Kritik an Kultursubventionen

23. September 2014 06:05; Akt: 23.09.2014 06:05 Print

«Bald mehr Filmemacher als Zuschauer»

von J. Büchi - Die radikal-liberale Kleinpartei up! will die staatliche Kulturförderung in der Schweiz abschaffen. Dafür gibts Applaus aus der SVP. Vertreter anderer Parteien schütteln den Kopf.

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Am Wochenende erhielt der Freiburger Musiker Franz Treichler in Lausanne den ersten Grand Prix Musik – dotiert mit 100'000 Franken. Die Auszeichnung ist nur ein kleiner Posten im Kulturförderungs-Budget des Bundesamts für Kultur (BAK). In den Jahren 2016 bis 2019 will der zuständige Bundesrat Alain Berset (SP) 895 Millionen Franken für die Förderung von Kultur ausgeben – das sind 112 Millionen Franken mehr als in der laufenden Budgetperiode.

Ginge es nach dem Willen der Unabhängigkeitspartei up!, würden diese Gelder komplett gestrichen. Die erst im Juni gegründete liberale Kleinpartei hat den Bund im Rahmen des Vernehmlassungsverfahrens dazu aufgefordert, sich gänzlich aus der Kultur zurückzuziehen. Co-Präsident Simon Scherrer bezeichnet das heutige System als absurd: «Der Staat finanziert die Kultur mit Steuergeldern der Bürger. Es wäre doch viel sinnvoller, die Leute würden ihr Geld direkt für die Kulturangebote ausgeben, die sie interessieren.»

«Rot-grüner Filz»

So würde Kunst gefördert, die den Bürgern auch wirklich entspricht, ist Scherrer überzeugt. Zudem hätten die Kulturschaffenden bei privater Finanzierung einen stärkeren Anreiz, Überdurchschnittliches zu leisten. «Wenn die Kunstschaffenden sowieso Geld vom Bund kommen, schlägt das auf die Motivation. Die Versuchung, bequem zu werden, ist gross.»

Zuspruch erhalten die Jungpolitiker von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli. Für ihn hat die Kulturförderung nur dort ihre Berechtigung, wo sie der Denkmalpflege dient. «Es ist unglaublich, was heute sonst alles mit diesen Geldern finanziert wird – vor allem im Bereich Film. Es gibt in der Schweiz ja bald mehr Filmemacher als Zuschauer!» Zudem sei die Kulturszene ein «grausames Biotop»: «Das ist ein rot-grüner Filz aus Kulturbürokraten, die sich gegenseitig Preise zuschachern.»

«Selbst Star-Regisseure gehen leer aus»

Für Matthias Aebischer, Präsident der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, entbehrt die Kritik jeglicher Grundlage. «Wenn ich am Eidgenössischen Jodlerfest bin, habe ich also nicht gerade das Gefühl, nur von Linken umgeben zu sein», meint er lakonisch. Die Forderungen einer noch kaum etablierten Kleinstpartei müssten mit Vorsicht beurteilt werden. «Dass unser Kultursystem so ausgestaltet ist, wie es ist, hat gute Gründe. Der Kulturaustausch ist für die Schweiz mit ihren 26 Kantonen und den vier verschiedenen Sprachregionen von grosser Wichtigkeit.»

Aebischer betont, kein Künstler bekomme einfach so Stipendien: «Nur ein kleiner Teil der jährlich eingereichten Gesuche wird vom Bund unterstützt – und dies erst nach akribischer Prüfung. Selbst Star-Regisseure gehen oft leer aus und müssen immer wieder für Unterstützung kämpfen.» Von Künstlern, die es sich auf Staatskosten gutgehen lassen, könne deshalb keine Rede sein.

Idee selbst dem Freisinn zu liberal

Wenig Verständnis für die Forderung nach einer Abschaffung der Kulturfinanzierung hat auch FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen – obwohl die Gründer von up! ursprünglich ebenfalls aus den Reihen der Jungfreisinnigen stammen. «Eine rein private Finanzierung von Kultur würde lediglich die Populärkultur fördern», ist er überzeugt.

Was den Umfang des Budgets betrifft, ist allerdings auch für ihn eine Schmerzgrenze überschritten: «895 Millionen sind zu viel, Bundesrat Berset richtet hier mit zu grosser Kelle an.» Insbesondere bei den vom BAK organisierten Preisverleihungen «könnte man Geld sparen, ohne dass es jemandem weh tut».

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Clever-Smart am 23.09.2014 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    Sonst keine Probleme

    Nur ein kleiner Teil der jährlich eingereichten Gesuche wird vom Bund unterstützt? Mit 890Mio? Hahaa.. Selten so gelacht! Aber macht ja nichts, denn wir haben in der Schweiz zum Glück keine Behinderten, ausgesteuerte Ü50 Arbeitslose, arme Rentner, Randständige ohne Wohnung, Alleinerziehende Mütter usw. die Unterstützung Brauchen.

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  • Thierry Gschwind am 23.09.2014 10:22 Report Diesen Beitrag melden

    Eigene Erfahrung

    Vor 10 Jahren habe ich an der ETH einen Filmkurs besucht. Der Dozent war eigentlich beruflich Dokumentarfilmer. Er hat mir auch ganz offen gesagt, dass für sein dazumal neustes Projekt 70'000 CHF bekommen hatte. Er brauche schliesslich Zeit, um den Film zu machen. Ich fragte, dann wieviele den Film sehen werden. Er meinte so etwa 100-200 Leute. Ich meinte, das wäre aber sehr wenig. Antwort: Die Filmfördrung bezahlen schliesslich filme, die sonst nicht gemacht würden. Die Zuschauerzahl wäre nicht wichtig.

  • Charlay62 am 23.09.2014 07:11 Report Diesen Beitrag melden

    immer diese Sozis wie auch immer

    Das sehe ich genau so, heute kann jede und jeder Kulturförderung beziehen auch wenn es der grösste Müll ist was produziert wird und das wirklich gute wird vergessen oder ignoriert.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Gottlieb Duttweiler am 25.09.2014 11:37 Report Diesen Beitrag melden

    perfekte Bigotterie

    perfekte Bigotterie! Kultur wird bewusst und unbewusst an jeder Ecke und fast in jeder Minute gratis konsumiert. Die "gratis downloads"-"gib mir gratis"- Generation scheint Ihre Philosophie vom Nehmen und nix geben letztendlich auf den Punkt zu bringen mit den radikal-liberalen. Eifersucht auf privilegierte Kulturschaffende kommt dann als letzte Zutat auch noch dazu. Also wenn schon, dann bitte konsequent: Hängt alle Bilder ab, wie beim calvinistischen Bildersturm vor 500 Jahren, löscht alle gratis downloads von Musik und Filmen, und zahlt bei Veranstaltungen und Museen zwischen 60 -200,-Fr .

  • Daniela Niederhauser am 24.09.2014 06:45 Report Diesen Beitrag melden

    Kulturschaffen

    Gibt es bitte etwas Ueberflüssigeres als Schweizer Film? Generell: bei all den Problemen, die wir hier in der Schweiz haben, ist jeder Rappen, welcher in etwelche Kultur-Projekte gesteckt wird, falsch investiertes Geld!

  • Hell S. am 23.09.2014 16:11 Report Diesen Beitrag melden

    Scheinheilig

    Wenn man für Kunstprojekte, von der Bank so einfach Kredite gesprochen bekäme, wie für Wohneigentum, ja dann bräuchte es wohl keine Förderung mehr. Wer wird Für die nachgeschmissenen Hypokredite schlussendlich den Preis bezahlen? Wir haben definitiv größere Probleme zu lösen als die Kunstförderung ;)

  • Thomas Binder am 23.09.2014 15:35 Report Diesen Beitrag melden

    Stupido ergo sum!

    Wer nichts verstehen will fürchtet denjenigen, der ihm etwas erklären kann.

    • globi am 24.09.2014 13:13 Report Diesen Beitrag melden

      Auf diese Staatserklärer

      mit ihrer Umerziehungspropaganda kann ich verzichten.

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  • Jönu am 23.09.2014 13:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bescheuert 

    112 Millionen mehr in "Kultur" stecken, aber bei der Armee das Budget immer weiter kürzen...

    • Fabio am 23.09.2014 14:28 Report Diesen Beitrag melden

      Märchen

      Immer diese Märchen. Das Armeebudget wurde gerade um 300 Millionen pro Jahr erhöht! Zudem wird die Truppengrösse halbiert, wodurch das Budget pro AdA verdoppelt wird!

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