Mutter erzählt

02. März 2015 22:37; Akt: 02.03.2015 22:37 Print

«Darum unterrichte ich meine Kinder zu Hause»

von D. Pomper - Thirza Schneider schickt ihre Kinder nicht mehr zur Schule, weil die Tochter dort an Stress litt. Dank Heimunterricht gehe es ihr blendend.

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Frau Schneider, warum unterrichten Sie Ihre Kinder zu Hause?
Im ersten Schuljahr entwickelte unsere Tochter heftige Stresssymptome wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Hautausschläge. Sie bekam panische Angst vor Tests und Mathematik. Da der Unterricht zu Hause im Kanton Bern mit Bewilligung erlaubt ist, entschieden wir uns für das Homeschooling. Seit August 2014 unterrichten wir sie zu Hause. Unseren Sohn haben wir im Januar 2015 aus dem Kindergarten genommen, weil er gerne zu Hause sein wollte.

Gehen die Schule respektive die Lehrer zu wenig auf die Bedürfnisse von Schülern ein?
Ich stelle nicht die Lehrer infrage, sondern unser Schulsystem. Warum werden ausländische Kinder nicht besser gefördert? Warum werden intelligente, aber etwas langsame Kinder sofort abgeklärt? Warum müssen manche Zweitklässler ein bis zwei Stunden pro Tag Hausaufgaben machen? Warum haben Kinder heutzutage kaum mehr Zeit zum Spielen? Es wird von Kindern extrem viel verlangt in der Schule. Wegen finanziellen Kürzungen im Bildungswesen werden Klassen immer grösser und es gibt immer weniger Personal für Sonderfälle. Das sind alles Fragen, die mich zum Denken anregen.

Und Sie können die Bedürfnisse Ihrer Kinder besser erfüllen?
Wir haben eine Lehrperson, die uns beim Homeschooling begleitet. Sie ist immer für mich da, wenn ich Fragen habe und gibt Tipps betreffend Schulmaterial. Ansonsten glaube ich schon, dass ich kompetent genug bin, meine Kinder in ihrem Lernen zu begleiten. Ich habe viele Jahre als Sozialpädagogin mit Kindern gearbeitet und habe einen Masterabschluss.

Wie sieht der Schulalltag zu Hause aus?
Wir starten unseren Schulalltag um 9 Uhr und lernen bis ca. 11.30 Uhr oder 12 Uhr. In dieser Zeit nehmen wir Fächer wie Deutsch, Mathematik und Natur-Mensch-Gesellschaft durch. An einem Morgen turnen wir mit anderen Homeschool-Kindern oder werken im Freizythuus Münsingen. Oder wir nehmen an Lernanlässen teil. Am Nachmittag gehen die Kinder in die Musikschule, in Sportvereine oder gestalten zu Hause etwas Schönes. Da sie keine Hausaufgaben haben, haben sie viel Zeit, um mit anderen Kindern im Dorf abzumachen. Oder sie spielen mit unseren Tageskindern, die dreimal pro Woche kommen.

Gibt es auch spezielle Events?
Zweimal pro Monat gehen wir in ein Durchgangszentrum für Asylsuchende und gestalten zusammen mit Freunden und Bewohnern ein Programm. Zum Beispiel bemalen wir Tücher. Die Kinder probieren fremdes Essen, lernen Wörter in anderen Sprachen und verschiedene Kulturen kennen. Sie erfahren etwas über das Leben von Flüchtlingen, hören von Kriegen und Konflikten auf dieser Welt. Die Kinder lieben es. Oder vor einigen Monaten haben wir an einer Präsentation von Ärzte ohne Grenzen teilgenommen. Seitdem möchte meine Tochter mehr über Ärzte und Spitäler wissen. Daraufhin haben wir an einer Führung für Kinder an der Berner Kinderklinik teilgenommen.

Inwiefern hat sich das Verhalten Ihrer Kinder verändert, seit Sie sie zu Hause unterrichten?
Unsere Tochter ist glücklich und ausgeglichen und alle Stresssymptome sind verschwunden. Sie lernt sehr gern. Leider hat sie immer noch etwas Angst vor Mathematik, was bedeutet, dass wir da ganz behutsam vorangehen müssen. Ansonsten verbringt sie viel Zeit mit Malen und Gestalten und liebt es, Klavier zu spielen. Unser Sohn ist lernbegierig und wissensdurstig, liebt Mathematik und Deutsch und möchte einfach alles wissen und erforschen. Er hat seine Lernfreude noch nicht verloren.

Gibt es zu Hause auch Prüfungen und Noten?
Nein. Das ist auch nicht nötig, da ich ja genau weiss, was die Kinder schon gut können und wo sie noch mehr üben sollten. Unser Sohn macht freiwillig Blitztests am PC, da es ihm Spass macht. Das wäre der reinste Horror für unsere Tochter.

Wie lange wollen Sie Ihre Kinder zu Hause unterrichten?
Ich könnte mir vorstellen, dass wir die Kinder sicher bis zur 6. Klasse zu Hause unterrichten, zumindest unsere Tochter. Es könnte gut sein, dass unser Sohn dann früher mal zurück in die Schule möchte. Wer weiss, vielleicht machen wir ja sogar die Oberstufe zusammen. Ich lasse mich überraschen.

Haben Sie keine Angst, dass Ihre Kinder so ausgegrenzt werden?
Wir sind sehr dankbar, dass unsere Kinder im Dorf und auch in ihren Sportvereinen ganz und gar nicht ausgegrenzt werden. Sie gehen ins Unihockey, ins Geräteturnen und in den Schwimmunterricht. Sie haben viele Freundinnen und Freunde, und wir hoffen, dass das so bleibt.

Sie schützen Ihre Kinder vor der harten Schulwelt. Ist es für ein Kind nicht auch wichtig, mit schwierigen und frustrierenden Situationen umzugehen zu lernen?
Ja, das ist wirklich wichtig. Aber muss das ein 7-jähriges Kind bereits lernen, auch wenn es dabei fast in ein Burnout schlittert? Ich möchte meine Kinder lieber zuerst in ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Sozialkompetenz stärken, damit sie danach mit solchen schwierigen, frustrierenden und stressigen Situationen besser umgehen können.

Wie sollen sich Kinder, die vor dem zum Teil harten Schulalltag geschützt wurden, später in der noch härteren Arbeitswelt zurecht finden?
Die harte Arbeitswelt haben auch wir ganz neu kennen gelernt, als wir nach mehreren Jahren im Ausland in die Schweiz zurückkehrten. Auch für uns Erwachsene war das ein Schock und wir fragen uns, warum die Arbeitswelt in der Schweiz so unmenschlich, hart und unsozial sein muss. Viele Menschen, die normal zur Schule gegangen sind, kommen mit der gegenwärtigen Arbeitssituation in der Schweiz auch nicht mehr klar und immer mehr erleiden ein Burnout. Da hilft also die Schulvorbereitung auch nichts.

Wächst ein Kind, wenn es zu Hause unterrichtet wird, nicht in einer Seifenblase auf?
Im Gegenteil! Ich sperre meine Kinder nicht zu Hause ein. Wir sind viel unterwegs. Bei uns steht die Türe immer offen und an mindestens fünf Tagen die Woche gehen etliche Schulkinder bei uns ein uns aus. Da würde ich mir mehr Sorgen um die Kinder machen, die nach der Schule allein zu Hause sitzen und warten, bis ihre Eltern von der Arbeit zurückkommen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • H. Beck am 02.03.2015 22:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aus eigener Erfahrung...

    Aus eigener Erfahrung: Man lernt es erst selbst, wenn man den Kopf hart angeschlagen hat und nicht wenn Mami immer Sicherheitsdienst spielt und genau das verhindert.

    einklappen einklappen
  • Erfolg Reich am 02.03.2015 22:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das klingt wie der Unterricht,

    den ich mir als Schüler immer gewünscht habe!

  • eine Mutter am 03.03.2015 07:49 Report Diesen Beitrag melden

    Schulstress???

    Als mein Kleiner den Kindergarten besuchte, durfte er nachher raus zum Spielen. Seine Gspänli hatten da noch Frühenglisch, Tennisstunden, Ballett.... Teilweise wurden die Kinder 4 x pro Woche nach dem KiGa abgeholt und zu den verschiedenen Stunden gefahren. Die gleichen Mütter aber haben protestiert, dass der KiGa zu streng sei und die Kinder abends todmüde ins Bett fallen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ruth A. am 04.03.2015 13:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die armen Kinder...

    Diese Kinder tun mit leid....wo bleibt denn da der gemeinsame Schulweg, Pausen und Unterricht???? Also ich jedenfalls erinnere mich sehr gerne an diese gemeinsamen Stunden... ich denke da nützt auch die Sozialpädagogin mit Masterabschluss überhaupt nichts!!!! Diesen Kindern wird später bestimmt etwas fehlen....

  • Ana De am 03.03.2015 20:40 Report Diesen Beitrag melden

    Gruppenzwang ist nicht Sozialkompetenz

    Liebe Schreiber die denken diese Mutter hätte Defizite: Schauen Sie sich die Kinder IN der Schule an bzw. ihre Defizite. Ein Defizit an Sozialkompetenz und Umgangsfähigkeit (im positiven Sinn) zeigen Menschen, welche die Verantwortung abgeben - an Krippenpersonal, an Lehrer, etc. Jemand der selbst Verantwortung übernimmt zeigt von mir aus gesehen die grösste Kompetenz! Die Mär von der Sozialisierung durch Gleichaltrigenklassen hält sich zäh - es ist eine Mär, wann sehen wir das ein? Die derzeitigen Schulsytemprobleme wären Anschauung genug dazu...

  • Ana Laurenço am 03.03.2015 20:34 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Hoch..-

    Wunderbar - wieso immer diese Kritik? Was ist die Angst vor Eltern die ihre Kinder begleiten? Fragen Sie das selbe bei Schulkindern und sie werden ob den Antworten staunen. Selbstkompetenz und Durchhaltevermögen gibt es da - zumindest in sinnvollen, wünschenswerten Bereichen - nicht vorzuzeigen, im Gegensatz zu Kinder die von zu Hause aus lernen... Lassen Sie doch die paar Eltern welche sich diese enorme Arbeit machen in Ruhe und kümmern Sie sich um die vielen Kinder in der Schule, welche wirklich Unterstützung brauchen könnten. Ein Hoch auf diese Mutter!!

  • Homeschoolmama am 03.03.2015 19:58 Report Diesen Beitrag melden

    @ alle Homeschoolgegner

    Homeschooling ist eine Bildungsmöglichkeit für unsere Kinder. Es gibt öffentliche und private Schulen und es gibt Homeschooling. Es ist eine Möglichkeit und wie in Amerika, Canada und anderen Ländern ist es für die meisten Kinder ein guter Weg für ein erfolgreiches Lernen und Leben. In der Schweiz ist es noch nicht so bekannt und darum stösst man damit auf Wiederstand. Aber wenn ihr euch wirklich auf das Thema einlässt, Bücher darüber lest, Kontakt zu Homeschool-Familien oder Verein sucht, glaube ich ist eure Skepsis bald der Vergangenheit gewichen. Vielleicht bleibt ein Gefühl von Eifersucht

  • Ran Paul am 03.03.2015 16:12 Report Diesen Beitrag melden

    Freie Entscheidung

    In was für einer "freien" Schweiz leben wir überhaubt wo wir darüber diskutieren wie andere Familien ihre Kinder Aufziehen? Die kinder gehören auch nicht dem Staat also sollte der sich da auch raushalten. Oder hab ich den moment verpasst wo wir der Soviet Union beigetreten sind????