Uttwil TG

06. Mai 2018 18:37; Akt: 06.05.2018 18:40 Print

«Das ist das Gegenteil von Integration»

von Sandro Büchler - Mit Uniformen und Holzgewehren stellen türkischstämmige Primarschüler eine blutige Schlacht nach. Politiker sehen die Behörden in der Pflicht.

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Im Thurgau stellten Primarschüler die Schlacht von Gallipoli nach: Schweizerisch-türkische Kinder zielen mit Holzgewehren aufs Publikum, sie tragen Militäruniformen, aus den Boxen tönen Gewehrsalven. Für Grünen-Nationalrätin Sibel Aslan (BS) ist das Gezeigte nicht akzeptabel: «Das Erziehungsdepartement kann nicht tolerieren, dass Kinder in diesem Alter für Propagandazwecke missbraucht werden. Hier muss rasch eingegriffen werden, um die Kinder zu schützen.» Auch FDP-Ständerat Andrea Caroni (AR) hat kein Verständnis: «Das ist komplett aus dem Ruder gelaufen. Es geht nicht, dass Schüler auf martialische Art und Weise für türkische Propaganda herhalten müssen. Das ist das Gegenteil von Integration!» Der Zürcher SVP-Nationalrat Mauro Tuena (vorne) stellt die Heimatkunde-Kurse generell in Frage: «Wenn Kinder mit Gewehren spielen, tragen sie das später auf die Strasse. Das hat hier nichts verloren». Er fordert deshalb die Abschaffung. Nationalrat Christoph Eymann (FDP) findet die heroische Darstellung problematisch: «Mit den Kursen soll die Integration erleichtert werden, nicht die Politik eines Landes verherrlicht werden. Kultur und Geschichte sollte objektiv vermittelt werden – nicht mit Kriegsspielen». Ein Türkei-Experte bezeichnet die Szenen als einen Anlass, bei dem Kinder gezielt für nationalistische Kriegs-Propaganda von Staatspräsident Tayyip Erdogan instrumentalisiert würden. Ahmet Tak, Präsident des Dachverbandes der türkischen Elternvereine in der Ostschweiz, versteht die Polemik nicht: «Vor 20 oder 30 Jahren war dieses Stück für niemanden ein Problem, jetzt soll es plötzlich Propaganda für Erdogan sein?» sagt er im Interview mit 20 Minuten. Die Schlacht von Gallipoli wurde im Ersten Weltkrieg zwischen 1915 und 1916 ausgetragen. Jedes Jahr am 25. April gedenken die beteiligten Länder Australien und Neuseeland der in der Schlacht gefallenen Soldaten.

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Was am 25. März auf der Bühne im thurgauischen Uttwil gespielt wird, ist irritierend. Schweizerisch-türkische Kinder zielen mit Holzgewehren aufs Publikum, sie tragen Militäruniformen, aus den Boxen tönen Gewehrsalven. Die Primarschüler stellen sich tot und werden von Kameraden mit der türkischen Flagge zugedeckt. Nachgespielt wird die Schlacht von Gallipoli, ein Gefecht im Ersten Weltkrieg, bei dem Soldaten des Osmanischen Reiches, britische, französische, australische und neuseeländische Truppen zurückschlugen. Der «SonntagsBlick» hat die Theateraufführung in einem Video dokumentiert.

Die Darbietung entstand im Rahmen des Kurses «Heimatliche Sprache und Kultur» und soll die türkische Sprache der Schulkinder und ihre Integration fördern, die interkulturellen Kompetenzen festigen. Die kantonalen Schulbehörden arbeiten dazu mit der türkischen Botschaft zusammen. Sie finanziert und den Unterricht und stellt auch die Lehrpersonen.

«Komplett aus dem Ruder gelaufen»

Die Aufführung empört Politiker. Für Grünen-Nationalrätin Sibel Aslan (BS) ist das Gezeigte nicht akzeptabel: «Das Erziehungsdepartement kann nicht tolerieren, dass Kinder in diesem Alter für Propagandazwecke missbraucht werden. Hier muss rasch eingegriffen werden, um die Kinder zu schützen.» Auch FDP-Ständerat Andrea Caroni (AR) hat kein Verständnis: «Das ist komplett aus dem Ruder gelaufen. Es geht nicht, dass Schüler auf martialische Art und Weise für türkische Propaganda herhalten müssen. Das ist das Gegenteil von Integration!» Die Kantone können eine Instrumentalisierung des Freifachs sanktionieren. Denn in den Heimatkunde-Lektionen darf gemäss Rahmenlehrplan keine politische und nationalistische Indoktrination stattfinden. Ansonsten kann der Kanton die Zusammenarbeit aufkünden.

«Das hat hier nichts verloren»

Nationalrat Christoph Eymann (FDP) findet die heroische Darstellung problematisch: «Mit den Kursen soll die Integration erleichtert werden, nicht die Politik eines Landes verherrlicht werden. Kultur und Geschichte sollte objektiv vermittelt werden – nicht mit Kriegsspielen». Eymann hofft, dass die Vorkommnisse in Uttwil ein Weckruf für die Behörden sind, sich auf sinnvolle Bildungsinhalte zu besinnen. Der Zürcher SVP-Nationalrat Mauro Tuena stellt die Heimatkunde-Kurse generell in Frage: «Wenn Kinder mit Gewehren spielen, tragen sie das später auf die Strasse. Das hat hier nichts verloren». Er fordert deshalb die Abschaffung. «Wir haben immer gesagt, dass diese Heimatkunde-Kurse nichts bringen. Die Leute müssen unsere Kultur und Mentalität kennen».

Forderung nach unabhängigen Lehrern

Für Tuena hätten die Behörden genauer hinschauen müssen. Auch für FDP-Ständerat Andrea Caroni muss der Staat nun die Schraube anziehen, «denn hier wurde der Integrationsgedanke zur Glorifizierung der türkischen Geschichte missbraucht.» Grünen-Politikerin Sibel Aslan – selbst mit türkisch-kurdischen Migrationshintergrund – fordert unabhängige Lehrer: «Die Lehrpersonen für heimatliche Sprachkurse sollten hier ausgebildet werden – und auch von der Schweiz finanziert werden. Denn in den Kursen geht es hauptsächlich um die Pflege der Herkunftssprache – nicht um eine Verklärung der Geschichte».