Teilzeit-Männer erzählen

12. November 2012 09:29; Akt: 22.11.2012 11:44 Print

«Auf dem Spielplatz sah man mich schräg an»

von J. Pfister - Dank Stellenbörse und Kampagne soll die Zahl der Teilzeit arbeitenden Männer auf 20 Prozent steigen. Drei Männer, die diesen Schritt bereits gemacht haben, berichten über Vor- und Nachteile.

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Männer mit ihren Kindern auf dem Spielplatz - noch nicht überall ist dieser Anblick normal.

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Vor rund zwei Jahren hat Beat Lüthi zusammen mit seiner Frau den Entscheid gefasst, Teilzeit-Mann zu werden. «Hauptgrund waren unsere beiden Mädchen, die ich wegen meines 100-Prozent-Jobs einfach viel zu wenig gesehen habe.» Drei Tage die Woche kümmerte sich seine Frau um die damals drei und fünf Jahre alten Kinder, die anderen zwei Tage waren sie in der Krippe oder im Hort. «Für uns beide war klar, dass wir die Erziehungsarbeit besser aufteilen wollten», sagt der 41-Jährige.

Vor dem Gang zu seinem Chef hatte der Maschineningenieur, der ETH arbeitet, kein Knieschlottern. «Ich wusste, dass er gegenüber Teilzeit-Arbeit offen eingestellt ist.» Der Antrag für eine Reduktion auf 80 Prozent sei dann auch anstandslos gutgeheissen worden. Weniger verständnisvoll als sein Vorgesetzter zeigten sich Lüthis internationale Forscherkollegen. «Ob mit Kindern oder nicht - ein Teilzeitjob in diesem Beruf ist für sie völlig absurd.»

Lüthi glaubt dennoch nicht, dass seine Karriere unter dem «Papi-Tag» gelitten hat. Zu sagen, dass er durch den Austausch mit den Kindern ein besserer Mitarbeiter geworden wäre, hält er allerdings für übertrieben. «Man darf die Teilzeit-Arbeit nicht romantisieren», so der 41-Jährige. Ein Gewinn sei die zusätzliche Zeit vor allem für die Kinder, die oft gar kein grosses Programm wie Zoo-Besuche oder Ähnliches verlangen würden, sondern es einfach geniessen, wenn sie mit dem Papi zu Hause spielen können.

«Wenn Kinder umfielen, wollten sie zu Mami»

Im Gegensatz zu Lüthi ist Jürg Wiler überzeugt, dass er von seinem Engagement als Teilzeit-Vater im Job profitieren konnte. «Ich habe meine Kompetenzen erweitert, bin flexibler als früher und weiss, was gute Organisation bedeutet», sagt Wiler, der als Journalist neun Jahre lang die Kinderbetreuung 50 zu 50 mit seiner Partnerin teilte. Selbst ein ehemaliger Chef habe ihm nach anfänglicher Zurückhaltung ins Arbeitszeugnis geschrieben: «Trotz Teilzeitanstellung die volle Leistung erbracht.»

Mehr Probleme als die Karriere, die für den heute 50-Jährigen sowieso nie im Vordergrund stand, bereitete Wiler aber anfangs die Beziehung zu den Kindern. «Ich habe ziemlich spontan auf den Wunsch meiner Partnerin nach einer geteilten Betreuung Ja gesagt, aber erst nachher realisiert, was dies eigentlich bedeutet.» So habe es über ein Jahr gedauert, bis er von seinen Kindern - die Tochter ist heute 15 und der Sohn 12 Jahre alt - überhaupt als vollwertige Betreuungsperson akzeptiert wurde. «Wenn zum Beispiel eines der beiden Kinder umfiel oder sonst ein Problem hatte, rief es zuerst immer nach dem Mami. Das war für mich nicht einfach.»

«Im Alltag oft alleine»

Als schwierig erlebte Wiler auch den Alltag als Teilzeit-Papi an seinem ehemaligen Wohnort am rechten Zürichseeufer. «Hier lebten damals nicht viele Hausmänner, und so fühlte ich mich im Alltag oft alleine.» Auf dem Spielplatz sei er als einziger Mann von den Frauen schräg angeschaut worden. Die Situation änderte sich, als die Familie ins urbanere Uster zog, wo sie heute immer noch lebt. «Hier gibt es viele Väter mit Teilzeitpensen in meiner Situation, mit denen ich zusammenspannen kann.»

Trotz einiger Hürden: Wiler, der heute nur noch einen Tag zu Hause bei den Kindern im Teenager-Alter verbringt, hat seine Entscheidung keinen Moment bereut. «Das Zusammensein mit meinen Kindern hat mir nicht nur mehr Erfahrungen gebracht, sondern auch eine bessere Lebensqualität.»

«Meine Frau hat sofort etwas gefunden»

Doch nicht alle Männer können sich diesen Wunsch nach einer besseren Lebensqualität erfüllen. Der 28-jährige Metzger Dominik Neuhaus hätte nur zu gerne Teilzeit gearbeitet, um sich daneben noch um seine dreieinhalb Jahre alte Tochter zu kümmern. Nach einem Burnout war der junge Vater für knapp ein Jahr Vollzeit-Hausmann. Dafür ging seine Frau wieder arbeiten. «Ich und meine Tochter haben das super gemeistert und für mich war schnell klar, dass ich mich künftig mehr an der Erziehung beteiligen wollte.»

Daraus wurde aber nichts. Neuhaus konnte trotz intensiver Suche - rund 40 Bewerbungen in drei Monaten - nichts finden. «Es ist schon erstaunlich: Meine Frau arbeitet in der gleichen Branche und hat sofort wieder eine Teilzeit-Anstellung gefunden», sagt der 28-Jährige, der im Kanton Freiburg wohnt. Beim Arbeitsamt habe man ihm empfohlen, seine Pläne mit der Teilzeit-Arbeit zu überdenken - sie erschwere ihm die Jobsuche, hiess es.

Und prompt: Bei der ersten 100-Prozent-Stelle, auf die sich Neuhaus beworben hatte, konnte er sich vorstellen. «Da meine Mutter nun noch auf die Kleine aufpassen kann, habe ich mich schweren Herzens für diesen Schritt entschieden», sagt Neuhaus. Seinen Wunsch, die Tochter mehr zu betreuen, hat er aber noch nicht aufgegeben. «Ich hoffe, die Gesellschaft ist bald so weit, dass auch Männer, die Teilzeit arbeiten, weitgehend akzeptiert sind.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Roman am 12.11.2012 10:23 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht erreichbar

    Wir arbeiten öfters mit Ämtern zusammen, auf denen die meisten Personen nicht 100% arbeiten. Es ist zum Teil äusserst mühsam, da meistens der Stv. nicht Bescheid weiss..Klar..ein organisatiorisches Problem. Aber trotzdem mühsam.

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  • M.B. von B. am 12.11.2012 17:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    es funktioniert

    Ich kann nur allen, für die es möglich ist, empfehlen Teilzeit zu arbeiten oder mittels flexiblem Arbeitsmodell 1 und mehr Tage die Kinder zu Betreuen. Selber arbeite ich 100% bin aber regelmässig an min. 1 Tag pro Woche für unsere 3 Töchter da. Nein ich bin kein Vielarbeiter oder Burnout gefährdet; die Jahresarbeitszeit und Flexibilität des Arbeitgebers und meiner betreuten Kunden ermöglicht eine Verteilung der Arbeitszeit sowie Homeoffice wenn die Kinder im Kindergarten, Spielgruppe sind.

  • Vater Rolli am 12.11.2012 16:37 Report Diesen Beitrag melden

    Vater

    Es ist wichtig das wir Männer mehr Einfluss auf die Erziehung nehmen. Bis anhin war das grösstenteils die Aufgabe der Mütter, was mitunter der Grund ist das die heutigen Männer wenig selbstbewusst sind und von den emanzipierten Frauen überrannt werden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mike am 13.11.2012 19:58 Report Diesen Beitrag melden

    Kultur

    Hatte im Juli 2012 Unter der Woche paar Tage frei (Überzeit kompensieren) und wurde im Coop von einer Hausfrau gefragt, wieso ich nicht arbeite.

  • D Addy am 13.11.2012 13:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Daddy

    Ich finde das super und edel von den Frauen, dass sie mit Nachdruck die schöne Zeit mit ihren Kindern aufgeben wollen und ihren Männern die Zeit daheim gönnen, während sie in einem Betrieb arbeiten gehen!! Das muss doch auch mal gesagt sein, sonst sind die typischen Frauenanliegen meist nur fordernd und von teils zweifelhaften Vorwürfen geprägt aber in diesem Punkt geht es doch wirklich um das Wohl des Kindes, schön!

  • JR JR am 13.11.2012 10:10 Report Diesen Beitrag melden

    Und wenn beide arbeiten wollen?

    Damit das Geld da ist für eine Entlastung (Putzfrau, Au Pair, etc.) Die Zeit die sich dadurch einsparen lässt ist ideal um sie mit der "Familie" zu verbringen. Und man ist gleich noch weniger gestresst ... Ich für meinen Teil hasse Hausarbeit genauso wie mein Partner.

  • sascha am 13.11.2012 09:35 Report Diesen Beitrag melden

    Aber HALLOO

    Was soll den dass? Es tön so als ob ma ein schlechter Vater wäre wenn man 100% arbeitet! Ich habe 3 Kinder und verbringe jede freie minute mit Ihnen. Ich finde es super wenn man nach einem Arbeitstag nach hause gehen kann und mit freuden empfangen wird.

  • Marcel am 13.11.2012 09:21 Report Diesen Beitrag melden

    Krank

    Früher ging der eine Elternteil arbeiten, der andere kümmerte sich um das Nest und das Kochen. Heute müssen aufgrund der tiefen Löhne in der Schweiz beide Elternteile arbeiten gehen und sich danach noch um die Nahrungsbeschaffung und das Nest kümmern. Wie traurig.

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