Tod durch Stromschlag

27. November 2012 14:58; Akt: 27.11.2012 14:58 Print

«Die Gefahr müsste viel klarer vermittelt werden»

Sie klettern auf Bahnwagen und setzen dabei ihr Leben aufs Spiel: Allein im letzten Halbjahr sind fünf junge Männer durch Stromschläge unter Fahrleitungen gestorben oder schwer verletzt worden. Experten sind besorgt.

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Hat Raphael A. die Gefahr des Lichtbogens wegen Unwissen unterschätzt?

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Raphael A. hatte die Zukunft vor sich. Rockstar wollte er werden. Doch am Samstagabend nimmt das Leben des 16-jährigen Kantischülers ein jähes Ende. Er klettert auf einen Bahnwagen – und wird durch einen 15'000 Volt starken Stromschlag getötet.

Umfrage
Haben Sie gewusst, dass nicht nur das Berühren, sondern schon das Annähern an die Fahrleitung zu einem tödlichen Lichtbogen führen kann?
83 %
17 %
Insgesamt 11271 Teilnehmer

Der tödliche Unfall ist bereits der fünfte gemeldete Vorfall dieser Art seit April 2012.

- 22. April 2012: Ein 24-Jähriger klettert in Buchs (SG) auf einen Bahnwagen und wird durch einen Stromschlag getötet. Sein schwer verletzter Kollege konnte Hilfe holen. Er wurde schliesslich in eine Spezialklinik eingewiesen.

- 5. Juni 2012: In Grindelwald klettert ein Mann auf einen stehenden Bahnwaggon und erleidet einen Stromschlag. Trotz sofort eingeleiteter Wiederbelebungsversuche durch seinen Begleiter starb der Mann.

- Ende Juni 2012: Ein 22-Jähriger klettert im Bahnhof Biel auf einen Zug. Dabei traf ihn ein Stromschlag, wurde zirka vier Meter weit auf die Geleise geschleudert und schwer verletzt.

- 21. September 2012: Ein 21-Jähriger klettert im Bahnhof Basel auf einen abgestellten Regionalzug. Den Knall hörte man im ganzen Bahnhof. Der Mann wurde lebensgefährlich verletzt.

Schon Annähern reicht für Lichtbogen

Gemäss Fachexperten der AEW Energie AG entsteht bereits ein Lichtbogen, wenn man der Fahrleitung zu nahe kommt. «Dabei haben sowohl der Wagen als auch der Körper ein Erdpotenzial. Der Strom schlägt auf den Körper über und fliesst durch ihn gegen die Erde ab», so die Experten. Auf welche Distanz so ein Lichtbogen entstehen kann, hängt von verschiedenen Faktoren (Luftdruck, Frequenz, Spannung und Luftfeuchtigkeit) ab. «Bei einer SBB-Leitung mit 15'000 Volt handelt es sich aber um wenige Zentimeter.» Andere Experten sprechen von bis zu maximal zehn Zentimetern.

Dass bereits das Annähern an eine Stromleitung tödlich sein kann, hat Urs Kiener, Jugendpsychologe und Leiter bei Pro Juventute, überrascht. Er glaubt, dass diesbezüglich «mit besserer Aufklärung sicher eine Verbesserung erreicht werden kann». Konkret müsse das Wissen, dass schon das Annähern an die Leitungen tödliche Folgen haben kann, «viel klarer vermittelt werden».

SBB planen keine Anpassungen

Gemäss SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi sind nach dem Vorfall in Hunzenschwil keine zusätzlichen Warnschilder geplant, die darauf aufmerksam machen, dass man nicht mal in die Nähe einer Fahrleitung kommen darf. Denn an jedem Masten und an jedem Waggon mit Leiter in der Schweiz sei ein gelbes Warnschild angebracht, auf dem ein Blitz oder ein Totenkopf mit der Aufschrift «Lebensgefahr» zu finden sei. «Wir bedauern den tragischen Unfall. Doch damit so etwas passiert, muss man willentlich auf die Waggons oder die Masten klettern. Und dort schwebt man bereits in Lebensgefahr», sagt Pallecchi. Er weist zudem darauf hin, dass die SBB grosse Anstrengungen unternähmen, um jedes Jahr im Schulzug 18'000 Schüler über die Gefahren von Starkstrom zu informieren.

«Wissen Sie», sagt der Vater von Raphael zwei Tage nach dem Drama im Blick, «ich mache mir Vorwürfe. Ich habe als Naturwissenschaftler oft mit Raffi über solche Sachen geredet. Doch über diese konkrete Gefahr nicht.» Dass er sich in Lebensgefahr begibt, wenn er nur schon in der Nähe der Stromleitung herumklettert.

Mutprobe junger Männer

Doch zum Unglück führte nicht nur fehlendes Wissen. «Diese Mutprobe ist Ausdruck der Identitätssuche, die in diesem Alter auch normal ist. Das sehen wir auch bei unserer Beratung + Hilfe 147», sagt Jugendpsychologe Urs Kiener. Gerade bei männlichen Jugendlichen ist dieses Verhalten hormongesteuert. Mit solchen Aktionen wird einem Männerbild nachgeeifert. Die Botschaft: Je mehr Schmerzen oder Alkohol ich vertrage und je weniger ich mich um mich selbst kümmere, desto männlicher fühle ich mich.»

Ob dies auch einen Jugendlichen, der seine Männlichkeit beweisen will und allenfalls noch alkoholisiert ist, unmittelbar vom Klettern in der Nähe von Starkstromleitungen abhält, kann Kiener nicht sagen. «Aber wenn das Umfeld, etwa seine umstehenden Freunde, sensibilisiert ist, halten die ihn viel eher von seinem Vorhaben ab.»

(bat/meg)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • K.Haris am 26.11.2012 23:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ruhe in Frieden

    mich nimmt es wunder ob es alle noch genau gleich sehen würden wenn es jemanden seiner freunde oder familie getroffen hätte, logisch ist es schon das man so etwas nicht macht aber für menge sachen die die menschen machen gibt es keine erklärung. mein herzliches beileid an alle familienangehörige,Freunde und bekannte R.I.P

  • Klaus am 26.11.2012 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts hätte das verhindern können

    "Noch klarer vermittelt werden?" Also bitte, wir können doch nicht alle 10cm ein Schild aufhängen um vor irgendwelchen Gefahren zu warnen. Zudem wird an sehr vielen Orten auf die Lebens- (resp. Todesgefahr) hingewiesen. Aber auch diese Info hätte den Jungen an diesem Tag nicht davon abgehalten. Tragisch, aber seine eigene Schuld. Auch der Vater muss sich von seinen Schuldgefühlen lösen. Man kann seinen Kindern nicht alles erklären. Auch sie haben einen Kopf zum denken und machen, eben weil es gefährlich oder verboten ist, solche dinge.

  • Gian Wasescha am 26.11.2012 16:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    XMV

    Gesunder Menschenverstand. Auch wenn man die Fahrleitung nicht berühren will, so ist die Wahrscheinlichkeit doch gross, dass man auf einem Bahnwagen trotzdem drankommt. Ausserdem: Auf einen Bahnwagen klettern? Hallo? Man kann ja auch auf ein Fremdes Haus klettern? Da ist schnell mal die Polizei da...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hai max am 29.11.2012 12:25 Report Diesen Beitrag melden

    Leichtsinn

    Es ist tragisch, aber jedes ^Kind weiss, dass man sich den SBB-Fahrleitungen nicht nähern darf da es gefährlich ist. Das Besteigen von Bahnwagons ist dummer Leichtsinn!

  • Alma am 28.11.2012 20:27 Report Diesen Beitrag melden

    Wo bleibt die Sensibilität?

    Beim Lesen der Kommentare ist mir aufgefallen, dass die Mehrheit sich mit der Frage beschäftigt, wer daran Schuld ist+wer wieviel Wissen im Alter von 16 Jahren haben sollte. Ich frage mich, warum dieser tragische Unfall solche Kommentare auslöst und sich die Meisten als "Experten" der Situation bezeichnen. Warum macht man sich nicht mehr Gedanken über die Auswirkungen solcher Kommentare auf die Angehörigen+Freunde? Das Beileid aussprechen und dann Schuld zuzuweisen od. Aussagen zu machen anhand von Vermutungen ist weder gerecht noch human oder sensibel. Respektieren wir die Trauer.RIP Raffi.

    • Tom - Bern am 28.11.2012 22:58 Report Diesen Beitrag melden

      nur halbwegs Verständnis

      Hallo Alma, ich verstehe dein Anliegen hier schon, allerdings ist ist die Kommentar-Funktion nicht nur dafür da, dass man seine Trauer ausdrücken kann/soll. Es wird in den Kommentaren meist Bezug auf den Artikel genommen, und dies muss erlaubt sein. Und wegen der Auswirkungen auf die Angehörigen/Freunde, nun da muss ich leider auch sagen, dass wenn die Auswirkungen so schlimm sind, dann sollten sie sich von solchen Kommentar-Seiten fern halten.

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  • Karlheinz Briz am 28.11.2012 14:40 Report Diesen Beitrag melden

    1-2m Abstand ist Minimum

    Ich finde es auch fatal, dass hier mit 10cm ein sicherer Abstand suggeriert wird. In einer Trafostation, bei der eine 10kV Spannung auf 360V transformiert wird ( so in meiner alten Schule) gibt es eine ca. 2m lange Gummistange, mit der man die Schalter betätigt ( und diese sind natürlich auch noch gesichert!)

  • ..kein Lokführer am 28.11.2012 11:45 Report Diesen Beitrag melden

    ..Gefahr

    ..was will man da noch vermitteln, wenn einer halbwegs klar denkenden Person, das nicht bewusst ist, das alles was mit der Bahn ab Perronbereich zu tun hat gefährlich und für nicht in diesem Bereich arbeitendes Personal verboten ist, nützen auch keine Warnhinweise irgend was.

  • Ein Lokführer am 27.11.2012 22:39 Report Diesen Beitrag melden

    Warum passiert es immer wieder?

    So traurig dieser Unfall sicher ist, gerade für die Angehörigen des Verunfallten, so muß man sich dennoch Fragen, warum ist er auf den Wagen geklettert? Es steht sogar an vielen Wagen als Pictogram dran (bei den Deutschen Wagen sogar an allen, weil dort vorgeschrieben) das man eben wegen der Gefahr eines Stromschlags nicht auf die Wagen steigen soll, und dennoch wird es immer wieder gemacht. Was ist der Kick dabei? Und bei den 15 cm bei 15 KV wäre ich vorsichtig. Jedem Eisenbahner wird gelernt, das bei 15 KV ein Sicherheitsabstand von 1,5 Metern einzuhalten ist. Hier ist die SBB nicht schuld.

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