Beraterin von Pro Juventute

19. Juni 2018 13:06; Akt: 20.06.2018 09:39 Print

«Bei Suizid gibt es auch schlechte Geheimnisse»

Eine Beraterin von Pro Juventute erzählt, wie sie suizidgefährdeten Jugendlichen hilft und was deren Freunde tun können.

Ilyas erzählt, wie er einem suizidalen Freund helfen konnte.
Zum Thema
Fehler gesehen?

Bei Eveline Männel Fretz melden sich regelmässig Jugendliche, deren Freunde Suizid ankündigen. Sie ist Beraterin bei Pro Juventute und hilft Jugendlichen im Chat oder telefonisch. «An der Stimme merke ich sofort, wie ernst die Situation ist», sagt sie. «Manche sagen nichts und weinen erst nur.»

In einer Nachtschicht hatte Männel Fretz vor kurzem ein Mädchen am Telefon, dessen Freundin nach geäusserten Suizidabsichten plötzlich nicht mehr erreichbar war. «Ich habe mit ihr über ihr eigenes Befinden gesprochen. Das macht einen grossen Anteil der Beratung aus.» In so einer Situation sei es wichtig, Erwachsene beizuziehen. In diesem Fall versuchte Männel Fretz, das Mädchen dazu zu bringen, mit den Eltern der gefährdeten Kollegin Kontakt aufzunehmen. «Erst wollte sie das nicht. Der Gedanke, das mit den Eltern zusammen durchstehen zu können, half ihr dann aber.»

«Blickwinkel wieder öffnen»

Viele Jugendliche kämen erst gar nicht auf diese Idee, weil sie einen Tunnelblick hätten und die Not der Freunde sozusagen übernehmen. «Dann helfen wir, den Blickwinkel wieder zu öffnen», sagt Männel Fretz.

Die Zahl der Jugendlichen, die wegen Suizidandrohungen anrufen, habe sich in den letzten Jahren erhöht. «Die Alltagssituation von Jugendlichen ist komplexer geworden», sagt Beraterin Männel Fretz. Oft käme bei Jugendlichen einiges zusammen: eine tiefe Prüfungsnote, ein schlechtes Verhältnis zu den Eltern oder der Freund, der Schluss macht. «Für Betroffene ist es dann wichtig, nicht allein zu bleiben, sondern den Kontakt zu Freunden und vertrauten Erwachsenen zu suchen und sich abzulenken.»

«Strategien für die nächsten Tage finden»

Bei Männel Fretz rufen auch Jugendliche an, die selbst Suizid begehen wollen. «Dann ist es gut, den Mut zu haben, direkt ins Thema einzusteigen. Behutsames bringt in dieser Situation nichts. Für die Betroffenen ist das eine Entlastung.» In ihrer Arbeit gehe es erst darum, einen vertrauensvollen Kontakt aufzubauen.

Ein junger Mann wandte sich telefonisch an Männel Fretz, weil er Liebeskummer hatte und Suizid begehen wollte. «Ich sagte ihm, dass wir Zeit haben und dass ich ihm zuhöre. In einer zweiten Phase ging es darum, ihm zu helfen, Strategien für die nächsten Stunden und Tage zu finden.»

Hilfe von Erwachsenen ist zentral

Gerade bei Liebeskummer helfe die Information, dass der Schmerz mit der Zeit abnehme. Ab und an komme es auch vor, dass sie eine Krisenintervention etwa mit der Polizei auslösen müsse. Wenn Freunde von suizidgefährdeten Jugendlichen um Hilfe ersuchten, sei das aber seltener der Fall. «Die Jugendlichen sind sehr aufmerksam und merken schnell, wenn es ihren Freunden schlecht geht», sagt Männel Fretz.

Viele Ratsuchende getrauten sich erst nicht, Erwachsene miteinzubeziehen. «Sie befürchten, dass die Freunde dann wütend auf sie sind.» In vielen Situationen hätten die Jugendlichen nämlich versprochen, nichts zu sagen – ein Versprechen, das vielen heilig sei. «Es gibt aber auch schlechte Geheimnisse. Hilfe zu holen und sich in einer solchen Situation Erwachsenen anzuvertrauen, ist zentral.»

(ehs)