Vieraugenprinzip

30. August 2013 11:00; Akt: 30.08.2013 15:32 Print

SBB ergreifen Massnahmen nach Zugunglück

Nach dem tödlichen Zugunfall von Granges-près-Marnand VD wollen die SBB die Unglücksstrecke sicherer machen. Der Fahrdienstleiter erhält wieder mehr Kompetenzen.

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An der Pressekonferenz am Tag nach dem Unglück geben die SBB Auskunft über den Stand der Ermittlungen. Sie gehen von einem menschlichen Versagen aus. In Granges-près-Marnand (VD) sind am Abend vom Montag, 29. Juli 2013, zwei Züge kollidiert. Einer der Lokführer, ein 24-jähriger Franzose, der in Payerne wohnte, kam dabei ums Leben. Bei dem Unfall wurden 25 Menschen verletzt und mussten ins Spital überführt werden. Drei der Verletzten befanden sich auch am Tag nach dem Unfall noch in Spitalpflege. Es handelt sich um zwei Erwachsene und ein Kind. Zunächst war die Anzahl der Verletzten unklar. Es war von 35 Verletzten die Rede. «So stark, wie der Aufprall war, könnte es auch Tote gegeben haben.» Das spekulierte ein Augenzeuge gegenüber «24 heures» bereits in den ersten Minuten nach dem Unglück. Er sollte recht behalten. Polizei, Feuerwehr, mehrere Ambulanzen und ein Helikopter waren schnell vor Ort. Am Abend wurden schwere Maschinen zur Bergung der der Züge aufgeboten. Die Ursache des Unglücks ist noch unklar. Die Passagiere der beiden Züge am Unglücksort. Der Aufprall der beiden Züge war heftig, wie die folgenden Bilder eindrücklich zeigen. Zum Zusammenstoss zwischen den beiden Zügen kam es gegen 19 Uhr direkt bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Granges-Marnand. Die Kollision ereignete sich, als ein Zug im Bahnhof ankam, während ein anderer losfuhr, wie Pierre-Olivier Gaudard, Mediensprecher der Kantonspolizei Waadt auf Anfrage sagte. Die Linie Palézieux - Payerne ist unterbrochen. Zwischen Moudon und Payerne fallen die S-Bahnzüge von Lausanne nach Payerne aus. Bahnersatzbusse sind aufgeboten.

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Rund einen Monat nach der Zugkollision in Granges-près-Marnand VD zieht die SBB weitere Konsequenzen. Ab dem 1. Oktober wird am Ort des Unglücks und in sechs weiteren Bahnhöfen das Vieraugenprinzip wieder eingeführt. Das heisst, dass ein Zug den Bahnhof nur verlassen darf, wenn er das Okay des Fahrdienstleiters hat.

Die SBB setzt mit der dringlichen Massnahme wieder auf Menschen: In sieben Bahnhöfen überprüfen Fahrdienstleister, die bisher lediglich das Stellwerk bedient haben, wieder direkt die Abfahrt der Züge. Damit will die SBB sicherstellen, dass Lokführer nicht zu früh losfahren - so wie beim jüngsten Unfall in Granges-près-Marnand.

Dort kam es am 29. Juli zu einer schweren Zugkollision, weil einer der beiden beteiligten Lokführer ein Rotlicht überfahren hatte. Der Lokführer des andern Zuges kam beim Unfall ums Leben; mehr als 20 Personen wurden verletzt.

«Das Ereignis steckt uns immer noch in den Knochen», sagte SBB-Chef Andreas Meyer am Freitag vor den Medien in Bern. Es sei eine schwierige Zeit gewesen. Ein Ereignis wie der Zugunfall im Waadtland zeige, dass das Risiko immer mitfahre. Deshalb sei es wichtig, bei neuen Erkenntnissen die notwendigen Massnahmen zu ergreifen.

Weitere Bahnhöfe folgen

Das sogenannte Vieraugenprinzip werde ab Herbst am Unglücksort sowie auf den Bahnhöfen Cugy VD, Estavayer FR, Yvonand VD, Court BE, Pruntrut JU und Zweidlen ZH angewendet. Diese Auswahl habe die interne Arbeitsgruppe «Bahnsicherheit nach Granges-Marnand» getroffen, die in der Woche nach dem Unfall eingesetzt wurde.

Dabei handle es sich um Bahnhöfe, bei denen ausserordentliche Kreuzungen stattfänden und das Personal vorhanden sei, sagte SBB-Infrastrukturchef Philippe Gauderon. Nach einer präziseren Risikoanalyse werde im Laufe des Herbst eine zweite Reihe von Bahnhöfen bestimmt.

Raschere technische Aufrüstung

Mit dieser Sofortmassnahme ist es aber nicht getan. Die SBB setzt mittel- und langfristig auch auf technische Verbesserungen. So will sie das Bahnnetz rascher und flächendeckend mit Signalen ausrüsten, die die Geschwindigkeit der Züge überwachen.

Zwar läuft dieses Programm bereits, doch soll das System nun schon im Jahr 2018 oder sogar früher komplett aufgebaut sein und nicht wie zunächst vorgesehen erst 2020. «Wir überprüfen laufend die Beschleunigung und Priorisierung dieser Massnahmen», sagte Meyer.

Der SBB-Chef betonte, dass bereits die Zugkollision in Neuhausen SH von Anfang Jahr den Ausschlag gegeben habe, diese Signale schneller einzubauen. Mit guten Gründen: «Von fünf SBB-Unfällen in der neueren Zeit hätten vier mit modernerer Technik verhindert werden können.»

Problem der steigenden Nachfrage

Bereits Ende 2011 hatte die SBB entschieden, für 50 Millionen Franken 1700 Signale mit einer veralteten Zugtechnik durch neue zu ersetzen. «Weitere Massnahmen werden nötig sein, damit die künftige Belastung des Netzes durch die steigende Nachfrage und Mobilität im Gleichgewicht mit unseren hohen Sicherheitsanforderungen schritthalten kann», sagte Gauderon.

Der Verkehr auf dem Schweizer Schienennetz wird weiter wachsen. Daher sei es für die SBB wichtig, bereits heute die die Pläne für die Zugsicherung der Zukunft anzupacken.

Dieser Meinung ist auch Erwin Brabek, der Untersuchungsleiter der Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle (SUST) im Fall Granges-près-Marnand. «Es gibt Handlungsbedarf», sagte er auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Zu den laufenden Untersuchungen konnte er keine weiteren Angaben machen. Der Schlussbericht der SUST wird spätestens im Sommer 2014 vorliegen.

Restrisiko bleibt

Bis dahin peilt die SBB auch abseits der Technik Verbesserungen an. So verstärkt das Bahnunternehmen bestehende interne Qualitätskontrollen, indem neu auch Mitarbeitende wie Lokführer, Zugbegleiter und Fahrdienstleiter miteinbezogen werden.

Ziel ist es, Sicherheits- und andere qualitative Fragen unter Einbezug von Mitarbeitenden regelmässig und vertieft zu behandeln und in die Sicherheitsstrategie der SBB zu berücksichtigen. «Diese Gespräche führen wir bereits seit längerem», sagte Meyer.

SBB-Personenverkehr-Chefin Jeannine Pilloud hielt fest, dass die Lokführerinnen und Lokführer im System der Bahnsicherheit seien. «Ihre Einschätzungen nehmen wir deshalb sehr ernst.» Dies gelte nicht zuletzt auch für die Hinweise, welche die Mitarbeitenden über das vertrauliche Meldewesen der SBB einreichen können.

Zudem versicherte Pilloud, dass auch in der Ausbildung im Sicherheitsbereich keine Kompromisse eingegangen würden. Die Anzahl der Zwischenfälle mit Signalen pro Million Kilometer sei denn auch in den letzten Jahren zurückgegangen. «Trotzdem werden wir menschliches Versagen nie hundertprozentig ausschliessen können.»


(Video: Keystone)

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • T.Schneeweiss am 30.08.2013 12:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehlen bei Lokführer Schulungen?

    Habe von einigen Kollegen gehört, dass bei der SBB einige Lokführer arbeiten von D und F, die leider sehr wenig bez. fast keine Schulen besucht haben als Lokführer. Es wurde auch CV gefälscht gibt es Gerüchte.

  • hans muster am 30.08.2013 13:04 Report Diesen Beitrag melden

    mehr kompetenzen?

    ich hoffe, die SBB zahlt auch mehr lohn für mehr kompetenzen. sonst würde ich diese dankend ablehnen.

  • Rolf Weingart am 30.08.2013 17:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Signal rot

    Das ist ja ein Witz! Nur Signale der neusten Technik geben Sicherheit. Wann lernt das Kader mal dem Betroffenen zu zuhören.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rolf Weingart am 30.08.2013 17:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Signal rot

    Das ist ja ein Witz! Nur Signale der neusten Technik geben Sicherheit. Wann lernt das Kader mal dem Betroffenen zu zuhören.

  • M.Alber am 30.08.2013 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zu wenig Geld!

    Die SBB muss das Geld in die Infrastruktur investieren und nicht ins Ksder. Diese sollten endlich mal lernen, das Sie die Verantwortung tragen.

  • hans muster am 30.08.2013 13:04 Report Diesen Beitrag melden

    mehr kompetenzen?

    ich hoffe, die SBB zahlt auch mehr lohn für mehr kompetenzen. sonst würde ich diese dankend ablehnen.

  • T.Schneeweiss am 30.08.2013 12:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehlen bei Lokführer Schulungen?

    Habe von einigen Kollegen gehört, dass bei der SBB einige Lokführer arbeiten von D und F, die leider sehr wenig bez. fast keine Schulen besucht haben als Lokführer. Es wurde auch CV gefälscht gibt es Gerüchte.

  • Alexander am 30.08.2013 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    SBB soll endlich Altlasten erledigen

    und nicht dauernd Neu-Projekte vorstellen. Die SBB-Steuergeld-Verschleuderung auf dem Buckel der Kunden muss endlich aufhören.