Zum Sex gezwungen

03. März 2015 05:59; Akt: 03.03.2015 14:12 Print

«Blas mir eins, oder ich behalte dein Handy»

von D. Pomper - Sexualstraftaten unter Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Teenager zwingen Zwölf- bis 16-Jährige zur Prostitution.

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«Mädchen zwischen zwölf und 16 werden von ihrem Freund gezwungen, mit seinen Freunden zu schlafen», sagt Regula Schwager von der Beratungsstelle Castagna. Dafür kassiere der dann Geld oder Luxusgegenstände und steigere so sein Ansehen. (Symbolbild) (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

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Französische Schulen berichten über eine erschreckende Entwicklung: Immer öfter kommt es zu Sexualstraftaten unter Kindern zwischen zwölf und 14 Jahren. Jungs reichen ihre Freundinnen gegen Geld an Kumpels weiter. Oralverkehr auf dem Schulklo kostet 25 Euro. Die Geschichten aus Vorortschulen und prestigeträchtigen Pariser Gymnasien würden sich kaum unterscheiden, sagen Experten. Sie gehen von mindestens 5000 Fällen im französischen Schulmilieu aus. In Frankreich läuft derzeit eine Aufklärungskampagne.

Sexualstraftaten unter Kindern und Jugendlichen nehmen auch in der Schweiz stark zu, bestätigt Regula Schwager. Die Psychotherapeutin arbeitet bei Castagna, der Beratungsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder und weibliche Jugendliche in Zürich. 2014 meldeten sich 1044 Betroffene. 120 jugendliche Täter wurden gemeldet. Alle waren männlich.

«Mädchen zwischen zwölf und 16 werden von ihrem Freund gezwungen, mit seinen Freunden zu schlafen.» Dafür kassiere er Geld oder Luxusgegenstände und steigere so sein Ansehen. In einem Fall drohte der Junge seiner Freundin: «Wenn du nicht mitmachst, bist du eine Nutte.» Das Mädchen konnte dem nichts entgegensetzen und wurde von seinen Kollegen missbraucht, während sich alle im Raum aufhielten.

Angst, verlassen zu werden

«Die Mädchen werden psychisch massiv unter Druck gesetzt und so zur Prostitution gezwungen. Sie haben das Gefühl, nicht cool zu sein, wenn sie nicht mitmachen. Oder sie betrachten es als eine Art Liebesbeweis ihrem Freund gegenüber und haben Angst, sonst verlassen zu werden. Machen sie erst einmal mit, werden sie erpresst, häufig mit Fotos und Videos.»

Auch Nötigung kommt häufig vor, stellt Schwager fest. «Blas mir eins, sonst bekommst du dein Handy nicht zurück oder wir machen dich fertig.» Mit solchen Drohungen würden zwölf- bis 16-Jährige ihre gleichaltrigen Kolleginnen etwa zum Oralsex zwingen. Oder man drohe ihnen, Nacktbilder an die Eltern oder an Kollegen zu schicken. Auch Buben würden vereinzelt zu sexuellen Handlungen genötigt.

Opfer und Täter stammen laut Schwager aus allen sozialen Schichten. Ausländische Jugendliche seien verhältnismässig gleich vertreten wie schweizerische. Gewisse kämen aus zerrütteten Familien, andere aus gutem Hause. «Bei sexueller Gewalt geht es hauptsächlich um Macht. Indem man andere demütigt, holt man sich den Kick, fühlt sich stark, gewinnt an Ansehen.»

Sex mit anderen als Freundschaftsdienst

Auch Lucas Maissen stellt fest, dass die Hemmschwelle, Sex zu haben, in gewissen Kreisen sinke. «Sex hat in diesen Risikogruppen nicht mehr den ausgesprochen exklusiven Charakter», sagt der Psychologe, Leiter vom Schlupfhuus, einer Zürcher Opferberatungsstelle für Jugendliche.

Dort haben Jugendliche auch schon berichtet, dass sie zusehen mussten, wie etwa Freundinnen Sex mit anderen Jugendlichen hatten. Oder dass sie von ihren Freunden im Kollegenkreis herumgereicht würden, etwa um diese mit Sex aufzumuntern. Manche von ihnen berichten anfänglich, diese Vorgänge hätten für sie nichts Gewaltvolles, seien vielleicht sogar Freundschaftsdienste.

Auch fallen Maissen im Schlupfhuus vermehrt Mädchen auf, die ihre Partner schnell wechselten und plötzlich über viel Geld oder Luxusgüter wie teure Taschen verfügten. «Sie haben aber nicht das Gefühl ‹gekauft› zu werden, sondern interpretieren die Geschenke als Zeichen des Begehrtwerdens.» Gerade als Teenager tendiere man dazu, den Freund zu idealisieren.

Der Vergewaltiger ist nicht der böse Unbekannte

«Die Mädchen haben oft nicht von Beginn an das Gefühl, dass sie ausgebeutet werden, sondern dass sie ihren Freunden einen guten Dienst erweisen oder sie fühlen sich selber schuldig an der ganzen Sache», sagt Maissen. So würde man in einen bestimmten Freundeskreis aufgenommen oder akzeptiert. «Da spielt ein grosser sozialer Druck mit.»

Beunruhigend sei, dass die Mädchen nicht merkten, was rechtens sei und was nicht. «Erst auf mehrfaches Nachfragen hin räumen sie ein, dass es ihnen eigentlich gar nicht gefallen habe oder sie es eigentlich gar nicht gewollt hätten.» Gewisse Mädchen reagierten mit psychosomatischen Symptomen oder schlechten Leistungen in der Schule.

Maissen kritisiert die immer noch schwache Datenlage bezüglich sexueller Ausbeutung unter Jugendlichen. «In der Gesellschaft ist der Vergewaltiger noch immer ein Unbekannter – nicht der Schulkollege.» Nur ein Bruchteil der Fälle gelange an die Beratungsstellen und noch weniger gelangten an die Polizei (siehe Box).

Deshalb fordert Regula Schwager von der Beratungsstelle Castagna: «Wir alle müssen die Augen offen halten und falls nötig intervenieren.» Es sei zum Teil erschreckend, wie manchmal jahrelang Grenzverletzungen geduldet würden. «Kinder und Jugendliche müssen lernen, ihre eigenen Grenzen zu schützen und die Grenzen anderer zu respektieren.»

Wurden Sie zu Sex gezwungen oder wurden Sie von Freunden für sexuelle Handlungen an Kollegen weitergereicht? Schreiben Sie uns: feedback@20minuten.ch

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • J.LaFleur am 03.03.2015 06:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kaputte Welt

    Was ist bloß aus der Welt geworden.. Wir Leben in einer Gesellschaft wo 12-jährige prostituiert werden um "cool" zu sein.. Als ich 12 war, war es cool wenn man beim Fußball schöne Tore gemacht hat oder wenn man überhaupt mit Mädchen geredet hat.

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  • hapebe am 03.03.2015 07:31 Report Diesen Beitrag melden

    Verantwortung

    Es ist einfach nur noch erschreckend, das viele Eltern nicht sehen, was bei den Jugendlichen abgeht. Die Probleme sind nicht die Probleme der Kinder, sonderen Probleme unserer Generation/Gesellschaft. Es fehlt an Zeit, sich mit ihren Kindern auseinanderzusetzen, zu Erfahren, wie sie ihre Freizeit verbringen, zu loben und nötigenfalls die Bereitschaft zu haben, die erzieherische Schwarzpeter-Karte zu ziehen. Ich denke, dass die Ursachen genau gleich liegen, wie die Lehrerproblematik von gestern. Nur in einer anderen Farbe.... Eltern müssen sich ihrer Verantwortung wieder bewusst werden!

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  • Iwan Flury am 03.03.2015 07:18 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstvertrauen

    Ich vermute das hat einen grosen Teil mit der Erziehung der Eltern und Selbstvertrauen zu tun. Liebesbeweise und ähnliches hängen auch damit zusammen. Vor Videospielen, PC und dem Fernseher werden Selbstvertrauen und Selbstbestimmung nicht gefördert oder geschult. Facebook, Twiter usw. tun ihr übriges dazu beitragen, da es dort immer irgendjemand gibt der "besser" ist. Die Eltern sind in diesen Fällen gefragt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Schmetterling am 04.03.2015 15:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine eigene meinung

    Ich finde es liegt an der sache das kinder viel zu früh aufgeklärt werden, zu grosse erwartungen von der 1-5 klasse zb. (schulstoff die nicht altersgerecht sind), zuviel unterricht pro woche usw. Lässt die kinder kinder sein, lässt sie wider spielen und spass haben.. Mit familien, verwanten in die natur gehen und mit den kindern spielen .. (stein türme bauen, stein staumauern bauen in bächen und vieles mehr... ) zeigt den kindern eure erfahrungen und erlebnisse euren kindheit.. es gibt so viele möglichkeiten.. Gruss

  • Dominik Müller am 04.03.2015 14:48 Report Diesen Beitrag melden

    Krank - Kränker - am Kränksten!

    Ein Kind kommt zur Welt..es muss das ABC schon können und sogar schreiben! Ein Kind, darf kein Kind mehr sein und muss nach der Schule studiert sein.. So interpretiere ich die heutige Auffassung unsere Politiker/Pädagogen! Die Kindheit wurde ihnen genommen..sie kennen den Unterschied zwischen Kind und Erwachsen sein nicht mehr! Kein Wunder wird die Gesellschaft immer wie kranker.. Kinder leiden heute schon unter psychischem Stress... irgendwann werden Lehrlinge rar, da viele aufgrund psychischer Erkrankung nicht arbeiten können, dank der Schule! Die Welt bringt immer mehr Kranke zum Vorschein

  • Ah Ha am 04.03.2015 10:45 Report Diesen Beitrag melden

    Das Ende der Duldsamkeit

    fragt mich jetzt nicht wirklich woher das neue Frauenbild nun her kommt. Gibt ja immer mehr Fälle in England in Frankreich etc wo Frauen und Mädchen mehr als Ware angesehen werden, was die Eltern vorleben, führen halt die Kinder weiter.

  • ernst entsetzer am 04.03.2015 10:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    entsetzung

    unglaublich. als ich 12 wahr fand ich es cool ein mountenbike mit 24 gängen und federgabel zu haben. der pc oder ps 2 kahm dann mit 18 jahre als ich in die lehre kahm. dass selbstvertrauen der heutigen kids ist am ar...! für ein handy einem kollegen eins zu blasen. unglaublich. die eltern sollten denn kindern aufmerksamkeit geben und zeigen was wichtig ist. ein handy kann man neu kaufen und ein freund der sowas von seiner freundin verlangt ist nichts wert und locker ersetzbar.

  • schwangere am 04.03.2015 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    kein Wunder

    kein wunder wenn man bedenkt das die meisten in dem Alter Pornos schauen und wenn man mal sieht was bei solchen Filmchen abgeht (Frauen machen es mit mehreren Typen gleichzeitig usw) sie lernen leider nicht mehr, dass Sex was mit Vertrauen, Liebe uns Respekt zu tun hat.