Daten der Werwölfe

23. Februar 2014 16:08; Akt: 23.02.2014 22:08 Print

«Das Entschlüsseln kann Millionen Jahre dauern»

von Marco Lüssi - Die Zürcher Staatsanwaltschaft beisst sich an den verschlüsselten Daten des Werwolf-Kommandos die Zähne aus. Es sei möglich, dass die Daten nie geknackt werden, sagt ein Experte.

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Im Rahmen einer international angelegten Razzia am 17. Juli 2013 in der Schweiz, in Deutschland und in den Niederlanden wurde auch die Gefängniszelle des Schweizer Neonazis Sebastien N. durchsucht. Die Behörden ermitteln gegen ein internationales rechtsextremes Terrornetzwerk. Der 24-jährige Sebastien N. (r.), der vermutlich am 5. Mai 2012 im Zürcher Niederdorf auf einen 26-Jährigen schoss und diesen schwer verletzte, wurde Anfang Mai 2012 in Hamburg verhaftet und später an die Schweiz ausgeliefert. In Hamburg hat der Schweizer seit vielen Jahren beste Beziehungen zur rechtsradikalen Szene der Stadt. Die Aufnahmen hier stammen vom 1. Mai 2008, als Sebastien N. in Hamburg an einer rechtsradikalen Demonstration teilnahm. Unter dem Motto «Arbeit und soziale Gerechtigkeit für alle Deutschen - Gemeinsam gegen Globalisierung!» hatte die NPD die äusserste Rechte Deutschlands nach Hamburg gerufen. 1500 Rechtsradikale und Tausende Gegendemonstranten reisten an. Zusammen mit Sebstien N. war auch sein Kumpel und Gesinnungsgenosse Jonas Schneeberger an jenem 1. Mai in Hamburg. Beide hatten gute Verbindungen zur Weisse-Wölfe-Terrorcrew. Die Fangruppierung einer rechtsradikalen Rockband gilt als gewaltbereite und aggressive Neonazi-Truppe. Jonas Schneeberger war medial bekannt geworden, weil er sich 2011 von den Schweizer Demokraten für die Nationalratswahl aufstellen liess. Drei Wochen vor der Wahl am 23. Oktober 2011 wurde seine braune Gesinnung bekannt, als dieses stossende Foto von Schneeberger aus der KZ-Gedenkstätte Buchenwald publiziert wurde: Vor den Opfern der Nazizeit hebt er den Arm zum Hitlergruss. Zusammen mit Schneeberger hatte Sebastien N. zudem im September 2006 in Grenchen einen Jugendlichen angegriffen. Insgesamt werden dem heute 24-jährigen Sebastien N. 42 Delikte zur Last gelegt. Dazu gehören Angriff, Köperverletzung, Raufhandel, Rassendiskriminierung und Drohung gegen Beamte. Seit den frühen Morgenstunden des Samstags, 5. Mai 2012, als Sebastien N. mutmasslich auf einen 26-jährigen Mann geschossen hat, ist ein Tötungsversuch hinzugekommen. Dem 24-Jährigen, der bereits zu 39 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, droht nun eine lange Haftstrafe.

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Die deutsche Generalbundesanwaltschaft führte am 17. Juli 2013 eine grosse Aktion gegen das Werwolf-Kommando durch – die Neonazi-Gruppierung wurde verdächtigt, Terroranschläge zu planen. Damals fanden auch bei vier Schweizern Hausdurchsuchungen statt – unter anderem in der Gefängniszelle des Neonazis Sébastien N.*, der 2012 in Zürich einen Mann niedergeschossen und schwer verletzt hatte.

Bei den Razzien in der Schweiz wurden diverse Datenträger sichergestellt. Diese sind noch immer nicht vollständig ausgewertet: Ein Teil der Daten ist so gut verschlüsselt, dass sie nicht geknackt werden konnten.

«Um sie doch noch entschlüsseln zu können, müssten wir nun aufwendigere Methoden anwenden, die entsprechend kostenintensiv sind», bestätigt der zuständige Zürcher Staatsanwalt Bernhard Hecht einen Bericht der NZZ. «Etwa, indem man einen Rechner anschliesst, der die möglichen Passwörter durchrechnet.»

«Enorme Datenmengen» sichergestellt

Man müsse nun mit der deutschen Generalbundesanwaltschaft klären, ob sich dieser Aufwand lohne – und ob Deutschland bereit sei, die entstehenden Kosten zu übernehmen. Ob die verschlüsselten Daten von Sébastien N. oder einem der anderen Verdächtigen stammen und ob nur einer oder mehrere der Beschuldigten Verschlüsselungsprogramme verwendet haben, will Hecht aus Gründen des Amtsgeheimnisses nicht sagen. Klar ist: Der Besitzer der Daten hat mit der Staatsanwaltschaft nicht kooperiert – sonst hätte sie diese längst sichten können.

Auch die deutsche Polizei hat im Rahmen ihrer Ermittlungen gegen das Werwolf-Kommando «enorme Datenmengen» sichergestellt, wie Marcus Köhler, Sprecher des Generalbundesanwalts beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe, auf Anfrage sagt.

Zur Frage, ob sich darunter auch verschlüsselte Daten befinden, will sich Köhler konkret nicht äussern, er räumt aber ein: «Wir werden in allen unseren Ermittlungsbereichen zunehmend mit den technischen Möglichkeiten der Datenverschlüsselung konfrontiert – und mit den daraus erwachsenden Schwierigkeiten bei der Datenauswertung.»

«Bei 20-stelligem Passwort müsste auch die NSA passen»

Hernani Marques, Sprecher der Hackerorganisation Chaos Computer Club Schweiz, hält es durchaus für möglich, dass es den Verdächtigen gelungen ist, ihre Daten so zu schützen, dass sie gar nie geknackt werden können. «Dazu reicht eine der gängigen Verschlüsselungssoftwares wie beispielsweise TrueCrypt und ein langes Passwort.»

Schon bei einem achtstelligen Passwort müsse ein einigermassen potenter Rechner bis zu zwei Monate arbeiten, um es zu knacken. Mit jeder weiteren Stelle nehme die Dauer exponentiell zu: Das Knacken eines zehnstelligen Passworts dauere bereits 600 Jahre, bei einem 20-stelligen seien es «Millionen von Jahren». «Da müsste selbst die NSA passen, sogar das Zusammenschalten mehrerer Rechner würde nichts mehr ausrichten.»

«Das sind keine IT-Cracks»

Für den Schweizer Rechtsextremismus-Experten Samuel Althof ist die Tatsache, dass Schweizer Verdächtige vom Werwolf-Kommando Verschlüsselungsprogramme verwendet haben, noch kein klarer Hinweis darauf, dass sie gefährliche Terrorpläne geschmiedet haben: «Es ist genauso gut möglich, dass sie damit anderes kompromittierendes Material auf ihren Computern schützen wollten, das nichts mit Rechtsextremismus zu tun hat – beispielsweise Pornografie.»

Dass sich Rechtsextreme mit Verschlüsselungstechniken befassten, liege zudem auf der Hand: «Es ist ihnen natürlich bewusst, dass sie sich mit ihrer Gesinnung immer am Rande der Legalität bewegen.»

Althof kennt drei der vier Schweizer Verdächtigen und hält sie nicht für «IT-Cracks»: Er traut ihnen lediglich zu, «mittel-fortgeschrittene Computer-User» zu sein. Gerade im Fall von Sébastien N. fehle es dazu auch an der Intelligenz. Für komplexere Verschlüsselungen müssten sie die Hilfe von Profis in Anspruch nehmen: «Doch in der Hackerszene dürfte die Bereitschaft klein sein, Rechtsextreme zu unterstützen.» Das bestätigt Marques: Neonazis könnten sicher nicht auf die Hilfe des Chaos-Computer-Clubs zählen.

*Name der Redaktion bekannt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • meme am 23.02.2014 16:40 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr gut!

    Dann funktioniert die Verschlüsselung ja so wie sie soll.

  • Roland Kämpe am 23.02.2014 16:49 Report Diesen Beitrag melden

    "Hilfe von Profis"

    Heutzutage und mit Tools wie TrueCrypt, ist es ein Kinderspiel Daten, ja ganze Computer, zu verschlüsseln. Wenn man die sensiblen Daten dann noch mehrfach verschlüsselt oder gar unsichtbare (nicht "versteckte" sondern tatsächlich nicht sichtbare) Systeme oder Container benutzt, dürfte es auch dem Laien gelingen, seine Daten effektiv vor unbefugtem Zugriff zu schützen.

  • BG am 23.02.2014 16:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmm

    Wetten es kommt noch soweit, dass verschlüsselungssoftware verboten wird?

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Adrian Bühlmann am 24.02.2014 06:54 Report Diesen Beitrag melden

    Für jeden zugänglich

    Ich bin dafür dass die Verschlüsselten Daten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Und eine Belohnung ausgesetzt wird. So kann jeder diese Daten versuchen zu entschlüsseln.

  • Jonas Hunziker am 24.02.2014 02:35 Report Diesen Beitrag melden

    Nur eine Frage der Zeit.

    Es wird wohl so kommen, dass am Ende die Gesetze geändert werden und im Falle von verschlüsselten Daten in Kriminalfällen die Kriminellen einfach automatisch die maximale Strafe erhalten, es sei denn sie rücken die Passwörter raus. Im Moment muss die Staatsanwaltschaft ihre Beschuldigungen noch mehr oder weniger beweisen können um eine Verurteilung zu erwirken, aber ich kann mir gut vorstellen, dass wenn in Zukunft Verschlüsselung ins Spiel kommt, der Spiess dann umgedreht wird und der Beschuldigte beweisen muss, dass er nichts Schlimmes hinter der Verschlüsslung versteckt.

  • Un Glaublich am 23.02.2014 18:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie bitte?

    Habe ich das richtig verstanden? Da haben ein paar rechtsextreme Nazi-Schnösel ihre Daten mit einem Passwort gesichert und niemand kann den Code knacken??? Aber es gibt Hacker, die in praktisch jedes erdenkliche System reinkommen??? Das heisst also, dass Verbrecher heute um ein x-faches cleverer und besser ausgerüstet sind als Polizei, Fahnder, Regierungsbehörden und dergleichen zusammen??? Das glaube ich einfach nicht!!!

  • Panzerknacker am 23.02.2014 18:47 Report Diesen Beitrag melden

    Kann man oder nicht?

    Das verstehe ich jetzt nicht. Einerseits wird behauptet es lässt sich nicht knacken, anderer seits will man bei den Deutschen nachfragen ob die Geld locker machen um es zu knacken. Kann man es nun knacken oder nicht?

  • McMoneysac am 23.02.2014 18:44 Report Diesen Beitrag melden

    Knack & Nuss

    Immerhin ist es beruhigend zu wissen, dass es Verschlüsselungssysteme gibt, die praktisch nicht zu knacken sind.