der Mann in jener Nacht und verkaufte das Diebesgut anschliessend in Italien und Spanien, wo der Mann im Sommer 2017 schliesslich auch verhaftet wurde. Seit Montag stand der Angeklagte vor Gericht. Ihm wurden mehrfacher Raub, Freiheitsberaubung, Geiselnahme, sexuelle Nötigung und Hausfriedensbruch vorgeworfen. Die Richter sahen als erwiesen an, dass der Mann die Taten begangen hatte und die Familie in Todesangst versetzte. Sie verurteilten den 74-Jährigen zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe.

Unter Mordverdacht in Zürich

Auf den Verurteilen könnten noch weitere Jahre im Gefängnis zukommen. Denn im Kanton Zürich steht er unter Mordverdacht: 1997 wurde an der Zürcher Goldküste in Küsnacht eine 87-jährige Frau in ihrem Haus gefesselt und mit schwersten Misshandlungen tot aufgefunden. Das Tötungsdelikt blieb ungeklärt – bis die DNA des Angeklagten analysiert wurde. Er steht nun unter dringendem Tatverdacht. Die Zürcher Staatsanwaltschaft für Gewaltdelikte hat eine Untersuchung wegen Mordes eingeleitet.


(cho)