Steuerverwaltung Bern

16. Mai 2018 16:58; Akt: 16.05.2018 17:12 Print

«Der Brief ist unglücklich formuliert»

Wer zu viel Steuern gezahlt hat, erhält eine Rückvergütung. Pech haben hier jedoch verheiratete Frauen mit einem eigenen Konto.

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Eine Bernerin* hat sich fürchterlich aufgeregt, als sie vor wenigen Tagen ein Couvert der Steuerverwaltung Kanton Bern öffnete – obwohl ihr die Behörde darin eine Steuerrückzahlung bescheinigte. Grund war folgende Textpassage: «Beachten Sie, dass bei verheirateten, nicht getrennt lebenden Eheleuten das Konto auf den Mann oder beide Eheleute lauten muss.» Für die junge Frau ein absolutes No-go: «Ich war schockiert, fühlte mich erniedrigt und diskriminiert.»

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Was die Frau besonders wurmt: «Ich hatte die Steuern von meinem Ehemann und mir von meinem Konto bezahlt – warum sollte die Rückerstattung also nicht auch auf dieses Konto gezahlt werden?» Die Praxis der Steuerverwaltung erinnere sie an das letzte Jahrhundert.

Experten sehen Handlungsbedarf

Mit dieser Ansicht ist die Bernerin nicht allein. Auch für Barbara Krattiger, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung Frau und Mann der Stadt Bern, ist die Handhabung alles andere als zeitgemäss. Bei der städtischen Stelle sei diese immer wieder Thema: «Die Praxis stammt offenbar aus der Zeit, als der Mann noch Familienoberhaupt war.» Besonders frisch verheiratete Frauen treffe das schwer: «Es macht wütend, wenn man plötzlich auf ein traditionelles Rollenbild reduziert wird.»

Bei der Steuererklärung des Kantons Bern gebe es in puncto Gleichstellung ohnehin noch viel Verbesserungspotenzial: Wenn etwa Paare heiraten und gemeinsam veranlagt würden, sei immer der Mann Dossierträger. Die Fachstelle sieht hier klar Handlungsbedarf: «Wir verlangen eine Wahlmöglichkeit. Paare sollen selber bestimmen, wer Dossierträger ist oder auf welches Konto die Rückerstattung geht.»

Für Gemeinderat nicht akzeptabel

Gemeinderat Michael Aebersold (SP) spricht ebenfalls von dringendem Handlungsbedarf. Der Finanzdirektor hat am Mittwoch ein Foto des Schreibens auf Twitter veröffentlicht:



Er habe das Schreiben nicht gekannt – eine Mitarbeiterin habe den Brief erhalten und ihm gezeigt: «Das geht schlicht nicht. Das ist für mich nicht akzeptabel», so Aebersold. Er werde sich dafür einsetzen, dass der Kanton «subito» handle, denn auch im Namen seiner Steuerbehörde werde das Schreiben verschickt, weil die städtische Steuerverwaltung das gleiche System wie die kantonale Verwaltung benutze.

Steuerverwaltung will Schreiben überprüfen

«Der Brief ist unglücklich formuliert», sagt Tanja Bertholet, Mediensprecherin der Steuerverwaltung des Kantons Bern. Das Konto müsse nicht per se auf den Mann lauten: «Das Konto muss jedoch auf die erstgenannte Person in der Adresszeile lauten oder auf beide Eheleute, ansonsten kann die Bank die Rückzahlung nicht zuordnen.» Die erstgenannte Person ist standardmässig der Ehegatte, der im Beispiel der Leserreporterin nicht mit der Kontoführerin übereinstimmte.

Dies liesse sich jedoch ändern: «Für die Rückerstattung kann auf Wunsch auch das Konto der Ehefrau angegeben werden. Diese Einstellung bleibt dann für die nächste Rückerstattung bis auf weiteres gespeichert.» Dies ist allerdings mit grösserem manuellem Verwaltungsaufwand verbunden.

«Wir sind uns der Problematik bewusst und versuchen unser System ständig zu verbessern und werden das Schreiben überprüfen», sagt Bertholet.


* Name der Redaktion bekannt

(cho)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hampi72 am 16.05.2018 13:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Letztes Jahrhundert?

    Eher Jahrtausend... Frage mich schon lange warum es nicht wie in Liechtenstein gemacht wird. Da wird jeden Monat direkt vom Lohn die Steuer abgezogen und Ende Jahr muss man nur noch die Steuererklärung ausfüllen, fertig. Dazu schreibt man einfach die Kontonummer auf wohin überweist werden soll und fertig. Vorteil: der Staat muss dem Bürger nicht wegen dem Geld nachrennen, mahnen usw. Der Bürger bekommt sogar noch die besseren Zinsen als auf der Bank. Nachteil: der Staat müsste Beamte entlassen da weniger Arbeit wäre die Mahnungen zu schreiben. Ach ja darum wahrscheinlich wird es nicht überno

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  • Gleichberechtigte am 16.05.2018 13:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Absolutes No Go!

    Es gibt in dieser Beziehung noch sehr viel Handlungsbedarf. Z.B. wünsche ich auf Briefen von Amtsstellen, welche beide betreffen, auch beide Namen, nicht nur derjenige meines Mannes! Schliesslich öffne ich keine Post, die nicht auf meinen Namen lautet.

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  • Emanzipierte Ehefrau am 16.05.2018 13:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    War bei mir anders

    Dies wundert mich. Ich, weiblich und verheiratet, habe vom Kanton Bern schon Rückzahlungen auf MEIN Konto, das auch nur auf MICH läuft erhalten. Vielleicht hätte ich Glück. Wenn es aber in der Steuerverwaltung tatsächlich eine solche Regelung gibt, finde ich das DISKRIMINIEREND!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Streifenkarl am 16.05.2018 20:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genau...

    Steht doch klar drin. Die erst genannte Person. Und weshalb wohl? Weil sehr oft immer noch der Name vom Mann angenommen wird und sich Frau ja auch den Antrag seitens Mann wünscht. Von mir aus kann auch die Frau die erst genannte Person sein. Irgendwer muss es ja sein.

  • Manu ela am 16.05.2018 20:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nun dann...

    Leider ist es mir nicht möglich in Zukunft Steuern zu zahlen. Wir haben je ein eigenes Konto. Meines lautet auf meinen Namen. Und wo keine Rückzahlungen eingehen können, können leider auch keine Auszahlungen getätigt werden. Zu schade

  • Heavysam am 16.05.2018 20:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    naja

    seid doch froh, das es Geld zurück gibt

  • Irmchen am 16.05.2018 20:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt noch mehr von denen.

    Wir kriegen z.B. jedesmal die Strom/Wasserrechnung lautend nur auf meinen Mann. Nicht auf Herr und Frau..., obwohl ich diese meistens von meinen Konto bezahle. Die Steuerrechnung lautet aber wohl immer auf Herr und Frau.... also wissen sie es ja wie es heisen sollte. Bei den Steuern können sie es aber na ja.....es gibt noch mehr Gemeinden die es noch nicht geschnallt haben, gell 5703 Seon/AG

  • Neumann am 16.05.2018 20:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bonzen sollen zahlen

    Man muss jetzt sofort endlich alle Steuern abschaffen! Das hätte wohl im Volk gute Chancen durchzukommen. Sollen doch die Bonzen und die Industrie für alle laufenden Staats-, Kantons- und Gemeinde-Ausgaben aufkommen!