Identitätsverlust

30. November 2017 11:49; Akt: 30.11.2017 11:49 Print

«500-Seelen-Gemeinden machen keinen Sinn»

Die Identifikation mit der Wohngemeinde erodiert bei den Jungen. Ein Gemeindepräsident fordert nun mehr Engagement, andere sind für Fusionen.

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Nur noch 10 Prozent der 18- bis 29-Jährigen fühlen sich ihrer Wohngemeinde zugehörig, wie eine Studie des Instituts gfs.bern zeigt. Über alle Altersgruppen hinweg sind es 25 Prozent, 2014 betrug der Wert noch 53 Prozent. Stattdessen fühlen sich mehr Schweizer mit der Schweiz als Land oder ihrer Sprachregion verbunden.

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Diese Entwicklung alarmiert Politiker: «Der Bedeutungsverlust der Gemeinden macht mir Sorgen», sagt etwa CVP-Nationalrat und Gemeindepräsident Stefan Müller-Altermatt.

Auch die Studienautoren kamen zum Schluss, dass das Milizsystem, in dem sich die Bürger freiwillig auf lokaler Ebene etwa in der Politik oder in Vereinen engagieren, durch diese Entwicklung unter Druck sei. So finden bereits heute viele Gemeinden keine Nachwuchspolitiker auf Gemeindeebene mehr.

Gemeindepräsident will «Anonymisierung» durchbrechen

Für Stefan Müller-Altermatt, der der Gemeinde Herbetswil mit 538 Einwohnern vorsteht, ist die bröckelnde Verankerung der Gemeinden auch die Folge von Social Media, mit denen sich viele zu Hause in ihrer Bubble abschotten.

Diese Anonymisierung will er durchbrechen, indem er besonders den Jungen wieder aufzeigt, wie zentral ein Engagement in der Gemeinde ist. «Die wichtigen Entscheide werden lokal getroffen, nicht in Bern», sagt Müller-Altermatt. So sei es etwa einmalig, dass auf Gemeindeebene die Bürger die Höhe der Steuern festlegen könnten. «Das gibt es sonst kaum in einem anderen Land.»

Um auf diese Vorteile hinzuweisen, brauche es engagierte Gemeindepräsidenten, sagt Müller-Altermatt. Er denkt dabei etwa an spezielle Anlässe für Neuzuzüger. «Wer als Gemeindepräsident keinen Apéro für die zugezogenen Bürger organisiert, begeht einen Riesenfehler», sagt Müller-Altermatt. Cloé Jans, Forscherin beim Institut GFS Bern, findet zudem, das Verständnis für das Milizsystem müsse bereits in der Schule gefördert werden.

Home Office könnte Identifikation steigern

Zweifel an der Wirkung von Image-Kampagnen für die Jugend hat Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen. «Wir Jungen müssen selbst Verantwortung übernehmen: Es liegt an uns, ob wir uns in unserer Gemeinde etwa in der Pfadi oder in einem politischen Amt engagieren wollen. Das kann uns niemand anders vorgeben.» Von staatlicher Seite helfen könnte laut Silberschmidt aber, wenn die Rahmenbedingungen für mehr lokale Arbeitsplätze oder die Möglichkeiten für Home Office verbessert werden würden. So könnte man in seiner Wohngemeinde bleiben.

Juso-Präsidentin Tamara Funiciello sieht eine Möglichkeit, den Gemeinden durch Fusionen wieder zu mehr Attraktivität zu verhelfen: «Ich bin grundsätzlich dafür, dass Gemeinden fusionieren. Es macht keinen Sinn, wenn es 500-Seelen-Gemeinden gibt.» Durch eine Fusion könne gerade bei der Administration viel Geld eingespart werden. «Aber es ist der Entscheid jeder einzelnen Gemeinde, ob sie eine Fusion für richtig und nötig hält.»

Steigen bei Gemeindefusionen die Kosten?

CVP-Nationalrat Müller-Altermatt hingegen kann mit Fusionen wenig anfangen: «Damit schwindet das Zugehörigkeitsgefühl weiter.» Zudem würden durch Fusionen finanzielle Begehrlichkeiten geweckt: «Je weiter weg die Behörde sitzt, von der man Geld anfordern kann, etwa für die Sanierung des Dorfplatzes, desto ungenierter werden die Bürger Zugriff auf diesen Topf fordern.» In einer kleinen Gemeinde, wo jeder den Gemeindepräsidenten und die finanzielle Lage kenne, wäre dies undenkbar.

(sil/pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lukas am 30.11.2017 11:58 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Güte

    Jetzt kommt noch die Oberschwätzerin des Landes...

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  • Olaf Rustle am 30.11.2017 12:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    JUSO useless

    Ich denke eines Tages werden wir etwas sinnvolles von Frau Fucinello hören. Aber das Warten geht weiter. Nicht nur hat ihre Partei bei der Identitätszerstörung die Vorreiterrolle, sondern sie ist auch der Nummer 1 Vertreter von "höhere Staatsausgaben. Dies macht das "Sparen" bei der Gemeindefusion extrem heuchlerisch.

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  • Werner Wenger am 30.11.2017 12:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Egoisten oder Eigenbrödler?

    Wir haben es scheinbar nicht mehr nötig, in einem Netzwerk wir Verein oder Gemeinde zu leben. Schade, dass sich jüngere Leute von der Gemeinschaft verabschieden!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Slim am 01.12.2017 17:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nervensäge

    die Frau nervt! Hat zu Allem und Jedem eine Meinung. Bloss, und das ist ihr wohl völlig unbewusst oder egal, interessiert die niemanden. Arbeitet sie überhaupt. Oder ist sie ewige Studentin?

  • Chnoblibrot am 01.12.2017 11:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Inzüchtler

    Der Preis des Fremdenhass. Ist die Familie nicht seit 100Jahren im Dorf verwurzelt, ist man immer der Fremde Fötzel. Somit ist diese Entwicklung nur eine logische Folge.

  • Ultico am 01.12.2017 09:29 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Zeit mehr fürs soziale Leben

    Auch wenn mein Statement nicht gut ankommen dürfte, sage ich es trotzdem... Wirtschaft und Politik sind mitschuldig! Überall wird noch mehr Leistung verlangt, alles ist auf maximalen Gewinn getrimmt, es zählen nur noch Weiterbildungen ohne Ende, wer kein Studium hat wird als minderwertig abgetan etc. Kurz: Das wahre Leben zieht an unserer Gesellschaft vorbei und wir wollen es nicht wahrhaben. Und wer keine Zeit hat, hat sie auch für einen Verein im Dorf nicht. So zerbricht der Zusammenhalt langsam.

  • Berner Bär am 01.12.2017 09:26 Report Diesen Beitrag melden

    TF's Hintergedanken!

    Frau Funiciello hätte natürlich gerne die Gemeinden so fusioniert, dass alle eine sozialistische Mehrheit hätten!

  • Fritz am 01.12.2017 09:13 Report Diesen Beitrag melden

    Immer dieses gejammere

    Jede Generation jammert über die Jungen "Schrecklich, das ist das Ende". Und doch geht es weiter. Halt etwas anders.