Altersvorsorge

22. August 2017 08:34; Akt: 22.08.2017 08:34 Print

«Dann kaufen wir noch mehr im Ausland ein»

von D. Pomper - Mit der Rentenreform wird die Mehrwertsteuer erhöht. Heizt das den Einkaufstourismus an?

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Die Auslandeinkäufe von Schweizer Konsumenten steigen seit Jahren. 2016 erreichten sie ein Allzeithoch. Insgesamt stempelten die deutschen Hauptzollämter Singen und Lörrach 17,6 Millionen Ausfuhrscheine ab. Wird die Rentenreform am 24. September angenommen, werde der Einkaufstourismus weiter angeheizt, glaubt Marcel Schweizer, Präsident des kantonalen Gewerbeverbandes von Basel Stadt. «Durch die Erhöhung der Mehrwertsteuersätze um 0,6 Prozent, die die Reform vorsieht, werden die Konsumgüter in der Schweiz verteuert», sagt Schweizer. Die Bürger würden noch häufiger im Ausland einkaufen. Der Glarner Ständerat Werner Hösli (SVP), aufgenommen an der Landsgemeinde am Sonntag, 7. Mai 2017 in Glarus. Die Versammlung, die jedes Jahr am ersten Mai-Sonntag stattfindet, ist das oberste gesetzgebende Organ des Gebirgskantons. Sie ist eine Mischung aus Volksabstimmung und Parlament. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller) «Der Gewerbeverband lässt ausser Acht, dass die höheren Renten insbesondere bei Geringverdienern und Ehepaaren, deren Heiratsstrafe durch die Vorlage endlich vermindert wird, wieder zurück in den Konsum fliessen – also bringen», sagt CVP Generalsekretärin Béatrice Wertli. SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer: «Nicht wenn wir die Reform annehmen, sondern wenn wir sie ablehnen, kurbeln wir den Einkaufstourismus an. Dann nämlich sind unsere Renten im Alter nicht mehr gesichert, was eine grosse Gefahr für die Kaufkraft in der Schweiz ist.» CVP-Ständerätin Brigitte Häberli-Koller, die als Thurgauerin den Einkaufstourismus kritisch beobachtet, glaubt nicht an das Szenario Schweizers. Um dem Einkaufstourismus Einhalt zu gebieten, müsse die Schweiz mit Qualität punkten und Massnahmen am Zoll ergreifen, aber sicher nicht die AHV-Reform ablehnen: «Die Rentenreform führt wenn schon zu mehr Konsum und zwar deshalb, weil Rentenausfälle kompensiert werden.»

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Die Auslandeinkäufe von Schweizer Konsumenten steigen seit Jahren. 2016 stempelten die deutschen Hauptzollämter Singen und Lörrach insgesamt 17,6 Millionen Ausfuhrscheine ab.

Wird die Rentenreform am 24. September angenommen, werde der Einkaufstourismus weiter angeheizt, glaubt Marcel Schweizer, Präsident des kantonalen Gewerbeverbandes von Basel Stadt. «Durch die Erhöhung der Mehrwertsteuersätze um 0,6 Prozent, die die Reform vorsieht, werden die Konsumgüter in der Schweiz verteuert», sagt Schweizer. Die Bürger würden noch häufiger im Ausland einkaufen. Klar könne man argumentieren, die Verteuerung der Mehrwertsteuer entspreche «nur einem Kafi pro Tag». Aber: «Zehn Kafis ergeben auch schon eine stolze Summe.» Der Einkaufstourismus, dem bereits viele Arbeitsplätze in der Schweiz zum Opfer gefallen seien, erhalte neuen Antrieb. Insgesamt sei mit jährlichen Mehrkosten von insgesamt 6 Milliarden Franken zu rechnen.

«Position gegenüber ausländischen Anbietern geschwächt»

Auch «würden die durch die Reform ausgelösten höheren Lohnnebenkosten, die im Niedriglohnbereich überdurchschnittlich stark wirken, einen Preisschub auslösen», so Schweizer. Bernhard Salzmann, Sprecher des Schweizerischen Gewerbeverbandes, präzisiert: «Mit der Reform werden die Pensionskassenbeiträge sowie Lohnbeiträge erhöht. Beides verteuert die Arbeit.» Der Unternehmer müsse dies weiterverrechnen, mit der Folge, dass sich seine Produkte verteuerten. Zusätzlich schwäche die Erhöhung der Mehrwertsteuer die Position gegenüber ausländischen Anbietern weiter.

SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer, die gegen die «Hochpreisinsel Schweiz» kämpft, hält die Argumente des Gewerbeverbandes für unhaltbar. «Um den Einkaufstourismus zu bekämpfen, müsste sich der Gewerbeverband endlich für die Fixierung eines Mindestkurses gegen den überhöhten Schweizer Franken einsetzen.» Zudem gibt sie zu bedenken: «Nicht wenn wir die Reform annehmen, sondern wenn wir sie ablehnen, kurbeln wir den Einkaufstourismus an. Dann nämlich sind unsere Renten im Alter nicht mehr gesichert, was eine grosse Gefahr für die Kaufkraft in der Schweiz ist.»

«Rentenreform führt zu mehr Konsum»

CVP-Ständerätin Brigitte Häberli-Koller, die als Thurgauerin den Einkaufstourismus kritisch beobachtet, glaubt nicht an das Szenario Schweizers. Um dem Einkaufstourismus Einhalt zu gebieten, müsse die Schweiz mit Qualität punkten und Massnahmen am Zoll ergreifen, aber sicher nicht die AHV-Reform ablehnen: «Die Rentenreform führt wenn schon zu mehr Konsum und zwar deshalb, weil Rentenausfälle kompensiert werden.»

CVP-Generalsekretärin Béatrice Wertli gibt zu bedenken: «Der Gewerbeverband lässt ausser Acht, dass die höheren Renten insbesondere bei Geringverdienern und Ehepaaren, deren Heiratsstrafe durch die Vorlage endlich vermindert wird, wieder zurück in den Konsum fliessen – also Mehrumsatz bringen.» Es sei davon auszugehen, dass dieser in der Schweiz erfolgen werde – wenn Schweizer Händler und Anbieter konkurrenzfähig seien. Die CVP vertraue der Schweizer Qualität und der Schweizer Konkurrenzfähigkeit, sodass dieser Mehrumsatz in der Schweiz gemacht werden könne.

Marcel Schweizer hält diese Haltung für naiv: «Die Generalsekretärin verkennt die Situation der KMU-Wirtschaft, insbesondere in den Grenzregionen.» Nur schon die Bereiche Lohn- und Mietkosten sowie Schweiz-Zuschläge zeigten, dass es sich um einen Wettbewerb mit ungleich langen Spiessen handle.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rudolf am 22.08.2017 08:41 Report Diesen Beitrag melden

    Finger weg von der mwst!!

    Jedes Jahr erhöhen wir ein bisschen, für nichts und wieder nichts. Zuerst wird beim Bund (Personalabbau dringend notwendig) und im Asylwesen mal kräftig gespart, bevor wir wieder über die mwst reden.

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  • Ina B. am 22.08.2017 08:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ade Schweiz

    Wir schaffe uns echt selber ab! Wer soll das dann noch bezahlen können? Wir gehen in Deutschland einkaufen, nicht weil wir wollen, sondern weil wir müssen!

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  • Jannick am 22.08.2017 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    Ausland

    Ausland oder Aldi/Lidl, der Rest ist einfach reine abzocke. Schweizer Produkte im Ausland HALB so teuer??? Und in jedem anderen Land ist es umgekehrt...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lea am 22.08.2017 15:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die liebe CH

    Die schweiz genoss seit dem 2th weltkrieg den wachstum. Nun ist alles überteuert und in par Jahren bricht alles zusammen. Immer mehr Lohn, teurere Mieten, Kk usw. Armut CH steigt. Wer zb in Zh lebt , 2 Kinder hat, 4,5 zimmer Wohnung und Kk 3500 weg. Ohne Essen , tel, auto oder Öv usw. Das beste alles noch mehr zu verteuren.

  • Fis Kus am 22.08.2017 11:22 Report Diesen Beitrag melden

    Mehrwertsteuer für AHV nein!

    Hände weg von der Mehrwertsteuer! Dass diese Steuer irgendwann die Begehrlichkeit der Politik wecken würde, war bei deren Einführung so sicher wie das Amen in der Kirche. Einer der wenigen Trümpfe, die wir gegenüber dem Ausland noch haben, sind gerade unsere tiefen Mehrwertsteuersätze. Und was den Einkaufstourismus betrifft: Interessant und widerlich ist, dass Teile der Politik inzwischen nicht mehr fordern, die häufig unverschämten Preise im Inland zu senken sondern fiskalische Massnahmen an der Grenze zu Lasten der im Ausland Einkaufenden fordern.

  • Stauffi am 22.08.2017 11:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mwst.

    Die Erhöhung der Mwst. ist nicht das Problem. Unsere Wirtschaft ist es. Bei den letzten Erhöhungen gab es einen kräftigen Preisschub nach oben. Pro zehntelsprozent wurden Waren bis zu 5% teurer. Und das bei Margen von bis zu Faktor 6. Die Löhne wurde jedoch nicht angehoben...

  • Demokrat am 22.08.2017 11:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz hat...

    ...genügend Sparpotenzial und könnte die AHV und somit einen menschenwürdigen Lebensabend der Schweizer Arbeiterklasse locker finanzieren - ohne MWST-Erhöhung etc. etc. Für alles andere was in diesem Staat finanziert werden muss schiebt man in Bern gerne Geld hin und her. Aber wenn es um diejenigen geht welche ihr ganzes Leben in der Schweiz gearbeitet haben kann man jahrelang über Reformen debattieren. Der Staat und insbesondere die Politiker haben dem Volk zu dienen. Und in einer Demokratie sollte vor allem der Mehrheit gedient werden und nicht der privilegierten Minderheit.

  • Rafael am 22.08.2017 10:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mit Qualität punkten...

    Als ob Deutschland ein Drittweltland ist, wo man noch nie von Qualität gehört hat.