Eis go zieh mit...

24. September 2014 15:30; Akt: 21.08.2015 09:37 Print

«Bei Massenmord hört die Neutralität auf»

von D. Pomper - Vom Mäusefänger zum SVP-Nationalrat: Seit er ein Teenager ist, kämpft Lukas Reimann «für eine bessere Schweiz». Zu Unrecht werde er dabei in die rechtskonservative Ecke gestellt.

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Reimann sagt, er sei manchmal überrascht, wie schlecht das Image der SVP sei. (Bild: 20 Minuten/dp)

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Viele Jahre bevor Lukas Reimann auf Wählerfang ging, machte er Jagd auf Mäuse. Genauer gesagt seine Katze. Denn in der Gemeinde Herznach, in der er als Kind lebte, gab es für jeden abgetrennten Mäuseschwanz 50 Rappen. Da die Reimanns eine jagdfreudige Katze hatten, war das für die Kinder ein lukratives Geschäft. Mit dem Geld kauften sie sich Cola-Fröschli am Kiosk.

Lukas Reimann – der Politiker mit dem Lausbubengesicht – sitzt an diesem lauen Septemberabend auf der Terrasse des Kulturcasinos in Bern und erzählt Anekdoten wie diese (und einige andere, die bedauerlicherweise nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind). Selbst im adretten blauen Anzug haftet dem St. Galler SVP-Nationalrat etwas Schalkhaftes an.

Für das Treffen mit 20 Minuten hat er dreissig andere Einladungen ausgeschlagen, erzählt der gebürtige Aargauer. Etwa die von Chocolatier Suisse oder der Ruag. Solche Anlässe interessierten ihn nicht. «Ich bin nicht in der Politik, um VR-Mandate zu sammeln, sondern weil ich mich für unser Land einsetzen will.» Vielen seiner Parlamentskollegen dagegen – «vor allem aus den Mitteparteien» – gehe es nur um Macht und gute Geschäfte. Das erste von unzähligen Malen an diesem Abend haut Reimann mit der Faust auf den Tisch. Nicht laut, aber bestimmt.

Ein Anwalt für die Bürger

Als Kind wollte der St. Galler Eishockey-Spieler werden. Später dann Rechtsanwalt. Inspiriert hätten ihn die Bücher von John Grisham. Der kleine Anwalt, der es mit den Grossen aufnimmt. Reimann sieht sich als einer, der die Interessen der Bürger vertritt. Der ihnen hilft, sich im Rechtsstaat zurechtzufinden und durchzusetzen. Könnte er über sich selber eine Schlagzeile schreiben, würde sie lauten: «Lukas Reimann kämpft für Land und Leute». Noch hat er das Anwaltspatent nicht in der Tasche. Aber es komme gut, sagt er und zeigt seine Masternoten auf dem Smartphone: 5,5; 5,5; 6.

Dass es gut kommt, bezweifelt wohl keiner. Hat Reimann für sein Alter doch eine beachtliche Karriere hingelegt. Er war 15 Jahre alt, als er die JSVP St. Gallen ins Leben rief, 21, als er Kantonsrat wurde, 25, als er für die SVP in den Nationalrat kam. Der Sohn einer Psychiatriepflegerin und eines Generalsekretärs einer Universität war also schon in einem Alter rechts, in dem die meisten seiner Altersgenossen die Pace-Fahne schwangen und Che Guevara bewunderten. Er habe sich schon als Schüler über politische Entscheide in Bundesbern geärgert, sagt Reimann. Er habe aber rasch realisiert, dass es nichts bringe, sich aufzuregen. «Deshalb begann ich, mich politisch zu engagieren.» Wie sein Onkel Maximilian Reimann, seines Zeichens ebenfalls SVP-Nationalrat.

Von den Alba-Kings beschossen

Der junge Reimann gründete ein Jugendkomitee für eine bessere Armeereform sowie ein Jugendkomitee gegen die Bilateralen I, um die Zuwanderung zu bremsen. Als ein junger Ostschweizer von einem Ausländer abgestochen wurde, half Reimann eine Demo gegen Gewalt zu organisieren. «Ich habe hautnah miterlebt, was kriminelle Ausländer anrichten können.» Er erinnert sich an die Alba-Kings. Diese «Gruppe krimineller Albaner» lernte er kennen, als er als Teenager mit seiner Familie vom beschaulichen Fricktal im Kanton Aargau nach Wil St. Gallen zog.

Sie hätten die ganze Stadt terrorisiert, etwa indem sie aus dem Auto Plastikkügelchen auf Passanten schossen. Auch Reimann blieb nicht verschont. Die Gruppe war aber auch verantwortlich für Morde, Diebstähle, Drogenhandel, Erpressungen und Schutzgeldzahlungen. Als Gegenreaktion habe sich eine Gruppe formiert, die sich mit Baseballschlägern wehren wollte. «Ich aber war der Meinung, dass man solche Probleme politisch lösen sollte.»

Lukas Reimann ist nicht nur SVP-Nationalrat. Er ist auch Chef der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) und ehrenamtliches VR-Mitglied des Schweizerzeit-Verlags. Er kämpft für die direkte Demokratie, gegen fremde Richter und den EU-Beitritt und gegen eine Islamisierung der Schweiz. Laut Smartvote gehört er ins rechtskonservative Lager. Reimann selbst bezeichnet sich allerdings als national-libertär. «Solche Ratings verzerren und manipulieren die Realität.»

Überrascht über schlechtes Image der SVP

Dann sei er also nicht ausländerfeindlich? «Das ist Humbug!» Das Anti-Ausländer-Image der SVP störe ihn gewaltig («Ich bin manchmal überrascht, wie schlecht unser Image ist»). Viele glaubten, die Partei sei pauschal gegen alle Ausländer. Dabei differenziere sie zwischen kriminellen und nicht-kriminellen, arbeitenden und arbeitslosen Ausländern. «Wir sind auch nicht gegen Menschenrechte, nur weil wir nur am zwingenden Völkerrecht festhalten!» Hätte die SVP das Image, das ihr tatsächlich entsprechen würde, dann wäre sie eine Fünfzig-Prozent-Partei.

Wer denn schuld sei an diesem Image – die bösen Medien? «Genau, nur die sind schuld!» Nicht doch vielleicht die falschen Leute an der Spitze? «Nein, die machen einen ausgezeichneten Job.» Die grössten Rassisten, die in diesem Land herumliefen, seien die radikalen Muslime. «Sie können die Ausrottung der Juden fordern, und niemand macht einen Mucks. Wenn ein SVP-Politiker so einen Spruch machen würde, wäre er auf jeder Titelseite.»

Schweiz soll Waffen gegen IS liefern

Lukas Reimann und die Muslime. Es ärgert ihn zwar, auf dieses Thema reduziert zu werden («Von meinen 150 Vorstössen geht es nur bei zweien um den Islam!»). Auch will er nicht als religiöser Fanatiker dargestellt werden («Ja, ich glaube an Gott und bin katholisch. Aber ich bin kein Kirchengänger und bin auch kein Fan der katholischen Kirche.»). Und doch bewegt es ihn in Anbetracht der Gräueltaten der Terrororganisation Islamischer Staat IS mehr denn je.

Vor einigen Wochen nahm er «als einziger Schweizer Politiker» in Zürich an einer Demo teil. Damit bekundete er seine Solidarität gegenüber den verfolgten Jesiden und Aramäern. «Wir lassen unsere Brüder und Schwestern im Stich. Stattdessen gewähren wir Muslimen Asyl, die dort unten an der Macht sind und die finanziellen Mittel haben, Schlepper zu bezahlen.»

Indem die Schweiz «diese Pseudo-Flüchtlinge» ins Land hole, begehe sie Selbstmord. Rein gar nichts mache die Schweiz für die verfolgten Minderheiten. «Wir sollten Nahrungsmittel, Kleider und Medikamente runterschicken. Und Waffen.» Und was ist mit der Schweizer Neutralität? «Gegenüber Massenmördern gibt es keine Neutralität», sagt Reimann. Er lehnt sich zurück. Die dritte Runde wird bestellt. Nochmals nimmt er sein Smartphone hervor und zeigt ein Foto eines Plakates des Freiheitsdenkers Roland Baader, das bei ihm zu Hause in der Wohnung hängt. «Das einzige wahre Menschenrecht ist das Menschenrecht, in Ruhe gelassen zu werden.» Würden sich alle daran halten, dann wäre die Welt eine bessere, sagt Reimann.

Der Abend neigt sich dem Ende zu. Lukas Reimann steckt sich einen Snus-Beutel zwischen Zahnfleisch und Oberlippe. «Seit ich snuse, bin ich viel fitter.» Er werde jetzt noch zwei, drei Stunden arbeiten. E-Mails checken, Voten für morgen vorbereiten, Anlässe organisieren. Er verabschiedet sich freundlich. Schalk in den Augen. Dann verschwindet er zur späten Stunde ins dunkle Bundeshaus.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Walti, Bern am 24.09.2014 15:38 Report Diesen Beitrag melden

    Top!

    Mit diesem Mann bin ich einig! Es braucht mehr solch engagierte, junge, willensstarke Politiker wie Lukas Reimann

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  • dma am 24.09.2014 16:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Lukas Reimann, mein absolutes Vorbild. Ein Mann mit Charakter. (bin 17)

  • buffy am 24.09.2014 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    erfrischend - so sollte es sein

    ich kenne lukas reimann aus verschiedenen mails, die zwischen uns hin und her gingen. ein spannender typ, mit gesunden und intelligenten ansichten. mit seiner erfrischenden und kompetenten art sticht er politiker anderer parteien bei weitem aus. lukas reimann ist der einzige politiker, der meine mailanfragen beantwortet - weder cvp-, fdp-, sp-, juso- noch andere "bekannte" politiker nehmen sich dafür zeit. da könnte ich unzählige beispiele und namen nennen... aber volksvertreter haben ja auch wichtige aufgaben - vorsorgen für die aktuelle karriere und jene nach der politik.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Steffen Kruse am 25.09.2014 14:47 Report Diesen Beitrag melden

    volksnah

    Sehr überzeugender und authentischer Mann, der noch auf die Stimme des Volkes hört!

  • P. Buchegger am 25.09.2014 13:42 Report Diesen Beitrag melden

    googeln Sie"smartvote"+dort LukasReimann

    Wenn Sie "smartvote" googeln und dort den Namen Lukas Reimann eingeben, dann erscheint er genau in der rechtskonservativen Ecke (rechts unten in den Koordinaten), wo er sich angeblich überhaupt nicht sieht. Ja, die Kluft zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung kann ganz beträchtlich sein (Verdrängung).

    • Pete am 25.09.2014 17:35 Report Diesen Beitrag melden

      @P. Buchegger

      Gesagt, getan. Was der Mann fürAntworten & Begründungen abgegeben hat, einfach zum schiessen. Herzlichen Dank für den Feierabendlacher ;)

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  • xmen am 25.09.2014 13:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein echt toller

    Typ. Ob in politischen Fragen oder auch Privat. Da könnten viele Politiker sich eine Scheibe abschneiden

  • Berner Bär am 25.09.2014 10:57 Report Diesen Beitrag melden

    Da hat Lukas Reimann recht

    Wenn ein SVP-Mitglied oder ein der SVP nahestehender Mitbürger etwas zwitschert oder auf Facebook stellt, was er / sie besser für sich behalten hätte, dann kann er / sie sich der medialen Empörung sicher sein. Zwitschert hingegen eine ranghohe JUSO-Exponentin, dass man ihre politischen Gegner in "Internierungslager" stecken sollte, kann sie sich sicher sein, dass der mediale Aufschrei ausbleibt. Ebenso, wenn der JUSO-Parteipräsident die SVP mit islamischen Terroristen gleichstellt.

  • chris am 25.09.2014 10:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    naja

    wer nicht merkt dass die svp rechts ist merkt auch nicht dass die sp links ist! ausländerfeindlichkeit ist immer schon gut angekommen in wirtschaftlich nicht so risigen zeiten jennt man ja aus der geschichte.. und die mei hat gezeigt dass es keine differenzierung gibt zwischen kriminell oder normal aber ebben die leute checken ja eh nicht mehr viel und lassen sich einlullen von politikern ,experten etc. und es ist doch immer gut wen andere schuld sind und man selbst nicht kennt..doch jeder der über genügend grips zur selbstreflexion verfügt.. aber naja links rechts mitte christlich liberal alles nur schein es geht immer um dä stutz basta :)