Analyse-Interview

10. Juni 2018 15:17; Akt: 10.06.2018 15:38 Print

«Das Olympia-Geld weckt Begehrlichkeiten»

Laut Politologe Thomas Milic haben grosse Sportanlässe in der Schweiz generell einen schweren Stand – vor allem wegen der hohen Kosten.

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Herr Milic, der Olympia-Beitrag im Wallis ist abgestürzt. Damit dürfte der Olympia-Traum geplatzt sein. Warum war die Skepsis so gross – obwohl Staatsrat Christophe Darbellay versprach, dass es keinen Gigantismus geben werde?
Grosse Sportanlässe haben generell einen schweren Stand beim Stimmvolk. Es ist ja nicht das erste Mal, dass eine Olympia-Kandidatur von den Stimmbürgern abgelehnt wird. Es ist wohl primär die Finanzierung und die Nachhaltigkeit, welche die Stimmenden regelmässig dazu bewegt, solche Kandidaturen abzulehnen. Solche Anlässe kosten viel (Steuer-)Geld und viele Stimmenden sind offenbar der Meinung, dass die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht aufgeht.

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Was halten Sie vom Nein zu Sion 2026?

Der Bund wollte sich mit bis zu einer Milliarde Franken an den Olympischen Spielen im Wallis beteiligen. Was passiert nun mit dem Geld?
Zu grossen Teilen ist das Geld ja eine Defizitgarantie. Aber ungeachtet dessen wird es nun selbstverständlich Begehrlichkeiten wecken von allen politischen Seiten. Bereits im Vorfeld der Abstimmung wurde etwa darauf hingewiesen, dass am gleichen Tag, als der Bundesrat die Gelder für Olympia sprach, der Vaterschaftsurlaub aus finanziellen Gründen abgelehnt wurde. Nun sei doch dieses Geld, welches für die Olympiade 2026 vorgesehen war, frei für den Vaterschaftsurlaub, werden die Befürworter wohl argumentieren.

Reden wir über die eidgenössischen Vorlagen: Warum blieb das Referendum gegen das Geldspielgesetz chancenlos?
Weil der grosse Streitpunkt – die Netzsperren für ausländische Geldspielanbieter – komplex war. Gerade für ältere Stimmberechtigte, die das Internet selten oder gar nie nutzen, sind solche Netzsperren unverständlich oder unwichtig. Und die älteren Stimmberechtigten haben heute den Grossteil der Stimmenden ausgemacht. Hinzu kommt, dass die Opposition vor allem vonseiten der Jungparteien kam. Sie haben aber ohne die Unterstützung ihrer Mutterparteien, die mit wenigen Ausnahmen für das Geldspielgesetz waren, schlicht nicht die Ressourcen, um einen intensiven und bewegenden Abstimmungskampf zu führen. Genau diesen hätte es aber gebraucht, um die Jungen, die eher skeptisch gegenüber Netzsperren sind, an die Urne zu treiben.

Die Jungparteien lehnten sich gegen das Gesetz auf. Warum hat ihr Widerstand nicht gewirkt?
Weil es – wie vergangene Abstimmungen zeigen – enorm schwer fällt, die Jungen jeglicher Parteifarbe zu mobilisieren. Bei einer derart tiefen Stimmbeteiligung, wie sie sich aktuell abzeichnet, nehmen vor allem jene teil, die das Abstimmen als Bürgerpflicht betrachten. Und dieses Pflichtgefühl ist bei den jüngeren Stimmberechtigten weniger stark ausgeprägt als bei den älteren.

Welche Rolle spielte das Geld?
Bei Abstimmungskampagnen gilt, was auch für das Leben im Allgemeinen gilt: Geld schadet nicht oder selten, aber es nützt längst nicht immer. Ich glaube, dass die Kampagneninvestitionen auch bei dieser Abstimmung keine allzu wesentliche Rolle gespielt haben. Das Resultat wäre nicht wesentlich anders ausgefallen, hätten die Budgets der beiden Lager anders betragen. Die geringe Wirkung der Kampagnen ist beispielsweise auch daran zu erkennen, dass die Stimmbeteiligung tief ausfiel.

Hat es geschadet, dass bekannt wurde, dass die ausländische Casino-Lobby, die European Gaming and Betting Association (EGBA), nicht nur das Referendum, sondern auch die Nein-Kampagne unterstützt hat?
Ich denke nicht, dass diese Episode die Erfolgschancen der Gegner des Geldspielgesetzes ruiniert hat. Und zwar einfach deswegen, weil wahrscheinlich nur ein geringer Teil der Stimmenden davon erfahren hat. Und selbst wenn diese News bei einem gewissen Teil der Stimmenden eine Rolle gespielt haben, so ist davon auszugehen, dass dieser Effekt durch jene «neutralisiert» wurde, die das Geldspielgesetz abgelehnt haben, weil sie es umgekehrt für ein Projekt der Casino-Lobby hielten.

Die Befürworter des Geldspielgesetzes warnten davor, dass bei einem Nein Tiergehege und Sportplätze geschlossen werden müssten. War das clever?
Geschadet hat es offenbar nicht. Ob das Heraufbeschwören von apokalyptischen Szenarien nützt, ist schon schwieriger zu beantworten. Ich denke nicht, dass das Geldspielgesetz hauptsächlich deswegen angenommen wurde, um das «Elefäntli» vom Zoo vor dem sicheren Hungertod zu retten. Denn vergangene Abstimmungsanalysen haben gezeigt, dass Stimmende weder den Aussagen der Gegner noch den Aussagen der Befürworter vorbehaltlos Glauben schenken, sondern solche Plakate aus Erfahrung meistens mit Vorsicht geniessen.

Anders als die Billag-Abstimmung haben die Themen Vollgeld und Geldspiel die Massen kaum bewegt. Warum?
Erstens, weil beide Themen ziemlich komplex waren. Vielen Stimmenden dürfte es schwer gefallen sein zu verstehen, was «Vollgeld» oder «Netzsperren» sind und was diese Dinge mit ihrem täglichen Leben zu tun haben. Zweitens, haben auch keine allzu intensiven Kampagnen stattgefunden und auch die Medien haben darüber eher sparsam berichtet. Das wiederum signalisiert dem Stimmbürger, dass es sich offensichtlich um eine unwichtige Vorlage handeln muss und als Folge davon bleibt er der Urne fern.

Die Grafik zum Abstimmungssonntag:


(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kritiker am 10.06.2018 17:31 Report Diesen Beitrag melden

    Subventionen für Millionäre

    ich wüsste nicht weshalb "Sport" Millionäre mit ihrem Millionenbusiness auch nur mit einem einzigen Steuerfranken subventioniert werden sollten. Von den Betrügereien die dieser "Sport" mit sich bringt ganz zu schweigen. Sport ist wenn ihr die Turnschuhe anzieht und nach draussen geht, aber nicht dieser Zirkus hier.

  • Eidgenosse. am 10.06.2018 16:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lieber Constantin und Hr.Pirmin

    Ihr habt genug Kohle, wieso wolltet ihr das Volk in die Knechtschaft treiben ? Die Antwort habt ihr heute bekommen.

  • Paul am 10.06.2018 17:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chance

    Die Chance auf ein grosses finanzielles Desaster wurde heute vertan. Zum Glück können wir in anderen Projekten das Geld zum Fenster rausschmeissen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • w. Vogt am 11.06.2018 14:20 Report Diesen Beitrag melden

    Lieber Bundesrat

    Lieber Bundesrat steckt doch die Milliarde in die AHV dann muss man keine Abstimmung mehr machen und wenn dann noch die geklauten 9 Milliarde zurück gegeben werden die man abgezweigt hat, kann noch eine AHV Rentenerhöhung in betracht gezogen werden

  • Oelbrenner am 11.06.2018 13:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    bin noch so froh auf NEIN

    was hat ein brennendes oelfass auf dem matterhorn zu suchen ihr olympia befhrworter?

  • sigi leu am 11.06.2018 12:22 Report Diesen Beitrag melden

    wohin jetzt

    Wenn die Schweiz oder Österreich wo fast alle Infrastrukturen vorhanden sind, keine Nachhaltigen Spiele veranstalten kann. Wer soll es dann noch können. Dann gibt es nur eine Lösung, die Spiele müssen anders Organisiert werden oder ganz abgeschafften.

  • denker am 11.06.2018 11:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    und wo ist jetzt das geld

    Und jetzt wo gehen die 100 millionen vom walliserstaat hin dieses geldhat nie existiert also sind wir blöd

  • Werner K am 11.06.2018 11:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glaubwürdigkeit

    Die Glaubwürdigkeit eines Herrn Darbellay ist nach seinen Eskapaden natürlicherweise nicht sehr hoch. Wenn er etwas verspricht weiss man ja nicht was er noch verschweigt. Schon deshalb musste Sion 2026 abgelehnt werden.