Grosses Leuthard-­Interview

17. Februar 2010 23:20; Akt: 17.02.2010 22:52 Print

«Anwälte für Tiere – das geht zu weit»

von Désirée Pomper/Irène Languin - Bundespräsidentin Doris Leuthard erklärt, warum sie den Tieranwalt überflüssig findet, gerne ein Delfin wäre und die Schweiz noch immer auf sich stolz sein darf.

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Frau Leuthard, was für ein Tier wären Sie gerne und würden Sie sich von einem Tieranwalt verteidigen lassen wollen?
Ich wäre gerne ein freiheitsliebendes Tier, zum Beispiel ein Delfin. Weil ich schneller wäre als ein Fischerboot, könnte ich mich dank grossem Spielraum selbst in Sicherheit bringen und bräuchte keinen Tieranwalt.

Was aber, wenn das Fischerboot doch schneller wäre als Sie?
Der Tieranwalt käme erst ins Spiel, wenn ich bereits verletzt in der Tierklinik liegen würde. Das ist das Problem des Tieranwalts: Er kommt, wenn überhaupt, nur zur Schadensbehebung.

Sie halten den Tieranwalt also für völlig überflüssig?
Im Strassenverkehr streben wir an, dass es möglichst wenig Unfälle gibt. Dieses Ziel erreicht man nicht, indem man die Zahl der Anwälte erhöht, sondern indem man in Ausbildung, Information und Prävention investiert. Beim Tierschutz ist es nicht anders. Wir gehen zudem davon aus, dass Tierschutzstraffälle oft bei Heimtieren begangen werden. Aber in einen Privathaushalt kann sich auch ein Tierschutzanwalt nicht einfach Zugang verschaffen. Und deshalb setzen wir da ganz besonders auf Information und Prävention bei den Tierhaltern.

Haben Sie selbst Haustiere?
Früher hatte ich Hasen, Katzen und Meerschweinchen. In meiner jetzigen Lebenssituation könnte ich einem Haustier kein artgerechtes Umfeld bieten.

Beim Zürcher Tieranwalt An­toine Goetschel steht auf dem Bürotisch eine Waage, in der Mensch und Tier im Gleichgewicht stehen. Was halten Sie davon, dass Tiere den Menschen gleichgestellt werden?
Tiere sind vertraute Gefährten. Besonders in kinderlosen Haushalten oder für ältere, manchmal einsame Menschen können sie zu eigentlichen Sozialpartnern werden. Mit dem strengen Tierschutzgesetz, das 2008 eingeführt wurde, werden Tiere gut geschützt. Als Lebewesen verdienen sie das. Wir müssen uns aber davor hüten, Tiere mit Menschen gleichzusetzen. Die zentrale Frage am 7. März ist, wie weit wir gehen wollen: Weil Menschen Anwälte nehmen können, sollen wir dies auch Tieren zwingend zugestehen? Ich denke, wir würden da zu weit gehen.

Themawechsel: Zurzeit führt die halbe westliche Welt einen Wirtschaftskrieg gegen die Schweiz. Das Bedürfnis in der Bevölkerung nach einer effektiven Verteidigung wächst von Tag zu Tag. Wann wird der Bundesrat diesbezüglich ein starkes Zeichen setzen?
In einer Finanzkrise, wo viele Staatskassen leer sind, ist es verständlich, dass die Finanzminister darauf bestehen, dass korrekt deklariert und versteuert wird. Die Schweiz hat im März 2009 beschlossen, ausländischen Staaten künftig auch bei Steuerhinterziehung gemäss dem OECD-Standard Amtshilfe zu leisten. Seither haben wir mit über einem Dutzend Staaten die Doppelbesteuerungsabkommen modifiziert. Die Schweiz steht zu diesem Angebot und dieser Strategie. Ausserdem wird der Bundesrat in Kürze über die künftige Positionierung unseres Finanzplatzes Klarheit schaffen.

In der Datenklau-Affäre droht Deutschland sich vom Rechts­staat zu verabschieden. Was halten Sie vom Vergeltungs-Vorschlag, Bankdaten deutscher Politiker offenzulegen?
Ich stelle fest, dass die Meinungen in Deutschland bezüglich der Frage, ob man gestohlene Daten erwerben soll, stark auseinandergehen. Wir haben erreicht, dass über das Öffnen dieser Pandora-Büchse heftig diskutiert wird. Ich bin überzeugt, dass wir mit Deutschland bald eine Lösung finden werden. Retorsionsmassnahmen bringen uns nicht weiter. Wir müssen auch mit Deutschland auf Kooperation setzen. Das war auch mein Hauptanliegen im Telefongespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Das Image der Schweiz hat in den letzten Monaten extrem gelitten. Was unternehmen Sie dagegen?
Die Schweiz hat tatsächlich ein wenig von ihrem guten Ruf eingebüsst. Deshalb werde ich dieses Jahr besonderen Wert darauf legen, die bestehenden Netzwerke und Kontakte, insbesondere mit unseren Nachbarn, zu pflegen und neue Beziehungen auf Regierungsebene zu knüpfen. Der Standort Schweiz ist und bleibt stark. Der Bundesrat hat den politischen Willen und auch Lösungsvorschläge, um die Prob­leme betreffend unversteuerter Gelder aus dem Ausland zu lösen. Lassen wir uns also nicht entmutigen. Es gibt genügend Gründe, um auf unser Land stolz zu sein.