«Prüfungs-Recycling»

06. Juni 2018 11:51; Akt: 06.06.2018 12:38 Print

«Schlicht und einfach unprofessionell und faul»

von Sandro Büchler - Identische Prüfungsfragen aus dem Vorjahr und alte Prüfungen sorgen an Schulen und Unis für Knatsch. Studenten wollen nun Klarheit.

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Viel Kaffee, wenig Schlaf und tagelanges Büffeln des Prüfungsstoffs: So sieht zurzeit der Alltag von vielen Studenten aus. Ein Glück, wenn Prüfungen aus den Vorjahren zirkulieren, die zeigen, was verlangt wird. Doch nicht immer sind die alten Prüfungen bewusst publiziert worden.

So wurde Wirtschaftsstudenten der Universität Zürich letzte Woche eine fast identische Prüfung wie im vergangenen Jahr vorgelegt. Die Vorjahresprüfung zirkulierte zwei Wochen vor dem Prüfungstermin online in einem Studentenforum. Die Uni prüft nun, wer den Prüfungsbogen entwendet hat und ob die Prüfung wiederholt wird.

«Kommt immer wieder vor»

Knatsch mit einer unrechtmässig veröffentlichten Prüfung gab es vor einem Jahr auch bei den Jus-Prüfungen an der Universität Bern. «Es kommt immer wieder vor, dass alte Prüfungen oder einzelne Prüfungsfragen an Schulen und Hochschulen wiederverwendet werden», sagt Tobias Vögeli, Vorstand der StudentInnenschaft der Universität Bern (SUB). Er hat deshalb den Fall an das Berner Verwaltungsgericht weitergezogen. Es entscheidet voraussichtlich im Herbst 2018.

«Gleiche Fragen sind heikel»

Ob das «Recyclen» von Prüfungsfragen jedoch zulässig ist, darüber ist man sich uneins. «Man darf gleiche Fragen stellen», sagt die Zürcher Rechtsanwältin Susanne Raess. «Es ist jedoch alles eine Frage des Ausmasses: Eine deckungsgleiche Frage wie im Vorjahr ist unproblematisch, bei einer grösseren Anzahl gleicher Fragen wird es heikel.» Nicht nur an Hochschulen ist die Problematik bekannt, Raess kennt auch Fälle von Gymnasien, Berufs- und Fachhochschulen.

Einzelne Prüfungsfragen erneut zu verwenden, darin sieht auch Tobias Vögeli kein Problem. «In Jus-Prüfungen werden gewisse Bundesgerichtsentscheide, wie zum Beispiel der ‹Papageien-Fall›, immer wieder mit fast identischen Fragen geprüft.» Auch im Medizinstudium sei es teilweise nicht möglich, neue Fragen zu «erfinden».

Studentenschaft will Klarheit

Besteht eine Prüfung jedoch zu grossen Teilen aus vorgängig publik gewordenen Fragen und muss deshalb wiederholt werden, ist der Frust für viele Studenten gross. In beiden obigen Fällen drohen Studenten selbst wiederum mit rechtlichen Schritten oder haben bereits Rekurs eingelegt. Für den Zürcher Fachverein Ökonomie (fvoec) ist Kopieren der Prüfungsfragen vom letzten Jahr «schlicht und einfach unprofessionell und faul».

«Die Studenten fühlen sich dadurch verunsichert», sagt Camille Lothe, Präsidentin der JSVP Kanton Zürich, die selbst an der BWL-Prüfung an der Uni Zürich war. «Eine Klärung der Rechtslage ist nötig», sagt Lothe. Auch Tobias Vögeli fordert Klarheit: «Es braucht ein Gerichtsurteil zur Frage des ‹Prüfungs-Recyclings›, welches die Rechtslage klärt.» Angesichts der Häufigkeit sei dies überfällig.

«Alle Prüfungen veröffentlichen»

Vögeli geht sogar noch weiter: «Um Ungerechtigkeiten bei der Prüfungsvorbereitung zu verhindern, plädieren wir zudem dafür, dass sämtliche Prüfungen, die ohnehin zirkulieren, veröffentlicht werden. So haben alle den gleichen Vorteil.» Dies hält auch Lothe für eine gute Idee: «Einzelne Professoren tun dies bereits jetzt schon regelmässig. So kann man sich ausgezeichnet vorbereiten und es ist für alle fair.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Razzil am 06.06.2018 12:08 Report Diesen Beitrag melden

    Faulheit

    Wenn man im nächsten Jahr wieder dieselbe Prüfung vorsetzt ist man nichts anderes als faul. Als Student macht es Sinn die alten Prüfungen zu studieren um den Schwierigkeitsgrad und auch die Art der Fragen zu evaluieren. Jeder Dozent legt auf andere Punkte wert und die Art der Fragen kann von Dozent zu Dozent stark variieren. Vor allem ist es aber nicht in Ordnung aus Faulheit der Dozenten die Studenten zu bestrafen.

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  • muli am 06.06.2018 12:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Professoren sind Schuld

    Das zeigt eigentlich nur wie Faul Professoren sind. Aber wenn es darum geht 20k im Monat abzustauben mit minimal Aufwand, ja dann sind sie die ersten.

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  • Pezi am 06.06.2018 12:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lernen muss man sowieso

    Lernen muss man ja sowieso.Wenn die Fragen beantwortet werden können, ist ja das Ziel Wissen zu erlangen erreicht. Und das viele Lehrpersonen etwas faul sind ist ja bekannt. Wünsche allen viel Glück für ihre Prüfungen!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Misch1989 am 07.06.2018 14:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Faule Studenten und so...

    Wir hatten im MASTER-Studium einen Prof,der seit X Jahren immer die gleichen 4 Fragen stellt...fragt sich nur wann er es Leid ist ständig die gleichen Antworten zu lesen...ach und die Vorlesung dazu war nur interessant,weil er auch die Rechtschreibfehler auf den uralten FOLIEN (ja die aus Plastik!) nur mit Filzstift korrigierte...fremdschäm!

  • Berner Bär am 07.06.2018 08:32 Report Diesen Beitrag melden

    Wiederverwertung üblich

    Wir bekamen während des Gymnasiums (1985 - 1990) auch schon mal Proben vorgesetzt, die noch das Datum "24.10.1977" aufwiesen... Der Lehrer hat sich immer über den guten Klassendurchschnitt gefreut! Dass solches auch an Hochschulen offensichtlich System hat, hat während des BWL/VWL-Studiums ein Referent erzählt: Es gebe nicht wenige Lehrbeauftragte, die verwendeten die Reserveprüfung im Folgesemester als "scharfe Prüfung". Dies "querbeet" durch alle Fakultäten! Nach dem Lösen seiner Ersatzprüfung, erklärte er uns, dass wir nun sicher sein könnten, dass diese Fragen nicht kämen...

  • Pandora am 07.06.2018 07:36 Report Diesen Beitrag melden

    Musik

    Wir hatten eine faule Musiklehrerin, die jedes Jahr identische Prüfungen hatte. Selbst Kids, die null Ahnung hatten und keine Noten hatten, schrieben -6er. Ich hatte das Ergebnis mal vorbereitet im Block, musste nur die Reihenfolge ändern.

  • Momo am 07.06.2018 07:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hie und da

    2000, zweitletztes Gymijahr, hat uns ein Lehrer eine Prüfung vorgelegt, datiert von 1977. Na wenn man so faul ist dass man nicht mal das Datum ändert, von den Fragen ganz zu schweigen, dann weiss ich also auch nicht... Jänu, war die Ausnahme und nicht die Regel, gabs auch vor den Zeiten des bösen (Massen-)Internets - ausser dass wir ältere Schulkameraden noch fragen mussten und nicht einfach kurz online gehen konnten.

  • Check the Checkers am 07.06.2018 06:54 Report Diesen Beitrag melden

    Pro mündliche Prüfungen

    Na ja. Wenn die Professoren nicht mehr fähig sind, mündliche Prüfungen durchzuführen, weil ihre eigenen Sachkenntnisse sehr limitiert sind, dann ist es keine Überraschung, dass recyclierte Prüfungsfragen aufgetischt werden.

    • Der Wegfälscher am 07.06.2018 14:34 Report Diesen Beitrag melden

      Falscher Weg

      Richtig! Ist mir auch schon aufgefallen. Das Niveau der Dozenten wie auch das der Studis scheint in den letzten Jahren parallel gesunken zu sein. Habe auch schon mehrfach gelesen, dass das Niveau bewusst herabgesetzt wird, damit auch der letzte Doofi z.B. Gender-"wissenschaft" studieren kann. Was kommt raus? Viel zuviel "Studierte" die man nicht brauchen kann und viel zu viel Handwerkslehrlinge die fehlen.

    • Dr Waggis am 07.06.2018 18:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Der Wegfälscher

      Genau meine Rede. Dazu kommt noch, dass massenhaft unbegabte Schüler, mithilfe von Ritalin & Co und Nachilfelehrern durch das Gymi geprügelt werden. Mit der Konsequenz, dass diese dann einem vielleicht begabteren Schüler an der Uni den Platz wegschnappen, nur um dann mit dreissig ohne Abschluss und völlig demotiviert, den RAV- Mitarbeitern auf die Nerven zu gehen.

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