Datenschutz an Schulen

04. Juni 2018 10:19; Akt: 04.06.2018 10:41 Print

«Das Whatsapp-Verbot ist realitätsfremd»

Weil Whatsapp das Mindestalter erhöhte, schliessen viele Lehrer ihre Klassenchats. Datenschützer wollen die App im Klassenzimmer ganz verbieten.

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Whatsapp hat vor rund einer Woche seine Geschäftsbedingungen geändert. Neu muss man mindestens 16 Jahre alt sein, um die App nutzen zu können. Davon sind auch viele Schüler betroffen, die in Klassenchats sind. Lehrer müssen diese jetzt löschen. Zuvor konnten sie schnell und unkompliziert mit ihren Schülern Infos austauschen. «Auch Hausaufgaben und Hilfestellungen dazu werden über Whatsapp-Gruppen organisiert», sagt Christian Hugi, Präsident des Lehrerverbands des Kantons Zürich zur «Sonntagszeitung». In der ganzen Schweiz ist man auf der Suche nach Alternativen, wie die «Sonntagszeitung» schreibt. Im Oberstufenzentrum Orpund bei Biel wurde sogar eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Philipp Wampfler ist Experte für Lernen mit neuen Medien. Er sieht den Nutzen auf zwei Ebenen: «Einerseits ist die direkte Kommunikation per Whatsapp sehr praktisch. Ich könnte mir keinen zeitgemässen Unterricht ohne vorstellen», sagt er zu 20 Minuten. Auf der anderen Seite hätten die meisten Klassen sowieso einen Whatsapp-Chat, ob da jetzt der Lehrer dabei sei oder nicht: «Es ist eine Chance für die Schulen, diese zu begleiten und die Kinder in ihrer Welt abzuholen», so Wampfler weiter. Daniel Kachel, Präsident des Verbands Sekundarlehkräfte des Kanton Zürich, rechnet damit, dass Whatsapp auch weiterhin von unter 16-Jährigen genutzt wird: «Wir haben diese Technologien nun mal. Es ist auch die Aufgabe der Schulen, den Umgang damit zu lehren», sagt er. Für den Schulalltag habe die Ankündigung allerdings keine grossen Folgen: «Ich gebe sowieso keine Hausaufgaben via Whatsapp ab», sagt Kachel. Das sei mit anderen Applikationen besser möglich. Wer weiterhin Whatsapp nutzt und unter 16 Jahre alt ist, verstösst gegen kein Gesetz, sondern nur gegen die Nutzungsbedingungen der App. «Strafbar macht man sich damit sicher nicht», sagt Rechtsanwalt Martin Steiger.

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Schweizer Schulen schliessen Klassenchats. Weil Whatsapp das Mindestalter für die Nutzung in Europa auf 16 Jahre erhöht hat, wollen Lehrer Alternativen finden. Christian Hug, Präsident des Zürcher Lehrerverbands, sagt der «Sonntagszeitung», er gehe davon aus, dass Lehrer, die bisher Whatsapp nutzten, auf andere Apps ausweichen würden. Man könne alternativ auch E-Mails nutzen. Ein Jurist des Lehrerverbands «Bildung Bern» rät laut der Zeitung, zur Kommunikation über SMS zu wechseln.

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Braucht es Whatsapp-Klassenchats?

Hintergrund ist die neue Datenschutz-Grundverordnung der EU. Diese hat das Mindestalter für die Verarbeitung von Daten von Nutzern auf 16 Jahre festgelegt. Mitgliedstaaten können das Alter herabsetzen, wie es etwa Österreich getan hat, und für die Schweiz gilt die Verordnung nicht direkt. Whatsapp und andere Dienste haben die neuen Nutzungsbedingungen trotzdem für ganz Europa umgesetzt.

«Die Massnahme ist blauäugig»

Daniel Kachel, Präsident des Verbands Sekundarlehrkräfte des Kanton Zürich, sagt zu 20 Minuten: «Wenn diese Massnahme Missbräuche verhindern soll, halte ich sie für blauäugig.» Whatsapp werde auch weiterhin von unter 16-Jährigen genutzt werden. «Wir haben diese Technologien nun mal. Es ist auch die Aufgabe der Schulen, den Umgang damit zu lehren», sagt er.

Er persönlich gebe keine Hausaufgaben via Whatsapp ab und er könne seine Schüler und die Eltern auch telefonisch oder mit SMS erreichen. Es gebe aber Klassenchats. «Dass wir wegen der Altersgrenze nun etwas in die Wege leiten müssen, glaube ich nicht», sagt Kachel. Auf dem Markt gebe es unzählige Chatmöglichkeiten.

Sperrt Whatsapp nun Nutzer?

Wer weiterhin Whatsapp nutzt und unter 16 Jahre alt ist, verstösst gegen kein Gesetz, sondern nur gegen die Nutzungsbedingungen von Whatsapp. «Strafbar macht man sich damit sicher nicht», sagt Rechtsanwalt Martin Steiger. «Es geht Whatsapp nicht darum, unter 16-Jährige auszuschliessen, sondern Whatsapp möchte auf Nummer sicher gehen.» Die Gefahr, dass Whatsapp Nutzer sperre, halte er für sehr gering.

«Kinder und Jugendliche sind nicht mündig. Sie können grundsätzlich keine Verträge abschliessen», sagt Steiger. «Die Eltern waren immer schon verantwortlich.» Das gelte auch für Alternativen wie E-Mail, SMS oder Threema. Immerhin dürften Minderjährige über geringfügige alltägliche und unentgeltliche Angelegenheiten selbst entscheiden. Dazu könne Whatsapp zählen. An Schulen sei es aber nicht neu, dass Einwilligungen von Eltern eingeholt würden, etwa für Fotos.

«Verbot ist realitätsfremd»

An schweizerischen Schulen habe der Verzicht auf Whatsapp denn auch nichts mit der neuen EU-Verordnung zu tun. «Im Kanton Zürich sagt etwa der Datenschutzbeauftrage, die Nutzung von Whatsapp in Schulen sei auf Grundlage des bestehenden Schweizer Rechts nicht zulässig», sagt Steiger. «Das halte ich insgesamt für realitätsfremd.»

Im entsprechenden, kürzlich überarbeiteten Merkblatt heisst es: «Nutzen Lehrpersonen oder schulische Mitarbeitende Whatsapp, um [...] mit den Schülern Informationen auszutauschen, müssten [...] alle Personen, die im Adressbuch verzeichnet sind, eingewilligt haben.» Das, weil Whatsapp auch Daten von Personen nutze, die die App selbst nicht gebrauchten, aber als Kontakte gespeichert seien.

«Die Nutzung von Whatsapp durch Lehrpersonen ist nicht rechtmässig, da es solche vollständigen Einwilligungen praktisch nicht gibt», heisst es im Merkblatt. Das bedeutet nicht das Ende der Klassenchats: Der kantonale Datenschützer verweist auf datenschutzkonforme Apps wie etwa Signal.

(ehs/nk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Realist am 04.06.2018 10:25 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist los mit euch?

    Also mal ehrlich, als ich in der Schule war ging es auch ohne WhatsApp oder Ähnliches...

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  • Nordkantonler am 04.06.2018 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Nordkantonler

    Ich lehne solche erzwungenen Chats strikt ab - mit welchem Recht will mich ein Lehrer zwingen, meine Mobilfunknummer allen anderen Personen in der Klasse mitzuteilen? Schule ist nicht immer nur Harmonie, ich hätte damals nicht jedem anderen Mitschüler meine Nummer gegeben.

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  • Martin Brändle am 04.06.2018 11:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehl am Platz

    Ein Lehrer, der sagt, er könne sich ohne WhatsApp oder ähnliche Apps keinen zeitgerechten Unterricht vorstellen, hat den Beruf verfehlt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • ironischer Senior am 05.06.2018 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    erstaunlich, dass wir lernen konnten...

    ....ohne WhatsApp. Ich habe mich schön öfter gefragt ob es sinnvoll ist. wenn die Schüler sogar vom Lehrer zur Handynutzung aufgefordert werden? Das wäre doch mal eine Studie Wert, wieviel Energie so ver(sch)wendet wird und ein pragmatischer Ansatz zum Energie sparen. Auch handyfreie Zeit soll angeblich sinnvoll sein:)

  • S'Mama am 05.06.2018 09:13 Report Diesen Beitrag melden

    Denkanstoss

    Threema heisst die schweizer version welche auch den Datenschutz erfüllt da die ID nicht auf der Rufnummer bassiert sondern auf einem zufälligen Buchstabencode und die Server in der Schweiz stehen. Aber das die Kinder / Jugendlichen unter 16 überhaupt ein Smartphone und Socialmedia brauchen ist mir rätselhaft. Besonders da die Gefahr der Vereinnahmung bis hin zur Abhängigkeit bekannt ist. Das wäre ja wie wenn ich meiner 13järigen Bier oder Zigaretten kaufen würde

  • Olivier am 05.06.2018 00:01 Report Diesen Beitrag melden

    Zu Telegram wechseln

    Dan sollten sie zu Telegram wechseln.

  • Lehrer am 04.06.2018 21:47 Report Diesen Beitrag melden

    Alles verkehrt im 2018

    Eine Hilfe, Erleichterung für den Lehrer, sicher nicht für den Schülern.

  • Arla am 04.06.2018 21:01 Report Diesen Beitrag melden

    Kettentelefon

    Wow, wie haben wir das damals geschafft... kennt jemand noch das Kettentelefon? Oder wie hiess das nochmal? Lehrer ruft Schüler 1 an, dieser klingelt bei Schüler 2... bis alle informiert waren konnten Stunden vergehen.