«Nächster Halt Jungfrau»

22. November 2012 07:24; Akt: 23.11.2012 15:47 Print

Die SBB feuern den Kult-Zugbegleiter

von Antonio Fumagalli - Im März brachte er mit seinen Durchsagen die halbe Schweiz zum Lachen. Doch die SBB hatten wenig Spass an ihrem Kondukteur. Nun spricht er über den Tag, der sein Leben veränderte.

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Der 20. März 2012 war Michael Müllers* aufregendster Arbeitstag – und gleichzeitig sein letzter. Die SBB trennten sich von ihrem «Spassvogel». «Ich kriegte zwar noch bis September Lohn, aber arbeiten durfte ich nicht mehr», sagt er. SBB-Sprecherin Lea Meyer bestätigt auf Anfrage, dass der befristete Ausbildungsvertrag «aufgrund mehrerer Vorkommnisse» nicht verlängert worden sei.

Der heute 37-jährige Familienvater und studierte Germanist trat im Oktober 2011 in den Dienst der Bundesbahnen, ein Jahr hätte die Ausbildung zum Zugbegleiter gedauert. Mit gewissen Berufskollegen habe er sich nicht gut verstanden, gibt Müller freimütig zu. Und manchmal übermanne ihn sein Temperament, schliesslich habe er 25 Jahre in Südfrankreich gelebt. Die Vorgesetzten bei den SBB hätten seine fehlende Motivation in der schulischen Ausbildung bemängelt, seien aber mehrheitlich zufrieden gewesen.

Chef angepöbelt

Bis zu jenem warmen Tag im März: «Ja, da brannten mir die Sicherungen durch», sagt Müller heute. Auf der Strecke Bern – Zürich verlangte sein Chef unvermittelt ein Gespräch und las ihm noch im Zug «in militärischer Art und Weise» die Leviten. Müller stand genervt auf, drückte seinen Vorgesetzten unsanft zur Seite und lief ans andere Ende des Zuges.

Der Rest ist Geschichte: Während rund 25 Minuten quasselte er übers Bordmikrophon, erklärte unter anderem, dass man per Schlitten nach Wilderswil weiterfahren könne, der nächste Halt das Jungfraujoch sei und es einen Anschlusszug nach Wladiwostok gebe (siehe Tondokument). «Ich war schon immer gut in Geographie», sagt Müller und lacht. Dass sich sein Vorgesetzter immer wieder dazwischenschaltete und sich für die falschen Durchsagen entschuldigte, verlieh der Szene nur noch mehr Skurrilität.

Den Polizisten davongerannt

Geplant habe er seine Durchsage keinesfalls, er habe sie aus Frustration über das negative Gespräch spontan zusammengedichtet. «Und eigentlich bereue ich sie auch nicht», so Müller. Was er hingegen bedauere, sei sein Verhalten nach der Ankunft des Intercity-Zuges. Im HB Zürich wartete gemäss seinen Angaben und denjenigen einer Passagierin bereits ein grösseres Bahnpolizei-Dispositiv auf ihn. Müller geriet in Panik und rannte davon. Weit kam er nicht. Die Polizisten drückten ihn zu Boden und führten ihn ab. Ob der Einsatz so stattgefunden hat und ob er verhältnismässig war, wollen die SBB nicht kommentieren.

Müller wurde darauf in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und musste zehn Tage bleiben. «Nicht einmal für den Geburtstag meiner kleinen Tochter durfte ich nach Hause», sagt er. Dennoch hege er keinen grundlegenden Groll gegenüber seinem früheren Arbeitgeber, er könne sich gar vorstellen, wieder für die SBB zu arbeiten – die Aussichten dafür dürften allerdings nicht allzu rosig sein. Müller hat deshalb bereits einen Plan B im Köcher: «Ich habe mich bei den kanadischen Staatsbahnen beworben. Vielleicht hat man dort mehr Sinn für Humor.»

*Name von der Redaktion geändert

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Dass er als studierter Germanist in der Zugbegleiterausbildung nicht supermotiviert war verstehe ich gut. Auch seine sehr kreative Reaktion find ich sympathisch und man hätte sowas in einem vernünftigen Gespräch klären können. Der Mann ist ja augenscheinlich nicht unterbelichtet. Die Reaktion der SBB und die Einweisung in eine Psychi war absoluter Schwachsinn und ein ziemlich dunkler Fleck. Der Mann sollte entschädigt und rehabilitiert werden! – Gerry

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gerry am 22.11.2012 08:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eine Schande

    Dass er als studierter Germanist in der Zugbegleiterausbildung nicht supermotiviert war verstehe ich gut. Auch seine sehr kreative Reaktion find ich sympathisch und man hätte sowas in einem vernünftigen Gespräch klären können. Der Mann ist ja augenscheinlich nicht unterbelichtet. Die Reaktion der SBB und die Einweisung in eine Psychi war absoluter Schwachsinn und ein ziemlich dunkler Fleck. Der Mann sollte entschädigt und rehabilitiert werden!

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  • Kritiker am 22.11.2012 07:36 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht lustig

    Die Schweiz, das Land in dem Wegweiser auf Kniehöhe oder hinter der Kreuzung stehen. Die Schweiz, das Land in dem die Navigation per Durchsage zur Verwirrung der Informationsbedürftigen und Belustigung der Wissenden gemacht wird. Danke SBB dass euer Betrieb nicht zum Cabaret verkommt. Es müssen jedoch noch mehr Leute vom Strassenverkehrsamt gefeuert werden, siehe erster Satz.

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  • René Berger am 22.11.2012 23:25 Report Diesen Beitrag melden

    Typisch für die SBB

    Das zeigt einmal mehr die Sturheit der SBB. Da werden gute Leute entlassen nur weil die Führungskräfte unfähig sind. Dabe iwäre es viel besser man würde in den Chefetagen der SBB mal richtig aufräumen. Da sitzen mehr Nieten als an einem Flugzeugflügel. Mit diesen Kaderleuten stimmt der Spruch: Gestern standen wir noch am Rande des Abgrundes. Heute machen wir einen Schritt vorwärts. Solche lustigen Ansagen heitern doch nur auf. Also, entfernt die Nieten in der Chefetage und fördert dafür das Personal.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dani am 24.11.2012 18:39 Report Diesen Beitrag melden

    Typisch SBB!

    Anstatt das Ganze mit Humor zu nehmen, entlässt man diesen Mann, ich sage nur typisch SBB!! Immer teurer, immer schlechterer Service, da lobe ich mir das Auto!

  • LaKa am 24.11.2012 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    Spassbremsen...

    Oh Gott..ist doch witzig...Wegen sowas gleich irgendwen Feuern hallo?? Er hat ja niemandem weh getan.. wenn man ihn bestrafen wollte, dann hald 2 Ferientag weniger.. oh gott, liebe SBB seit ihr spassbremsen..!!!!!!!

  • Sasa am 23.11.2012 20:26 Report Diesen Beitrag melden

    Kult? Witz komm raus

    was heutzutage alles zum 2kult" erhoben wird, ist unglaublich. Die 20min.-Redaktion musste wohl die Seiten füllen.

  • Maria_B am 23.11.2012 19:45 Report Diesen Beitrag melden

    Humor

    Solche Zugbegleiter wären jedenfalls unterhaltsamer als Zeitung lesen.

  • G.M. am 23.11.2012 16:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Angestellte 

    Wer im Radio arbeitet bitte nimmt ihn mit..... . Gibt ihn ein Job wo er seine Inspirationen rauslassen kann!!!! Ich würde gern den Radio einschalten und seine Witze/Humor zuhören/erleben.