SRG-Generaldirektor Marchand

29. Januar 2018 05:47; Akt: 29.01.2018 05:47 Print

«Grösse verbindet man bei uns schnell mit Arroganz»

von D. Pomper - Mehr eigene Serien und ein intensiver Dialog mit der Bevölkerung: SRG-Generaldirektor Gilles Marchand sagt, wohin er die SRG steuern möchte.

SRG-Generaldirektor Gilles Marchand sagt im Interview, wie er sich die Zukunft der SRG vorstellt – sollte die No-Billag-Initiative am 4. März abgelehnt werden.
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Herr Marchand, wenn eine Fee für Sie die perfekte SRG zaubern könnte: Wie sähe sie aus?
Stellen Sie sich vor, Sie erhalten jeden Morgen um sechs eine Nachricht auf ihr Handy mit Themen-Hinweisen, die Sie interessieren. Eine flexible SRG mit nach wie vor linearen Kanälen – daneben aber auch einem À-la-carte-Angebot mit personalisierten Empfehlungen für jeden Zuschauer. Eine nach wie vor unabhängige SRG in vier Landessprachen mit einer grossen Glaubwürdigkeit bei Nachrichten. Eine SRG, die mehr Mittel in Fiktion und Kultur investiert und das nationale Wir-Gefühl stärkt. Das wäre so ein Traum für die Zukunft.

«Grösse verbindet man schnell mit Arroganz»

Könnten Sie diesen Traum begraben, würde die No-Billag-Initiative am 4. März angenommen?
Definitiv. Unser Leistungsauftrag läuft noch bis Ende 2018. Danach käme der Liquidationsplan zum Zug. Tausende Mitarbeiter müssten entlassen werden und das Unternehmen würde liquidiert.

Das sehen die Initianten anders. Sie haben am letzten Donnerstag einen Plan B vorgestellt.
Es gibt keinen Plan B. Es ist unmöglich, nur mit Abonnenten oder mehr Werbung - den Leistungsauftrag zu erfüllen. Mit gravierenden Folgen: Mit der Abschaffung des Service public ginge nicht nur die SRG, sondern auch 34 private TV- und Radiostationen verloren, die alle einen wichtigen Teil zur schweizerischen Meinungsbildung beitragen.

Noch vor einem halben Jahr attestierten Beobachter der Initiative kaum Chancen. Nun ist die Ausgangslage nicht mehr so klar. Haben auch Sie die Initiative unterschätzt?
Nein, wir haben sie nicht unterschätzt. Uns war klar, dass die Debatte über den Service public emotional werden würde. Über 90 Prozent der Bevölkerung kommen wöchentlich mit unseren Programmen in Kontakt. Jeder hat etwas dazu zu sagen, jeder fühlt sich betroffen. Das ist auch richtig so. Schliesslich gehört die SRG den Bürgern.

Wer zuhört, spürt: In weiten Teilen der Bevölkerung gibt es einen gewissen Groll gegen die SRG. Hat sich das die SRG auch selbst zuzuschreiben?
Ich glaube, dieser Groll richtet sich nicht gegen unser Programm. Dieses wird geschätzt, wie auch die Zahlen zeigen. Die Kritik richtet sich vielmehr gegen das Unternehmen SRG. Es gibt Leute, die sich an der Grösse der SRG stören. Und Grösse verbindet man in der Schweiz schnell mit Arroganz.

Das arrogante Auftreten, das Kritiker der SRG vorwerfen, ist also in erster Linie ein Wahrnehmungsproblem – eine Art David-Komplex – einiger Bürger?
Es ist nicht gut, wenn uns die Bevölkerung als arrogant wahrnimmt. Das darf nicht sein. Deswegen werden wir uns den Zuschauerinnen und Zuschauern, den Zuhörerinnen und Zuhörern in Zukunft noch besser erklären müssen. Das Bild der arroganten SRG ist auch ein bisschen eine Legende. Wie David gegen Goliath eben. Vielleicht haben wir dieser Frage nach der Wahrnehmung in der Vergangenheit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Wie will die SRG ihre Beziehung zum Gebührenzahler in Zukunft verbessern?
Wir wollen das Publikum und seine Bedürfnisse noch besser spüren. Dafür müssen wir einen intensiveren Dialog führen.

Böse Zungen könnten behaupten, diese gelobte Besserung sei nach der Abstimmung schnell wieder vergessen.
Das Thema ist zu wichtig für irgendeine Art taktischer Spiele. Die SRG wird sich weiterentwickeln müssen, weil sie bis 2019 zig Millionen Franken einsparen muss. Dann gilt es, die sich verändernden, neuen Bedürfnisse der Öffentlichkeit abzuholen und umzusetzen. Dies wird wesentlich sein, wenn wir unsere Legitimität behalten wollen.

Der Unmut hat auch mit der Höhe der Billag-Gebühren zu tun. Bundesrätin Doris Leuthard hält es für denkbar, diese von 365 auf 300 Franken zu senken, wie sie gegenüber 20 Minuten sagte. Wie sehen Sie das?
Wir können nicht über die Höhe der Gebühr bestimmen, das ist Sache des Bundes. Wir werden mit jenem Budget arbeiten, das man uns zur Verfügung stellt, und versuchen, den Leistungsauftrag damit bestmöglich zu erfüllen.

Wir haben unsere Leser in einer gewichteten Umfrage gefragt, welche Veränderungen sie sich bei der SRG wünschen. Fast 90 Prozent der Bürger wollen, dass die SRG weiter besteht. Eine relative Mehrheit von 45 Prozent wünscht sich aber eine schlankere SRG mit einem kleineren Angebot. Werden Sie diesen Wunsch erfüllen?
Wir werden versuchen, das Programm möglichst nicht zu schwächen. Sobald man die Zuschauer fragt, worauf sie konkret verzichten möchten, wird es schwierig. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Ich hatte 2016 in der Westschweiz eine Sparrunde umzusetzen. Wir reduzierten zuerst die Verwaltungs- und Infrastrukturkosten. Als das nicht reichte, schlug ich vor, Gottesdienst-Übertragungen am Sonntag im TV zu reduzieren. Nur einen Monat später wurden 23'000 Unterschriften gegen dieses Vorhaben eingereicht. Sie sehen: Es ist nicht so einfach. Jeder würde etwas vermissen. Die SRG bedient mit ihrem Programm auch viele Nischen. Diese Nischen sind legitim und ihr Publikum ist sehr engagiert.

Anders gefragt: Wie viele der 17 Radio- und sieben Fernsehsender könnte man streichen um Kosten einzusparen?
Grösse ist im digitalen Zeitalter keine Frage mehr der Anzahl Kanäle. Die Produktion ist der wesentliche Kostenfaktor. Und es ist zu früh, heute schon über einzelne Sender zu sprechen.

Gegenüber der Zeitung «Le Temps» haben Sie angedeutet, dass sich die SRG pro Sprachregion und Medium auf einen Sender beschränken könnte.
Das war kein konkreter Plan, sondern eine langfristige Perspektive, wie ich Sie Ihnen hier im Interview eingangs geschildert habe. Wir müssen uns bewusst sein, dass der Service public in einer neuen digitalen Gesellschaft nicht genau gleich aussehen kann wie bisher.

Wie sehen denn die kurzfristige Sparbemühungen aus?
Wir sind daran, ein Sparprogramm im Umfang von mindestens 50 Millionen Franken aufzusetzen. Unser Programm soll dabei so wenig wie möglich leiden. Das heisst, Einsparungen sollen in den Bereichen Verwaltung, Infrastruktur und Distribution gemacht werden. Ein grosser Kostenfaktor ist – wie gesagt – die Produktion. Hier gilt es genau hinzuschauen: Wie viele Studios, Kameras und Zeit brauchen wir für wie viele Sendungen?

Und falls diese Einsparungen nicht ausreichen? 50 Millionen sind im Verhältnis zu den Einnahmen von 1,6 Milliarden Franken (Budget 2016) ja nicht gerade viel.
Falls dies nicht ausreicht, müssen wir uns auch das Programmangebot ansehen.

Könnte mittelfristig auch die Sparte Unterhaltung unter die Räder kommen?
Es kommt darauf an, was Sie mit Unterhaltung meinen.

Promi- und Quiz-Sendungen oder Serien beispielsweise.
Unterhaltung kann sehr vielschichtig sein. Bei der SRG muss sie sich von jener bei privaten Sendern unterscheiden, sollten insbesondere einen Schweiz-Aspekt haben. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass es schön wäre, noch mehr Serien mit Schweizer Aspekt wie «Wilder» oder «Private Banking» produzieren zu dürfen. Wir können die Schweizer Filmindustrie noch grösser machen.

Mit welchem Geld wollen Sie das Angebot ausbauen? Gerade selber produzierte Filme fallen finanziell ja ziemlich ins Gewicht.
Es ist tatsächlich viel teurer, eigene Serien zu produzieren als ausländische Serien einzukaufen. Eine internationale Serie kostet 100 Franken pro Minute. Eine in der Schweiz produzierte Serie etwa 12'000 Franken. Dazu brauchen wir Partner. Und wir müssen künftig noch besser abwägen, welche ausländischen Serien wir einkaufen. Wobei das Sparpotenzial hier aber klein ist.

Kritiker prangern das ungebremste Wachstum bei der SRG an.
Wir haben seit zehn Jahren keine neuen Kanäle mehr gegründet, haben sogar einen verkauft. Richtig ist, dass wir im Online-Bereich gewachsen sind. Wir müssen dort aber präsent sein, weil sich unser Publikum auch hier befindet.

Ihre Stellvertreterin Ladina Heimgartner sagte im «Club», es gebe Potenzial, um «abzuspecken». Sie sehen das nicht so?
Man kann immer noch effizienter werden. Jedes Unternehmen kann das. Aber nochmals: Wollen wir unsere Effizienz messen, müssen wir uns mit anderen öffentlichen Medienhäuser vergleichen. Die deutschen Sender arbeiten mit 9 Milliarden, die Franzosen mit 4 Milliarden, die Italiener mit 3 Milliarden – und alle bieten ihr Angebot in nur einer Sprache an. Dazu kommt: Die Fixkosten sind beim Fernsehen immer gleich gross, egal für wie viele Zuschauer man sendet. Die SRG arbeitet hier im Vergleich sehr effizient.

Sie haben angekündigt, die gemeinsame Vermarktungsfirma mit Swisscom und Ringier, Admeira, kritisch zu hinterfragen und die Zusammenarbeit mit Privaten zu verbessern. Heisst das, dass die SRG bereit ist, aus Admeira wieder auszusteigen?
Falsch, ich habe nicht Admeira kritisiert. Aber Ja, eine bessere Zusammenarbeit mit den privaten Medien wäre gut. Admeira wurde mit dem Ziel gegründet, die Vermarktung der Inhalte effizienter zu organisieren und durch neue Angebote die Abwanderung der Werbung auf ausländische digitale Plattformen zu bremsen. Diese strategische Haltung ist immer noch richtig, aber die Umsetzung ist schwierig. Deshalb ist die SRG offen, neue Lösungen sowohl für Admeira als auch für die Branche zu prüfen.

Kommen wir auf Ihren Job zu sprechen. In der erwähnten 20 Minuten-Umfrage wussten nur 35 Prozent der Befragten, wer SRG-Generaldirektor ist. Sind Sie zu wenig offensiv aufgetreten?
Ich bin in der Westschweiz sicher bekannter als in der Deutschschweiz. Aber ich sehe meinen Job auch eher hinter als vor der Kamera. Bekannt zu sein hat für mich keine Priorität.

Aber sollte nicht gerade in Krisenzeiten der SRG-Generaldirektor zuvorderst an der Front stehen und beim kritischen Gebührenzahler Vertrauen schaffen?
Ich bin sieben Tage die Woche im Einsatz seit Oktober. Und wir haben uns diese Aufgabe innerhalb des Führungsteams aufgeteilt. Ich glaube nicht, dass die SRG in der Öffentlichkeit nur durch eine einzige Person vertreten sein sollte.

In der gleichen Umfrage bezeichneten 60 Prozent der Befragten das Vertrauen in die SRG-Spitze als klein. Gibt Ihnen dieses Resultat zu denken?
Das Management eines Unternehmens muss bereit sein, Kritik zu akzeptieren. Vor allem, wenn dieses Unternehmen ein öffentliches Mandat hat. Als entscheidend erachte ich aber, auf die positiven Aspekte der öffentlichen Wahrnehmung zu fokussieren. Und ich bin deshalb sehr stolz darauf, dass unsere Programme allgemein sehr geschätzt werden. Daran arbeiten wir jeden Tag.
Wir befinden uns mitten in einem Erneuerungsprozess und sind mit der Abstimmung beschäftigt.

Sie sind studierter Soziologe. Inwiefern hilft ihnen dieser Hintergrund bei der Bewältigung der jetzigen Aufgabe?
Dieser Background hilft mir täglich die Bevölkerung besser zu verstehen und ihre Bedürfnisse zu spüren. Ich beobachte den Abstimmungskampf sicher mit anderen Augen als etwa ein Wirtschaftswissenschaftler.

Gibt es dennoch Momente, in denen Sie froh wären, Sie hätten Volkswirtschaftslehre an der HSG studiert, so wie Ihr Vorgänger Roger de Weck?
Ich bin Medienmacher durch und durch. Ich könnte tagelang über Programme und Inhalte diskutieren. Das ist meine Welt. Ob mein Background nun besser oder schlechter ist als ein anderer, kann ich nicht beurteilen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • peter am 29.01.2018 06:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja zu nobillag

    es muss sich was ändern und zwar massiv. der luxusladen muss abspecken! der einzige weg wie das geschehen wird ist bei einer annahme der initiative. mein JA steht fest.

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  • Der Fragende am 29.01.2018 05:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noch mehr eigene Serien..

    .. für die Zielgruppe Ü90? au weia...

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  • Butch am 29.01.2018 06:06 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch!

    Die Leute stören sich daran, dass sie so viele Beiträge bezahlen müssen, aber das Programm so dürftig ausfällt! Bei 3.7 Mio. Haushalten und ca. CHF 420.- pro Jahr, sind das ca. CHF 1.6 Mrd. welche die SRG einnimmt! Damit kann man mehr anstellen. Zudem ist die ach so tolle Billag saumässig frech.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Swizzi am 29.01.2018 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwätzer

    No Billag ja.

  • Swizzi am 29.01.2018 18:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stopp 20 Seconds

    Go for Watson.

  • Marco Freddy am 29.01.2018 17:45 Report Diesen Beitrag melden

    Billag

    Bin alleinerziehender Vater von zwei Kinder. Das Geld reicht uns knapp und Ferien können wir uns so oder so nicht leisten. Wenn sie entfällt kann ich mir mal vielleicht ein bescheidenes Wochenende irgendwo mit meine Kinder verbringen. Vor diesem Hintergrund kann mir noch jemand erklären wieso ich nein stimmen sollte? Ich werde JA stimmen, bis mir ein Logischer Grund dargelegt wird.

  • Philipp am 29.01.2018 17:21 Report Diesen Beitrag melden

    Wo ist das Problem?

    Lasst die Sendungen doch im Ausland produzieren. Bei Kleidern, Schuhen und Elektronik ist es den Leuten ja auch egal von wo es kommt und zu welchen Bedingungen es produziert wird...

  • Peter Schmid am 29.01.2018 17:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unterschied

    Ich kann Arroganz ganz gut von Grösse unterscheiden. Und bei der SRG sehe ich beides sehr ausgeprägt...