Rassismus-Bericht

09. April 2018 09:56; Akt: 09.04.2018 09:56 Print

«Hast du etwa Ebola?»

An Kindergärten und Schulen wurden im letzten Jahr doppelt so viele Vorfälle von Rassismus gemeldet wie im Jahr zuvor. Was sind die Gründe?

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Der Verein Humanrights.ch und die Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) sammeln in ihrem neuesten Bericht Beispiele für Rassismus in der Schweiz:

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Wieso nehmen die Fälle von Rassismus an Schulen zu?

• Ein 10-Jähriger wird von Mitschülern als «Negerlein» beschimpft, sie fragen ihn, warum er so stinke und ob er Ebola habe.

• Ein Buschauffeur weigert sich, minderjährige Asylsuchende bis an die Endstation zu fahren. Auf Rückfrage antwortet er, sie könnten ja zu Fuss gehen und dass sie in der Schweiz keine Rechte hätten. Weiter sagt er: «Geht doch zurück nach Afrika.»

• In einem Freibad wurde Migranten das warme Wasser zum Duschen abgestellt und in einer internen Richtlinie vor Migranten «gewarnt»: Diese würden nur ins Bad kommen, um zu duschen und Probleme zu verursachen.

• Eltern wehrten sich dagegen, dass ihre Kinder gemeinsam mit unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden unterricht wurden. Mit «Erfolg»: Die Asylsuchenden werden nun getrennt von den restlichen Schülern unterrichtet.

Insgesamt 301 Mal wurde einer kantonalen Beratungsstelle 2017 Fälle von Rassismus gemeldet – deutlich mehr als im Vorjahr. 43 Fälle betrafen Diskriminierungen am Arbeitsplatz, bereits 42 Fälle wurden im Bildungsbereich verzeichnet.

Doppelt so viele Diskriminierungen in der Schule

«Die Zunahme im Bildungsbereich ist auffällig», sagt Martine Brunschwig Graf, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Allein 31 Meldungen betrafen die obligatorische Schule, 11 weitere Fälle von Diskriminierung betrafen Kindertagesstätten oder das Studium. Im Bildungsbereich wurden doppelt so viele Diskriminierungen gemeldet wie noch im Vorjahr.

«Gerade die Schule ist ein heikler Ort, weil junge Menschen dort lernen, wie sie mit Fremdem umgehen sollen», sagt Brunschwig Graf in der «SonntagsZeitung». Sie stelle fest, dass Lehrer kaum geschult würden und im Unterricht nur ungenügend über Rassismus gesprochen werde. «Rassismus ist ein Thema, das man in verschiedenen Fächern behandeln sollte.»

Lehrer sind sensibilisiert

«Ein toleranter Umgang wird im Unterricht tagtäglich gelehrt», kontert Marion Heidelberger, Vizepräsidentin des Schweizer Lehrerverbands (LCH). Für sie sind die gemeldeten Fälle gravierend und keine Einzelfälle. «Wir beobachten häufig, dass Kinder beispielsweise rassistische Witze von Mitschülern anhören müssen oder ausgegrenzt werden», sagt sie zu 20 Minuten.

Jedes Kind komme mit seinem eigenen Wertesystem ins Schulzimmer. Gründe für die Zunahme der Diskriminierungsfälle sieht Heidelberger einerseits bei der höheren Zahl fremdsprachiger Kinder in den Schulen, was mehr Angriffsfläche biete. Andererseits seien alle stärker sensibilisiert. «Die Lehrer schauen genauer hin und intervenieren bei rassistischen Tendenzen eher als früher».

Mehr Rassismus wegen Plakaten?

SP-Nationalrätin Martina Munz beunruhigt die Zunahme der Rassismusvorfälle an Schulen. Diese seien massgeblich auf die politische Kultur zurückzuführen. Munz nimmt vor allem die umstrittenen Plakate der SVP ins Visier – schwarze Schafe, Burkaverbot, «Kosovaren schlitzen Schweizer auf». «Solche Plakate haben dazu beigetragen, dass grosse Teile der Bevölkerung rassistischen Tendenzen gegenüber toleranter geworden sind», sagt die Bildungspolitikerin. Davon würden auch Jugendliche beeinflusst. Eine Zunahme rassistischer Handlungen an Schulen sei die Folge. «Die Politik muss Verantwortung übernehmen für die Botschaften, die sie aussendet», fordert Munz. «Das Schüren von Hass und Angst ist gefährlich.»

Umso wichtiger sei es, dass die Lehrpersonen den Schülern aufzeigen würden, was eine tolerante Gesellschaft ausmache. «Man muss ihnen klarmachen, dass Minderheiten in der Schweiz geschützt sind», sagt die Berufsschullehrerin. Ebenfalls sei auf eine gute Durchmischung der Schulklassen zu achten. «Sehr hohe Ausländeranteile führen dazu, dass Schweizer Familien aus den entsprechenden Quartieren abwandern und es zu Ghettobildungen kommt», warnt Munz. Die Trennung der Gesellschaft sei der Nährboden des Rassismus. Die Durchmischung funktioniere in der Schweiz bisher aber sehr gut, so Munz.

Mehr sensibilisiert, mehr Meldungen

Unbeeindruckt von den Zahlen ist FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Dass eine echte Zunahme von Rassismus an Schulen stattgefunden hat – wie es die Zahlen der letzten Jahre suggerieren –, glaubt er nicht. «Die Zunahme der Fälle geht wohl eher auf eine erhöhte Sensibilisierung zurück», sagt Wasserfallen, der selber zwei Jahre in einer Schulkommission tätig war. «Generell kommt es heute früher zu einer Meldung als noch vor ein paar Jahren».

Die EKR setze ihren Fokus zu einseitig auf Rassismusvorfälle, kritisiert Wasserfallen. «Linksextreme Gewalt findet sich beispielsweise nirgends in ihrer Statistik». Dabei sei gerade diese ein weitaus grösseres Problem bei den Jugendlichen als Rassismus. Den Einfluss der SVP-Plakate, denen Munz viel Gewicht beimisst, relativiert er. «Ich kann mir kaum vorstellen, dass Polit-Kampagnen eine Gesellschaft derart verändern können – schon gar nicht Schüler in der obligatorischen Schulzeit.»

(bus/sul)